Tiroler Parolen gegen Hemmschwellen

9. August 2009, 17:43

Das kalkulierte Missverständnis gehört zum Standardrepertoire politischer Kommunikation - Von Walter Baier

Das kalkulierte Missverständnis gehört zum Standardrepertoire politischer Kommunikation. Selten allerdings wurde die Infamie einer politischen Botschaft so grundlegend missverstanden wie diejenige des Dritten Nationalratspräsidenten bezüglich eines Selbstbestimmungsrechts der Südtiroler. "Graf fordert Volksabstimmung zur Rückkehr Südtirols zu Österreich" , titelt Die Presse, um tags darauf festzustellen: "Es war eine breite Front der Ablehnung, auf die der Dritte Nationalratspräsident mit seiner Forderung traf, eine Volksabstimmung über die Rückkehr Südtirols zu Österreich abzuhalten."

Tatsächlich war die Ablehnung, die bestehende Grenze infrage zu stellen, diesseits und jenseits des Brenners erfreulich einhellig. Damit musste Herr Graf allerdings gerechnet haben. Ihm ging es daher ebenso wenig um die Südtiroler, wie es der FP vor den EU-Wahlen um die Verhinderung eines EU-Beitritts Israels ging, sondern um einen bewussten Tabubruch.

Anders als in den meisten kritischen Kommentaren angenommen, spricht nämlich Martin Graf in seinem Interview von allem Möglichen, aber nicht von einer "Rückkehr" Südtirols zu Österreich. "Wie österreichisch ist das heutige Südtirol?" , fragt ihn die Zeitung. "Südtirol ist Teil des gesamten Tirol. Südtirol hat eine deutsche Mehrheitsbevölkerung und ist derzeit italienisches Territorium" , antwortet er, worauf der Interviewer nachhakt: "Klingt, als würden Sie davon ausgehen, dass Südtirol wieder zu Österreich kommen wird." Graf weicht neuerlich aus: "Ich glaube nach wie vor fest an das Selbstbestimmungsrecht der Völker."

Welche Frage in einer allfälligen Volksabstimmung zu stellen wäre, will die Zeitung schließlich wissen. Graf: "Die Frage ist, ob es ein Tirol geben soll." Daraus ergibt sich, dass dieses "eine Tirol" für Herrn Graf ein deutsches Tirol ist, das für ihn nur insoweit österreichisch ist, als er die Österreicher selbst einen Teil der deutschen Volksgemeinschaft betrachtet. Der Referenzpunkt seiner Argumentation ist daher auch nicht eine österreichische Minderheit in Italien, sondern das Selbstbestimmungsrecht "des deutschen Volks" , dem man "in Europa "aus politischen Überlegungen heraus viel weniger Rechte zugestehen möchte als anderen Völkern."

Dabei handelt es sich keineswegs um eine Entgleisung, sondern um den Bestandteil des von der FP initiierten geschichtsrevisionistischen Diskurses, der darauf zielt, die Hemmschwelle gegenüber Antisemitismus und Deutschnationalismus so weit abzusenken, dass beide als Normalitäten in der politischen Debatte erscheinen. Dass er dieses Geschäft nun von der Position eines Dritten Nationalratspräsidenten aus betreiben kann, verdankt er der Ignoranz jener Abgeordneten von SPÖ und ÖVP, die ihn trotz alledem gewählt haben.

Dabei wird noch immer die strategische Dimension von Grafs Polemik gegen den "sogenannten antifaschistischen Grundkonsens" beziehungsweise von seiner Behauptung unterschätzt, dieser sei "überhaupt erst 1983 aufgetaucht" und daher nicht "identitätsstiftend" . Der revisionistische Gehalt besteht nicht nur darin, dass er sich gegen den Antifaschismus per se wendet, sondern dass er diesen auf ein quasi politisch-kulturelles Phänomen der 80er-Jahre einschränken will.

