Politik mit der Wurzel des Pfefferbaums

9. August 2009, 18:02
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Mikrostaaten wie Tonga und Palau zählen zu den kleinsten Ländern der Welt - Sie können ihre Unabhängigkeit oft nur mit Mühe behaupten

Der Auftakt einer neuen Standard-Serie über exotische Staaten und Regime führt in die Südsee.

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Wenn die Menschen von Tonga feiern, möchte man kein Schwein sein. Dutzende dieser Tiere enden am Spieß, wenn es in der Pazifiknation eine Party gibt. Zuletzt vor einem Jahr, als George Tupou V. offiziell zum Monarchen gekrönt wurde. Die mehrtägige Feier in der Hauptstadt Nuku'Alofa wurde vom zeremoniellen Genuss von Kava begleitet. Dieses leicht berauschende Getränk, das aus den Wurzeln des Pfefferbaums gewonnen wird, ist seit Jahrhunderten in vielen Kleinstaaten des Südpazifiks wichtiger Bestandteil der Kultur - auch der politischen. Bei jeder Gelegenheit, sogar manchmal bei Parlamentsdebatten, wird die trübe Brühe geschlürft.

Kein Wunder also, dass bei so viel Speis und Trank die Gesundheit leidet: Die Vorliebe für Schweinefleisch in Tonga lässt viele Bewohner unter Übergewicht leiden. Der verstorbene Tupou IV. war in den Siebzigerjahren mit einem Gewicht von mehr als 200 Kilo schwerster König der Welt. Als er auf Staatsbesuch nach Europa kam, musste für ihn ein Spezialsessel angefertigt werden.

Tonga ist nur ein Land unter den über 20 ozeanischen Kleinstaaten, in dem sich uralte indigene Traditionen, Vorlieben, Ängste und Tabus mit modernen demokratischen Regierungsformen zu einer bunten Palette von Sitten, Gebräuchen und Gesetzen vermischen. Die Vielfalt an Formen von Regierung und Parlament ist in Polynesien, Melanesien und Mikronesien ebenso groß wie die der Kulturen.

Oftmals sind die Regierungsformen eine lokale Anpassung an das System der jeweiligen früheren Kolonialherren. Tonga ist die einzige unabhängige Monarchie unter den kleinen Pazifikstaaten. Doch das Ende auch dieser Feudalherrschaft naht: Nach zum Teil blutigen Protesten setzte das mehrheitlich vom König zusammengesetzte Parlament im vergangenen Jahr auf Wunsch von Tupou V. eine Kommission zur Ausarbeitung einer Reform des Regierungssystems ein. Die neue Verfassung dürfte 2010 in Kraft treten.

Die Krawalle von Tonga sind nur ein Beispiel dafür, dass der Pazi-fische Ozean (von lateinisch "Mare Pacificum" oder "Friedliches Meer" ) seinen Namen nicht immer zu Recht trägt. Fidschi, einer der größeren Staaten der Region, ist ein Inbegriff von Instabilität. Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1970 wird das Land zwar als Republik geführt. Doch die Menschen auf dem Archipel scheinen sich noch nicht an die Demokratie gewöhnt zu haben. In 22 Jahren ist es viermal zu einem Putsch gekommen. Gegenwärtig wird das Land von Armeechef Frank Bainimarama regiert. 2006 stürzte er die gewählte Regierung von Premier Laisenia Qarase. Er warf ihm vor, Spannungen zwischen der eingeborenen Bevölkerungsmehrheit und der wirtschaftlich mächtigen Minderheit indischstämmiger Fidschianer geschürt zu haben. Die Nachbarstaaten fordern von Fidschi seitdem Neuwahlen. Immer wieder verspricht sie Bainimarama, immer wieder bricht er das Versprechen. Gleichzeitig verschlechtert sich die Situation.

Aufruf zum Aufstand

Die Medien sind einer Zensur unterworfen; ausländische Journalisten werden aus dem Land geworfen. Das Forum der Pazifischen Inselstaaten hat Fidschi daher ausgeschlossen. Beim Gipfel des Forums in Australien vergangene Woche rief Toke Talagi, Premier der Inselnation Niue, die Fidschianer "zum Aufstand" auf. Er habe eine friedliche Revolution gemeint, sagte er später dem Standard.

Niue ist das andere Extrem unter den Miniaturstaaten. Die 259 Quadratkilometer große Insel hat nur 1300 Einwohner. Entsprechend abhängig ist sie von großen Nachbarn. Das spiegelt sich in der Politik wider: Niue ist selbstverwaltend, aber in einer Freien Assoziation mit Neuseeland und deswegen nicht völlig selbstständig.

Abhängigkeit kann auch andere Formen annehmen. Im Juni bot sich Palau an, uigurische Insassen aus Guantánamo aufzunehmen. Die Uiguren konnten nicht nach China zurück, da ihnen dort Verfolgung droht. Die USA sollen Palau als Gegenleistung hunderte Millionen Dollar bezahlt haben. Palau ist ein präsidialer Mehrparteienstaat. 1994 trat Palau einem Verbund mit den USA bei, zu dem auch die Marshallinseln und Mikronesien gehören. (Urs Wälterlin aus Sydney/DER STANDARD, Printausgabe, 10.8.2009)

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    Ein waschechter König: George Tupou V. von Tonga ist der letzte Monarch in der Südsee.

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