Die Macht des Außenseiters

9. August 2009, 16:11
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Peter Michael Lingens ist 70 geworden und versucht mit einem Buch zwei Phänomene zu erklären: Österreich und sich

 Peter Michael Lingens war einer der bedeutendsten Chefredakteure des Landes. Er ist ein interessanter Kolumnist (beim Profil). Jetzt ist er 70 geworden und versucht mit einem Buch zwei Phänomene zu erklären: Österreich und Peter Michael Lingens. Er wählt dabei den Kunstgriff, sich an seinen 20-jährigen Sohn (aus zweiter Ehe) zu wenden.

Als Herausgeber und Chefredakteur hat er wesentlich beigetragen, das Magazin Profil zur kritischen, investigativen, anti-rechten Instanz zu machen. Oscar Bronner gründete das Magazin gegen das Dumpf-Reaktionäre in Österreich. Lingens trug - zunächst unter Bronner, dann allein - sehr viel zur Umsetzung bei. Dabei half ihm sein Charakterzug einer fast manischen Unbeirrbarkeit - gegen gewaltige (auch innerredaktionelle) Widerstände.

Die Kehrseite war, wie er es in dem Buch selbst benennt, eine gewisse "Arroganz", die Freunde eher als Neigung zum Sich-Verrennen bezeichnen würden. Das hat ihm in entscheidenden Situationen enorm geschadet. In seinem Buch geht er mit sich nicht sehr schonungsvoll um, manches hätte man gar nicht wissen wollen. Die erhabene, manchmal erdrückende Gestalt seiner Mutter - sie kam nach Auschwitz, weil sie Juden geholfen hatte - nimmt viel Raum ein. Es fehlt nicht an scharfen Analysen: "Österreich ist kein Nazi-Land - wohl aber ein Land, in dem eine Partei mit gerade noch rechtlich unbedenklicher argumentativer Ähnlichkeit zur NSDAP ... alle Chancen hätte, neuerlich die Macht zu erringen:" Lingens hält es für möglich, dass ohne ein Mehrheitswahlrecht "die FPÖ tatsächlich die absolute Mehrheit erringen wird".

Lesenswert besonders seine Überlegungen zur Macht und was sie Politikern (und Zeitungsmenschen) bedeutet, die behaupten, keine zu wollen. Auch Lingens hatte Macht und wollte sie - um zu gestalten. Wenn er sich einen "Außenseiter" nennt, ist das teils Koketterie, teils die Wahrheit, weil er sich nicht dem nationalen Konsens ("Nur kane Wellen") unterwarf - und unterwirft. (Hans Rauscher/DER STANDARD; Printausgabe, 8.8./9.8.2009)

  • Peter Michael Lingens: "Ansichten eines Außenseiters". Kremayr & Scheriau, Wien, 2009, 512 Seiten, 24,50 Euro
    foto: verlag

    Peter Michael Lingens: "Ansichten eines Außenseiters". Kremayr & Scheriau, Wien, 2009, 512 Seiten, 24,50 Euro

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