Atemlos im Wohlstandsbett

9. August 2009, 18:17
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Peter Rosei legt mit seinem neuen Roman "Das große Töten" einen weiteren großartigen Abschnitt seiner Erzählchronik über die österreichischen Verhältnisse vor

Wien - In seinem dieser Tage veröffentlichten Roman Das große Töten (verlegt bei Residenz) übt der Wiener Prosaschriftsteller Peter Rosei (63) die hohe Kunst der Leserverunsicherung. Roseis lakonische Texte - das neue Buch umfasst gerade einmal 160 Seiten - verdichten Lebensschicksale auf wenigen Seiten zu aufrüttelnden Fallstudien.

Ein Priesterseminarist und ein gescheiterter Journalist leben in unbewusster Distanz zur österreichischen Lebenswelt: Sie glauben, besser als der Rest zu sein.

Sie scheitern daran, in der Wohlstandsgesellschaft Tritt zu fassen. Sie bleiben an die Durchschnittlichkeit ihrer Wertvorstellungen gebunden, ohne freilich damit die Ansprüche an ihr Milieu herunterzuschrauben. Man könnte auch sagen: Rosei-Figuren leben in einem "Wertvakuum" , dass auf verschlampten Verhältnissen beruht. Das Wohlleben in der Zweiten Republik wurde mit einer Opferlüge erkauft - und mit der Vernichtung des Judentums.

Wukitsch und Altmann, die ohne Glamour als Gewalttäter enden und damit auch nicht als Bonnie & Clyde durchgehen können, gehören zu einem Figurenarsenal, das Roseis Romane der vergangenen 20 Jahre in die Nähe von Balzac und Flaubert rückt. Die französischen Großmeister des Realismus zeigten das Bürgertum des 19. Jahrhunderts, wie es an seinen eigenen Illusionen zuschanden ging. Auch Rosei wertet nicht. Er möchte sein Leserpublikum "in Sicherheit wiegen" , wie er im Gespräch mit dem Standard erklärt: "Mein schriftstellerischer Ehrgeiz liegt im Bereitstellen von Modellen, und diese sind nur zufällig in Wien angesiedelt. Der Umgang mit der Vergangenheit ist in allen entwickelten europäischen Gesellschaften der gleiche - vielleicht mit der Ausnahme von England, wegen des Kolonialismus."

Mosaik aus Romanen

Peter Roseis zuletzt veröffentlichte Romane ergeben ein Mosaik: eine "Comédie autrichienne" , in logischer Parallele zu Balzacs vielbändiger "Menschlicher Komödie" . "Man muss nicht die ,Versuchsstation des Weltuntergangs‘ bemühen," sagt Rosei, "wohl aber den Begriff der Versuchsanordnung."

Hier komme Gustave Flaubert, der berühmte Verfasser des Ehebrecherinnenromans Madame Bovary, ins Spiel. Roseis Bücher wollen, in Analogie zu Flauberts erbarmungslosem Blick auf das Leben in der Provinz, ein Stück Wirklichkeit ergeben, selber Leben sein: "Einerseits ist in meinen Büchern alles codiert, andererseits herrscht in ihnen eine Offenheit wie im ,richtigen Leben‘ selbst. Manche Figuren verschwinden einfach aus der Handlung. Technisch ist das eine Konzentrationsbewegung. Der Blick- und der Hörstrahl des Autors, aber auch die des Lesers, springen hin und her." Rosei nennt das "Ausflüge ins Gelände" .

Vier, fünf Jahre schreibt Rosei in seinem burgenländischen Haus an einem Roman wie Das große Töten ("Ökonomisch eigentlich ein Wahnsinn! Was das Geld kostet!" ).

Das Vorgängerbuch Wien Metropolis (2005) enthielt bereits alle Vorzüge, die auch den neuen Band zu einem Wurf machen. In ihm knüpft ein spielerisch hochbegabter Autor an einem Erzählnetz, durch dessen trügerisch weite Maschen das jeweils Gemeinte schlagartig erkennbar wird.

Rosei: "Mich beschäftigen folgende Fragen: Wie kann man einen essayistischen Inhalt in ein Gespräch übersetzen, ohne dass dies ,obergescheit‘ klingt? Mir geht es um das Erzielen von Leichtigkeit. Sie werden in meinen Büchern keine Esoterik finden, kein Wissen, das Sie sich erst mühsam anlesen müssen. Insofern sind mir Dunkelmänner wie der Psychoanalyse-Theoretiker Jacques Lacan suspekt! Lakonie erzielt man durch das Hin- und Herwenden eines Gedankens."

Woher aber rührt die Gewalt, die Roseis facettenreiche Romane wie ein untergründiges Leitmotiv durchzieht? Rosei lässt Mitgefühl mit seinen "Helden" erahnen: "Die Figuren nähern sich einem Zustand der Atemlosigkeit. Sie kommen ganz einfach nicht zu dem, was sie sich vorgestellt haben. Damit setzt auch ihr Denken aus."

Ende der Aufklärung

Der ausgebildete Jurist und Kenner der Nationalökonomie bildet laut eigenem Dafürhalten das Ende der Aufklärung ab: "Die aktuelle Krise hat die menschlichen ,Problemfälle' wie mit dem Inhalator zerstäubt. Die Menschen leben voneinander getrennt, daher können sie auch keine kritische Masse bilden. Wenn ich nicht weiß, wozu ich auf der Welt bin, gerate ich in einen Zustand der Atemlosigkeit. Das ist das, was ich auf der Straße sehe. Weltanschauungen zerfallen, und trotzdem läuft alles scheinfriedlich weiter."

Rosei, seit 2007 Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst, glaubt trotzdem an die "Durabilität" von Literatur: "Der Reiz liegt in der Ambivalenz. Man denkt, wenn man etwas Eigenes liest: ,Schaut gut aus!' Damit geht man sich aber selbst auf den Leim, denn man weiß gleichzeitig, dass man unheimlich viel nicht erwischt hat."

Die Frage nach Macht und Ohnmacht der Sprache habe auch den Diskurs mit seinem Freund H.C. Artmann geprägt: "H.C. war immer von Wörtern und Wörterbüchern begeistert. Er konnte sich mit ihnen ,abdichten‘. Ich sagte dann zu ihm: Eine Frau sitzt neben dir und sagt: Ich mag dich, ich möchte mit dir wegfahren! Du greifst dir mit der rechten Hand über den Kopf und fasst dir ans linke Ohr. So, und das Ganze schildere einmal!"

Ihm, Rosei, reiche es aus, wenn man bei der Lektüre seiner Bücher "Zustände verspürt. Mein Motto lautet: Unter keinen Umständen eine Belehrung. Ich tauge rein gar nicht zum Pfarrer. Ideologie-Debatten möchte ich nicht führen. Was sich sagen lässt, lässt sich auch einfach sagen. Bei Ludwig Wittgenstein steht, dass man dasjenige, was man meint, zeigen können müsse. Also - zeige, Peter!" (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 10. 8. 2009) 

  • Peter Rosei, seit 1972 als Autor präsent, schreibt mit Akribie an einer Mentalitätsgeschichte der Zweiten Republik.
    foto: regine hendrich

    Peter Rosei, seit 1972 als Autor präsent, schreibt mit Akribie an einer Mentalitätsgeschichte der Zweiten Republik.

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