Recht statt Konsens

Der Antifaschismus ist aber mehr als ein beliebig änderbarer politischer Konsens. Er bildet nicht weniger als die in der österreichischen Verfassung, namentlich in der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 und dem Staatsvertrag von Wien vom 15. Mai 1955 enthaltene staatsrechtliche Grundlage der Zweiten Republik Österreich, deren Errichtung die unmittelbare Negation der nationalsozialistischen Gewalt- und Verbrechensherrschaft darstellte.

Offensichtlich nicht für Herrn Graf! Der in diesen und anderen Gesetzen enthaltene verfassungsrechtliche Antifaschismus beinhaltet nicht nur eine allgemeine Verpflichtung der Republik, kompromisslos gegen jede Erscheinungsform des Nationalsozialismus auf ihrem Territorium einzuschreiten, sondern, wie der Verfassungsgerichtshof in einem Urteil, mit dem er 1985 eine Hochschülerschaftswahl aufgrund der Beteiligung einer neofaschistische Gruppierung aufhob ("ANR-Urteil" ), feststellte, auch ein unmittelbar anzuwendendes Recht. Das würde im Übrigen auch den Artikel 7 einschließen, der die Rechte der slowenischen und kroatischen Volksgruppe regelt, und den Artikel 4 ("Verbot des Anschlusses" ), der das Verbot großdeutscher Propaganda ausspricht.

Daher ist der Fall Graf nicht allein aus politischer, sondern auch aus verfassungsrechtlicher Perspektive relevant. Er läuft auf die an sich paradoxe Frage hinaus, ob jemand Präsident oder Abgeordneter des österreichischen Nationalrats sein kann, der diese Ämter zur Legitimierung einer deutsch-nationalen Orientierung missbraucht, oder ob Graf nicht aus verfassungsrechtlichen Gründen dieser Ämter enthoben werden muss. Diese Frage könnte eine Mehrheit der Abgeordneten - ohne anlassbezogene Gesetzesänderung - dem Verfassungsgerichtshof zu Entscheidung vorlegen. (Walter Baier, DER STANDARD-Printausgabe, 10. August 2009)

Zur Person:

Walter Baier ist Koordinator des europäischen Forschungs- und Bildungsnetzwerkes "transform! europe" und Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift.

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    Posting 1 bis 25 von 38
    1 2
    Gaismair Michl
     
    12
    10.8.2009, 18:26
    Das Schicksal (Gesamt-)Tirols

    ist dem Wiener Graf genauso wurscht wie dem Altkommunisten Baier.

    Beide machen sich wichtig und wollen sich auf Kosten und mithilfe Tirols populistisch profilieren.

    MERKE: aus WIEN ist den Tirolern noch nie besonders (uneigennützig) Gutes widerfahren... Auf die wichtigtuerische Einmischung der zwei Kasperln Graf und Baier kann Tirol gut und gerne verzichten!

    venere nera
    10
    10.8.2009, 16:25

    gute analyse

    erinnye
     
    11
    10.8.2009, 16:21
    erinnye

    na, dass ein Kummerl mit dem Begriff Selbstbestimmung wenig anfangen kann, dürfte jetzt nicht extrem neu sein. Für ein vereintes Tirol von Kufstein bis Borghetto!

    Antonius von Padua
    14
    10.8.2009, 14:59

    Davon, ob Herr Graf bei Trost ist, einmal abgesehen: wie ein eingefordertes Selbstbestimmungsrecht einer Bevölkerungsgruppe mit Nationalsozialismus und Faschismus (Baier unterscheidet hier ja nicht weiter) gleichzusetzen ist, scheint unbegreiflich. Wobei Baier je eigentlich Berlusconi eher ins Fascho-Eck rücken müsste und dies ansonsten wohl auch tut. Und er wissen sollte, dass die Eingliederung des Alto Adige vor allem eine Herzenssache der (alten und neuen) Faschisten in Italien ist.
    Vermutlich ist Walter Baier durch den "Anschluss" der DDR traumatisiert, den man natürlich auch als deutschnational motiviert bezeichnen könnte - und der ihm als KP-Obmann seinerseit den Geldfluss versiegen ließ.

