Polizei fahndet mit Hochdruck nach Tätern

10. August 2009, 16:15
64 Postings

Polizeikreise: Vierte Explosion dürfte doch von ETA ausgelöst worden sein - Keine Verletzten bei Anschlagserie

Palma de Mallorca - Nach den Bombenanschlägen der baskischen Separatistenorganisation ETA auf der spanischen Ferieninsel Mallorca vom Sonntag fahndet die Polizei mit Hochdruck nach den Tätern. Die Ermittler prüften dabei besonders, ob sich die mutmaßlichen Täter noch auf der Insel aufhielten. "Wir müssen mit beiden Hypothesen arbeiten: Dass sie noch hier sind oder dass sie die Insel bereits verlassen haben", sagte Ramón Socías vom Innenministerium dem Radiosender Cadena Ser.

Zunächst soll herausgefunden werden, ob die Bomben einen Zeitzünder hatten. Dies könne einen Hinweis darauf geben, ob die Terroristen noch auf der Insel seien, sagte Socias. Außerdem war am Montag Vormittag auch die Rede von einer vierten Bombe gewesen.

ETA zündete in Palma anscheinend vier Bomben

Wie am Montag aus Polizeikreisen verlautete, deutete alles darauf hin, dass eine Explosion in einem Lokal im Zentrum der Inselhauptstadt Palma ebenfalls von der ETA ausgelöst worden war. Die Detonation war zunächst als eine Gasexplosion und ein Unglücksfall eingestuft worden.

Die Explosion in der Gaststätte hatte sich eine halbe Stunde nach einer telefonischen Warnung der ETA ereignet. Die Terroristen hatten in mehreren konfusen und schwer verständlichen Anrufen vor mehreren Sprengsätzen gewarnt. Später detonierten noch drei weitere Bomben. Menschen wurden bei der Anschlagsserie nicht verletzt.

Der Anschlag auf die Gaststätte deutet darauf hin, dass die Terroristen die Bomben schon vor mehreren Tagen deponiert und mit Zeitzündern zur Explosion gebracht hatten. Das betroffene Lokal war nämlich seit Freitag geschlossen gewesen.

Frau unter den Bombenlegern

Die ETA hatte am Sonntag in Palma drei Sprengsätze gezündet und damit Angst und Schrecken in der Inselhauptstadt verbreitet. Die drei Bomben hatten nur eine geringe Sprengkraft und richteten kaum nennenswerte Schäden an. Menschen wurden nicht verletzt. Zwei Bomben explodierten in Restaurants im Strandviertel Portixol, eine dritte in einem Einkaufszentrum in der Innenstadt von Palma. Alle drei Sprengsätze waren in Damen-Toiletten deponiert. Dies deutete nach Ansicht der Ermittler darauf hin, dass wenigstens einer der Bombenleger eine Frau war.

Unklar war auch, ob es sich bei den Bombenlegern um dieselben Terroristen handelte, die am 30. Juli im mallorquinischen Badeort Palmanova zwei Polizisten ermordet hatten. Der Generaldirektor der spanischen Polizei und der paramilitärischen Guardia Civil (Zivilgarde), Francisco Javier Velázquez, erörterte auf einem "Gipfeltreffen" mit den Chefs der verschiedenen Polizei-Einheiten das weitere Vorgehen. Die Sicherheitskräfte verschärften die Kontrollen auf Mallorca, die nach dem Mordattentat auf die Polizisten eingerichtet worden waren. Alle ankommenden und abreisenden Besucher werden nach Angaben des Präfekten Socías identifiziert.

Überraschung und Ratlosigkeit

Die Anschlagsserie löst in der politischen Führung Spaniens eine gewisse Überraschung und Ratlosigkeit aus. Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero, der auf der Kanaren-Insel Lanzarote Urlaub macht, hüllte sich zunächst in Schweigen. König Juan Carlos, der seine Ferien auf Mallorca verbringt, erklärte nach Angaben des Königshauses: "Dieser Bande von Mördern und Verbrechern wird es nicht gelingen, das demokratische Leben in Spanien oder die Normalität auf der Insel zu beeinträchtigen."

Der Regierungschef der Balearen, Francesc Antich, rief Einheimische und Urlauber dazu auf, die Ruhe zu bewahren. "Wir werden nicht zulassen, dass die Terroristen unser Leben verändern", sagte er. Der Regierungschef kam mit dem spanischen Staatssekretär für Tourismus, Joan Mesquida, zusammen, um die Auswirkungen der Anschläge auf die Reisebranche zu erörtern.

