Polizeikreise: Vierte Explosion dürfte doch von ETA ausgelöst worden sein - Keine Verletzten bei Anschlagserie
Palma de Mallorca - Nach den Bombenanschlägen der
baskischen Separatistenorganisation ETA auf der spanischen
Ferieninsel Mallorca vom Sonntag fahndet die Polizei mit Hochdruck
nach den Tätern. Die Ermittler prüften dabei besonders, ob sich die
mutmaßlichen Täter noch auf der Insel aufhielten. "Wir müssen mit
beiden Hypothesen arbeiten: Dass sie noch hier sind oder dass sie die
Insel bereits verlassen haben", sagte Ramón Socías vom
Innenministerium dem Radiosender Cadena Ser.
Zunächst soll herausgefunden werden, ob die Bomben einen
Zeitzünder hatten. Dies könne einen Hinweis darauf geben, ob die
Terroristen noch auf der Insel seien, sagte Socias. Außerdem war am Montag Vormittag auch die Rede von einer vierten Bombe gewesen.
ETA zündete in Palma anscheinend vier Bomben
Wie am Montag aus Polizeikreisen verlautete, deutete alles
darauf hin, dass eine Explosion in einem Lokal im Zentrum der
Inselhauptstadt Palma ebenfalls von der ETA ausgelöst worden war. Die
Detonation war zunächst als eine Gasexplosion und ein Unglücksfall
eingestuft worden.
Die Explosion in der Gaststätte hatte sich
eine halbe Stunde nach einer telefonischen Warnung der ETA ereignet.
Die Terroristen hatten in mehreren konfusen und schwer verständlichen
Anrufen vor mehreren Sprengsätzen gewarnt. Später detonierten noch drei
weitere Bomben. Menschen wurden bei der Anschlagsserie nicht verletzt.
Der
Anschlag auf die Gaststätte deutet darauf hin, dass die Terroristen die
Bomben schon vor mehreren Tagen deponiert und mit Zeitzündern zur
Explosion gebracht hatten. Das betroffene Lokal war nämlich seit
Freitag geschlossen gewesen.
Frau unter den Bombenlegern
Die ETA hatte am Sonntag in Palma drei Sprengsätze gezündet und
damit Angst und Schrecken in der Inselhauptstadt verbreitet. Die drei
Bomben hatten nur eine geringe Sprengkraft und richteten kaum
nennenswerte Schäden an. Menschen wurden nicht verletzt. Zwei Bomben
explodierten in Restaurants im Strandviertel Portixol, eine dritte in
einem Einkaufszentrum in der Innenstadt von Palma. Alle drei
Sprengsätze waren in Damen-Toiletten deponiert. Dies deutete nach
Ansicht der Ermittler darauf hin, dass wenigstens einer der
Bombenleger eine Frau war.
Unklar war auch, ob es sich bei den Bombenlegern um dieselben
Terroristen handelte, die am 30. Juli im mallorquinischen Badeort
Palmanova zwei Polizisten ermordet hatten. Der Generaldirektor der
spanischen Polizei und der paramilitärischen Guardia Civil
(Zivilgarde), Francisco Javier Velázquez, erörterte auf einem
"Gipfeltreffen" mit den Chefs der verschiedenen Polizei-Einheiten das
weitere Vorgehen. Die Sicherheitskräfte verschärften die Kontrollen
auf Mallorca, die nach dem Mordattentat auf die Polizisten
eingerichtet worden waren. Alle ankommenden und abreisenden Besucher
werden nach Angaben des Präfekten Socías identifiziert.
Überraschung und Ratlosigkeit
Die Anschlagsserie löst in der politischen Führung Spaniens eine
gewisse Überraschung und Ratlosigkeit aus. Ministerpräsident José
Luis Rodríguez Zapatero, der auf der Kanaren-Insel Lanzarote Urlaub
macht, hüllte sich zunächst in Schweigen. König Juan Carlos, der
seine Ferien auf Mallorca verbringt, erklärte nach Angaben des
Königshauses: "Dieser Bande von Mördern und Verbrechern wird es nicht
gelingen, das demokratische Leben in Spanien oder die Normalität auf
der Insel zu beeinträchtigen."
Der Regierungschef der Balearen, Francesc Antich, rief
Einheimische und Urlauber dazu auf, die Ruhe zu bewahren. "Wir werden
nicht zulassen, dass die Terroristen unser Leben verändern", sagte
er. Der Regierungschef kam mit dem spanischen Staatssekretär für
Tourismus, Joan Mesquida, zusammen, um die Auswirkungen der Anschläge
auf die Reisebranche zu erörtern.
Warnungen
Die ETA hatte in mehreren Anrufen
vor den Bomben gewarnt. Nach Angaben der Behörden kamen die
telefonischen Warnungen aus Frankreich. Sie seien jedoch so wirr
gewesen, dass die betroffenen Lokale nicht in jedem Fall rechtzeitig
geräumt werden konnten, hieß es.
Die Bombenanschläge der ETA auf Mallorca werden nach Ansicht der
spanischen Regierung für die Reisebranche nur geringfügige Folgen
haben. "Die Auswirkungen werden sehr begrenzt sein", meinte
Tourismusstaatssekretär Mesquida am Montag in Palma de Mallorca.
"Seit 30 Jahren versucht die ETA, dem Tourismus in Spanien Schaden
zuzufügen. Aber die Reisebranche hat ständig zugelegt."
Die österreichischen Reiseveranstalter melden unterdessen kein
Ansteigen der Stornierungen von Mallorca-Reisen. Anrufe von Kunden am
Montag hätten sich auf "eventuell zu erwartende Flugverspätungen
bezogen", jedoch nicht auf geplante Absagen, teilte
TUI-Konzernsprecher Josef Peterleithner in einer Aussendung mit. Auch
Birgit Reitbauer vom Österreichischen Verkehrsbüro bestätigte in
einem Gespräch mit der APA am Montag, dass es bis dato unter den 200
Kunden des Verkehrsbüros in Mallorca keine Stornierungen oder
Umbuchungen gab.
Steinmeier: Keine dringende Reisewarnung für Mallorca
Der deutsche Bundesaußenminister Frank-Walter
Steinmeier sieht trotz der Anschläge
keinen Anlass, eine Reisewarnung für die spanische Ferieninsel
auszusprechen. "Es ist noch nicht die Situation, dass wir von
Reisen nach Mallorca dringend abraten", sagte der SPD-Politiker
am Montag dem Sender N24. Zugleich zeigte er sich erleichtert,
dass bei den drei Explosionen am Sonntag niemand verletzt wurde.
"Ich hoffe, dass die Sicherheitsbehörden in Spanien Mittel und
Möglichkeiten finden, diese Anschlagsserie zu beenden", erklärte
er.
Mallorca ist mit seinen Nachbarinseln eines der beliebtesten Reiseziele in Europa. Allein aus Deutschland befinden sich derzeit schätzungsweise mehr als 100.000 Urlauber auf den Balearen - sie stellen normalerweise gemeinsam mit den Briten die größte Urlaubergruppe. Am Sonntag waren von den meisten deutschen Reise- und Flugveranstaltern nach den erneuten Anschlag zunächst keine Stellungnahmen zu erhalten. Eine Sprecherin von Air Berlin sagte am Nachmittag, der Flughafen in Palma sei offen, der Flugbetrieb verlaufe normal. Palma ist ein wichtiges Drehkreuz für Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft. Eine Lufthansa-Sprecherin sagte, Flüge des Unternehmens von und nach Mallorca seien nicht betroffen. TUI kündigte eine Erklärung für Montag an. (red/APA/AP/Reuters)