    -Nathan-
     
    11
    10.8.2009, 14:55
    ein Kommunist echauffiert sich über Graf...

    wenn jmd deutschnational sein will,dann soll ers halt sein.Deutschantional ist auch in Österreich nicht gleichbedeutend mit nat.soz.Auch Renner war dt.nat.

    zensur passiert
    02
    10.8.2009, 14:45
    is der graf wirklich so intelligent wie ihm hier unterstellt?

    super Typ
    02
    10.8.2009, 15:59

    Man muss nicht besonders intelligent sein, um den innerhalb einer Gesinnungsgemeinschaft vorherrschenden Diskurs zu reproduzieren.
    Solche Postitionen denken sich nicht einzelne Leute wie Graf aus, sondern diese Positionen werden in einem Diskurs aus programmatischen Aufsätzen in Büchern und Zeitschriften, Reden und Diskussionen entwickelt und angeeignet und eingewöhnt.

    sixela
    41
    10.8.2009, 10:58
    Na darauf haben wir gewartet

    Ein Kommunist fordert jetzt schon die Absetzung eines NR-Präsidenten aus "verfassungsrechtlichen" Gründen, wenn es politisch und von der NR-Geschäftsordnung dafür keine Grundlage gibt.

    Die korrekte Beachtung von demokratischen Gesetzen und Verfassungen war noch nie die Stärke der Kommunisten...

    (sag ich natürlich als einer, der mit kaum einer politischen Meinung Grafs übereinstimmt, aber seine politischen Anschauungen sind kein Grund, die Verfassung nach Gutdünken zu beugen)

    macindd
    00
    10.8.2009, 14:44
    Gerade ein Kommunist

    darf und muss das anprangern. Graf schädigt Österreich, er gehört weg, der soll mit seinen Spielchen einpacken und in die Wüste ziehen. Und zwar besser gestern als heute, und auch wenns "Anlassgesetzgebung" oder welches Mittel auch immer dafür bräuchte.

    Prof. Dr. Abdul Nachtigaller
    23
    10.8.2009, 11:35

    danke, endlich spricht jemand aus, was ich mir die ganze zeit denke.
    was wäre schlimmer, herrn graf bis zum ende dieser legislaturperiode zu erdulden, oder wegen dieses politischen irrlichts offenen verfassungsbruch zu begehen.
    man könnt ihn ja politisch isolieren, z.b. verbleiben bei seiner vorsitzführung nur die klubobleute (zwecks dokumentation) im saal, damit keine beschlussfähigkeit bzw prammer limitiert seine vorsitze auf das mögliche minimum

    flattop
    10
    10.8.2009, 10:57
    Wie eine Volksabstimmung in Südtirol wohl ausgehen würde?

    erinnye
     
    00
    10.8.2009, 16:22
    Unwichtig, wie diese ausgeht

    es liegt dann eine demokratische Entscheidung vor.

    super Typ
    00
    10.8.2009, 16:07
    Sie sind nicht der erste, der sich diese Frage stellt.

    LH Durnwalder antwortet hier: http://derstandard.at/124654310... g-erklaert

    Zitat: "Wenn Sie heute oder morgen die Bevölkerung fragen, ob sie mit der derzeitigen Situation zufrieden ist oder ob sie für eine Verlegung der Grenzen ist, bin ich überzeugt, dass 70 Prozent sagen werden, es geht uns gut und es ist alles in Ordnung. Aus dem Bauch heraus würden die Leute keine Änderung befürworten. Wenn die Abstimmung allerdings etwa erst in einem halben Jahr wäre und die Parteien entsprechende Aufklärung betreiben würden, bin ich davon überzeugt, dass sich auch heute noch eine knappe Mehrheit für eine Angliederung an Nord- und Osttirol fände."

    derfalke
    93
    10.8.2009, 10:29
    Dass sich ausgerechnet ein Kaderkommunist

    im Standard über das Selbstbestimmungsrecht der Tiroler austoben darf, ist bezeichnend für den extremen Linksdrall dieser Zeitung.