Warnungen

Die ETA hatte in mehreren Anrufen vor den Bomben gewarnt. Nach Angaben der Behörden kamen die telefonischen Warnungen aus Frankreich. Sie seien jedoch so wirr gewesen, dass die betroffenen Lokale nicht in jedem Fall rechtzeitig geräumt werden konnten, hieß es.

Die Bombenanschläge der ETA auf Mallorca werden nach Ansicht der spanischen Regierung für die Reisebranche nur geringfügige Folgen haben. "Die Auswirkungen werden sehr begrenzt sein", meinte Tourismusstaatssekretär Mesquida am Montag in Palma de Mallorca. "Seit 30 Jahren versucht die ETA, dem Tourismus in Spanien Schaden zuzufügen. Aber die Reisebranche hat ständig zugelegt."

Die österreichischen Reiseveranstalter melden unterdessen kein Ansteigen der Stornierungen von Mallorca-Reisen. Anrufe von Kunden am Montag hätten sich auf "eventuell zu erwartende Flugverspätungen bezogen", jedoch nicht auf geplante Absagen, teilte TUI-Konzernsprecher Josef Peterleithner in einer Aussendung mit. Auch Birgit Reitbauer vom Österreichischen Verkehrsbüro bestätigte in einem Gespräch mit der APA am Montag, dass es bis dato unter den 200 Kunden des Verkehrsbüros in Mallorca keine Stornierungen oder Umbuchungen gab.

Steinmeier: Keine dringende Reisewarnung für Mallorca

Der deutsche Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sieht trotz der Anschläge keinen Anlass, eine Reisewarnung für die spanische Ferieninsel auszusprechen. "Es ist noch nicht die Situation, dass wir von Reisen nach Mallorca dringend abraten", sagte der SPD-Politiker am Montag dem Sender N24. Zugleich zeigte er sich erleichtert, dass bei den drei Explosionen am Sonntag niemand verletzt wurde. "Ich hoffe, dass die Sicherheitsbehörden in Spanien Mittel und Möglichkeiten finden, diese Anschlagsserie zu beenden", erklärte er.

Mallorca ist mit seinen Nachbarinseln eines der beliebtesten Reiseziele in Europa. Allein aus Deutschland befinden sich derzeit schätzungsweise mehr als 100.000 Urlauber auf den Balearen - sie stellen normalerweise gemeinsam mit den Briten die größte Urlaubergruppe. Am Sonntag waren von den meisten deutschen Reise- und Flugveranstaltern nach den erneuten Anschlag zunächst keine Stellungnahmen zu erhalten. Eine Sprecherin von Air Berlin sagte am Nachmittag, der Flughafen in Palma sei offen, der Flugbetrieb verlaufe normal. Palma ist ein wichtiges Drehkreuz für Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft. Eine Lufthansa-Sprecherin sagte, Flüge des Unternehmens von und nach Mallorca seien nicht betroffen. TUI kündigte eine Erklärung für Montag an. (red/APA/AP/Reuters)


Nachlese
derStandard.at-Interview: "Die Taktik der ETA ist ein kolossaler Fehler"
Der geläuterte ETA-Mitgründer Julen Madariaga erklärt, warum der bewaffnete Kampf im Baskenland keine Zukunft hat

Link
El País: ETA busca el caos con una cadena de pequeñas explosiones en Mallorca

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Polizei sperrte den Can-Tere-Antoni-Strand nach der Explosion einer Bombe ab.

  • Polizeiaufgebot am Plaza Mayor in Palma. In einem in
einem unterirdischen Einkaufszentrum unterhalb des Platzes detonierte am Sonntag der dritte Sprengsatz.
    foto: epa/montserrat t diez

    Polizeiaufgebot am Plaza Mayor in Palma. In einem in einem unterirdischen Einkaufszentrum unterhalb des Platzes detonierte am Sonntag der dritte Sprengsatz.

  • Die Polizei untersucht das Nica Cafe in Palma. Aus Polizeikreisen heißt es mittlerweile, dass die Explosion im Lokal ein Anschlag der ETA war. Zuvor war von einer Gasexplosion als Unglücksursache ausgegangen worden. 
    foto: epa/montserrat t diez

    Die Polizei untersucht das Nica Cafe in Palma. Aus Polizeikreisen heißt es mittlerweile, dass die Explosion im Lokal ein Anschlag der ETA war. Zuvor war von einer Gasexplosion als Unglücksursache ausgegangen worden. 

Share if you care.