Eine Wanderboje für die Erinnerung

9. August 2009, 17:07
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Zwanzig Jahre Mauerfall: Woran sich Menschen, die an und mit der Berliner Mauer gelebt haben, erinnern, erzählt eine interaktive Skulptur

Am 9. November 1989 nahm eine Bewegung ihren Anfang - oder ihr Ende - die das gesamte Gefüge Europas neu definieren sollte. Mit dem Fall der Berliner Mauer und der Öffnung der Grenzen zwischen Ost- und Westberlin wurden die kommunistischen Staaten endgültig zu Grabe getragen und die Begeisterung, Euphorie und Freude in den Tagen rund um dieses Ereignis kannte keine Grenzen.

Das 20jährige Jubiläum wird in Berlin, und in ganz Deutschland, gefeiert. Mit Ausstellungen, Installationen, Aktionen und Führungen wird dem Ereignis Tribut gezollt und nicht nur die Berliner erinnern sich an diese Tage, die für viele Menschen eine massive Veränderung ihres Alltags bedeutet haben.

Die Erinnerungen der Menschen an die Zeit vor, während und nach dem Mauerfall verblassen und geraten in Vergessenheit. Eines der vielen Projekte rund um den Jahrestag versucht, diesem Vergessen entgegenzuwirken. Die beiden Künstler Anne Peschken und Marek Pisarsky von Urban Art haben eine mobile Skulptur geschaffen, die ein Werkzeug ist zur Markierung historisch bedeutungsvoller Orte ist, die für gewöhnlich im Verborgenen liegen. Wanderboje nennt sich das fahrende Gedächtnis, das für die Skulpturbiennale Münsterland `05 entwickelt wurde. Von 13. August bis 9. November wird sie durch Berlin, entlang der ehemaligen Mauer, unterwegs sein und im Rahmen des Projektes "Wanderboje am Mauerstreifen" Geschichten erzählen. Oder vielmehr weiter erzählen.

Eine Skulptur transportiert Erinnerungen

Es handelt sich dabei nämlich um eine interaktive Skulptur, die nach Input verlangt. Menschen sind dazu aufgerufen, ihre Geschichten in Zusammenhang mit der Mauer öffentlich zu machen. Das können sowohl persönliche Erinnerungen an das Leben mit der Mauer sein, als auch Geschichten über den Mauerbau und den Fall derselben. Oder Hinweise auf städtebauliche Veränderungen, die der Mauerfall nach sich gezogen hat.

"Die Wanderboje schafft mikropolitische Wendepunkte, jetzt noch mit sich selbst ins Reine zu kommen, die alten Geschichten nicht ruhen zu lassen. Eine individuelle Benutzung der Wanderboje eröffnet die Chance, sich eigener Geschichten zu versichern oder sich in ihr und an ihr aufkratzen zu lassen, statt gegenwärtig und ausschließlich jetzt zu leben", meinte Christoph Tannert, Direktor des Künstlerhaus Bethanien zu dem Projekt, anlässlich der Präsentation im Rahmen der Biennale Münsterland.

Die Funktionsweise der Wanderboje basiert darauf, Geschichten per Mail mit einer möglichst genauen Angabe des Ortes, an dem sich das Ereignis zugetragen hat, an die Boje zu schicken. Es wird dazu aufgerufen, Erinnerungen an Ereignisse, an die Mauer selbst, an deren Bau oder Fall, aufzuschreiben oder Empfindungen in Zusammenhang mit der Mauer zu schildern. Ziel ist es, möglichst unterschiedliche Blickwinkel und Bewertungen zu sammeln und an die Öffentlichkeit zu tragen. Und zwar in der Form, dass die Boje in den erwähnten Tagen den gesamten Mauerstreifen abfahren wird und die Botschaften und Geschichten der Menschen zu den entsprechenden Plätzen transportiert. Dort werden die bis zu 40.000 Zeichen langen Texte als Laufschrift am Korpus der Boje wieder gegeben.

Blinken und Klopfen für Aufmerksamkeit

Damit auch Notiz davon genommen wird, blinkt und klopft die Boje, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das ganze Vehikel besteht aus einem Anhänger, der jederzeit überall hin gezogen werden kann. Darauf steht die Boje, angetrieben durch ein Solarpanel.

Orte, die im Laufe der letzten zwanzig Jahre vielleicht ihre Bedeutung verloren oder verändert haben, bekommen durch die Geschichten und Erinnerungen der Menschen eine neue Wertung, rücken ins Zentrum und machen aus einem monumentalen Gedenken eine Vielzahl kleiner Erinnerungen, die von den Menschen selber stammen, die mit und an der Mauer gelebt haben.

Die Geschichten können auch auf der Webseite des Projektes nachgelesen werden. Etwa jene von der Wasserleiche, die keiner wollte oder von einem Fuchs, der jeden Abend pünktlich am Brandenburger Tor eintraf, um den Fahrradverkäufer zu besuchen und der auf einem Gemälde verewigt wurde. (red)

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    An manchen Stellen ist zwar die Mauer noch erhalten - aber sie ist in vielen Fällen ein stummer Zeuge der Vergangenheit.

  • Die Wanderboje kommt zu verschiedenen Plätzen entlang des Mauerstreifens, erzählt Geschichten zu den Mauerabschnitten und macht damit die Erinnerungen wieder lebendig.
    foto: wanderboje berlin

    Die Wanderboje kommt zu verschiedenen Plätzen entlang des Mauerstreifens, erzählt Geschichten zu den Mauerabschnitten und macht damit die Erinnerungen wieder lebendig.

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