    Das Selbstbestimmungsrecht der Tschechen und Slowaken hat ihm 1968 beim Einmarsch des Warschauer Paktes sicher auch nicht interessiert.

    DasLebenIstSchwerUndDannStirbtMan
    00
    10.8.2009, 18:26

    was sagt es denn über diese zeitung aus, dass sie sich immernoch hier tummeln dürfen?

    Gaismair Michl
     
    00
    10.8.2009, 18:19
    Für einen praktizierenden Deutschtümler, derfalke,

    befleißigen Sie sich einer bemekenswert inferioren deutschen Grammatik.

    Lernen Sie doch erstmal die korrekte Verwendung von Dativ und Akkusativ (für Sie: der Fälle).

    anders and
     
    01
    10.8.2009, 15:58
    einmal dürften Sie recht haben!

    Baier hat sich 1968 wohl wenig für das Selbstbestimmungsrecht der Tschechen interessiert.
    Vielleicht lag das daran, dass er damals erst 14 war.

    Nicht jeder ist so frühreif wie Sie.

    eltrombone
    00
    10.8.2009, 14:21
    meinungsfreiheit?

    Herr Schnaberl
    09
    10.8.2009, 07:46
    Danke für diesen artikel

    denn er trifft höchstwahrscheinlich den Kern des Problems.

    PetFri
    52
    10.8.2009, 07:18
    Schon lustig,

    wenn ein Altstalininist sich Sorgen um die Demokratie macht. Baier war Boss der KPÖ und Chef der kommunistischen Studenten, also ein lupenreiner Demokrat.

    Franz Parteder
    22
    10.8.2009, 08:32
    Wirklich lustig

    Baier als Altstalinist, das ist eine lustige Vorstellung.
    Im konkreten Fall kommt es aber auf die Argumente an. Und die Argumentationlinie wie auch die Schlußfolgerung sind unterstützenswert.

    Franz Stephan Parteder

    frahi
    21
    10.8.2009, 03:02
    weg mit graf. fertig.

    Max Kahlenberg
    00
    10.8.2009, 00:03
    Dieser sogenannte Neo-Nazi a.k.a. "Herr Graf" ist hierzulande immerhin nur der 3. Natinalratspräsident...

    Und das lässt sehr tief blicken, was den Zustand der Republik betrifft. Das war aber auch schon unter den Schwarz/Blauen so, als sich unzählige sogeannte Wirtschaftskapitäne (hiesiger Diktion natürlich) diesen unfähigen Widerlingen (und bis heute noch...) an den Hals warfen........

    Karl Krammer
    13
    bei der letzten LT-Wahl in Südtirol haben 3 Parteien zusammen 30% erreicht,

    die entweder für einen unabhängigen Staat Südtirol oder für einen Anschluß an Tirol sind. Weitere 45% gingen an eine Partei, deren Chef dieser Tage gesagt hat, eine Volksabstimmung würde *jetzt* zu einem schlechten Zeitpunkt kommen, aber er wäre zuversichtlich, in einem halben Jahr eine Mehrheit für die Loslösung von Italien bekommen zu können. "Tabus" sehen anders aus. Tatsächlich wird diese Frage nicht nur seit Jahrzehnten in Südtirol breit diskutiert, sonden Altpräsident und Senator Franceso Cossiga hat bereits zwei Mal einen Gesetzentwurf für eine Volksabstimmung in Südtirol im röm. Senat eingebracht. Der Vorschlag von Hr. Graf war daher gerade mal die Zusammenfassung einer laufenden Diskussion, aber sicher kein "Tabubruch".

    Aurora17
    00
    kennst di aus

    gabz abgesehen von Alto Adige hast du´s nicht anders gemacht, Walter, ich sag nur Machowetz, die Dialektik dahinter ist leider einmal zuviel gefaltet

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    Posting 1 bis 25 von 38
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