Einmal Glockner mit Tal-Garantie

9. August 2009, 16:57
5 Postings

Mit einem Bergführer können auch Amateure den Großglockner wagen. Notfalls wird umgedreht

"Ich bin verpflichtet, meine Kunden wieder hinunterzubringen, auf den Gipfel bringen muss ich sie nicht", antwortete unser Heiligenbluter Bergführer Ambros Unterkircher auf die Frage, was er tut, wenn jemand offensichtlich nicht für den Aufstieg auf den Großglockner gerüstet ist.

Umdrehen können gehört zu den Grundtugenden jeder Glockner-Besteigung. Der höchste Berg Österreichs (3798 m) kann heim- tückisch sein. Er ist so einfach, dass es auch ehrgeizige Wanderer über die Normalwege vom Kärntner Heiligenblut oder von Kals in Osttirol auf die Spitze schaffen, aber doch um vieles anstrengender und gefährlicher als ein durchschnittlicher Ostalpengipfel - besonders bei schlechtem Wetter.

Dann sitzen die Bergpartien in der Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe (3454 m) und blicken sehnsüchtig zur Nebelwand hinauf, hinter der sich 350 Meter höher das Gipfelkreuz verbirgt. Man könne niemanden mit Gewalt aufhalten, der bei Sturm und Schnee den Gipfelsturm wagen will, weiß Ambros, aber mit etwas Zureden ließen sich die meisten schon abbringen. Dennoch geschehen jedes Jahr dutzende Unfälle, und immer wieder gibt es Tote auf dem Berg - oft durch Stürze in die Gletscherspalten, die wegen der Erderwärmung gewachsen sind.

Zurück zu den Erstbesteigern

Uns hat Ambros nicht aufgehalten. Im Gegenteil: Als wir vier am frühen Nachmittag von der Salmhütte kommend die Adlersruhe erreichten - seit die Gletscherschmelze den einst üblichen Aufstieg über die Pasterze und den Hofmannskees mühsam und gefährlich gemacht hat, gehen die Bergführer wieder den Weg der Erstbesteiger von 1800 -, drängte er auf einen raschen Aufstieg zum Gipfel. Die Sicht war gut, der Wind schwach, und weil wir uns gerade in einem Sonnenfenster in einer sonst völlig verregneten Woche befanden, waren kaum andere Bergsteiger unterwegs.

Wir zogen die Steigeisen über die Bergschuhe, legten nach einiger Zeit das Seil an und marschierten Schritt für Schritt über das immer steiler werdende Schneefeld auf dem Glöcknerleitl in Richtung Kleinglockner - jenem trügerischen Nebengipfel auf 3770 m Seehöhe, der erst erklommen werden muss, bevor man den "echten" Glockner erreicht.

Zwei Männer kreuzten wir auf dem Weg hinauf, eine andere Kleingruppe, die sich mühsam mit komplizierter Seiltechnik sicherte, überholten wir beim Abstieg - sonst waren die oft überfüllten Felsen rund um den Gipfel leer.

Niemand wartete ungeduldig hinter uns, als wir die obere Glocknerscharte überquerten - jene schmale, schneebedeckte und mehrere Meter lang ungesicherte Passage zwischen Klein- und Großglockner, auf deren Flanken man hunderte Meter in die Tiefe blickt, wenn man den starren Blick nach vorn unterbricht.

Und als wir um 17.20 Uhr das Gipfelkreuz erreichten, hatten sich alle Wolken und die anderen Wanderer verzogen. Den großartigen Rundblick auf die österreichische Bergwelt vom Salzkammergut bis zu den Dolomiten hatten wir bei der notorischen Aufstellung zum Gipfelfoto für uns allein - es war der größte Luxus, den der heimische Bergkönig seinen Bezwingern zu bieten hat.

Gänsemarsch im Morgengrauen

Als wir eine Stunde später die Erzherzog-Johann-Hütte erreichten, warteten dort schon rund 30 Bergsteiger, die den Gipfel im Morgengrauen erklimmen wollten - im staugefährdeten Gänsemarsch. Der späte Nachmittag erwies sich im Nachhinein als idealer Zeitpunkt für die Besteigung.

Auch die Jahreszeit Anfang Juli bietet dem wenig geübten Bergsteiger Vorteile: Die Schneefelder geben mehr Sicherheit als die Eisplatten, die sich ab August auf dem Weg zum Gipfel bilden. Die obere Glocknerscharte ist zwar bei hohem Schneebelag etwas länger, dafür ist der Furcht erregende Abstieg zum Grat weniger steil. Im August gibt es hingegen mehr Platz auf den eisfreien Felsen, damit die verschiedenen Partien einander ausweichen können.

Was ist noch zu bedenken, bevor man den Aufstieg wagt? Eine gute Kondition ist Voraussetzung - 1800 oft schneebedeckte Höhenmeter an einem Tag fordern vom Körper einiges. Auch zu viel Höhenangst sollte man nicht mitbringen. Aber alle anderen Schwächen des typischen Berg-Amateurs macht ein guter Bergführer wie Ambros wett. Und mit professioneller Betreuung ist eine Glockner-Tour nicht besonders gefährlich. Denn wenn es brenzlig wird, dreht der Bergführer mit der Gruppe einfach um - nachhaltige Kundenbindung am Glockner eben. ( Eric Frey/DER STANDARD/Printausgabe/8./9.8.2009)

Info: Bergführerverein Heiligenblut, Tel.: 04824/27 00, www.grossglockner-bergführer.at

  • 1800 die logischste Route - in Zeiten der Erderwärmung die vernünftigste: der Aufstieg über den Kleinglockner.
    foto: osttirol werbung/witkowska

    1800 die logischste Route - in Zeiten der Erderwärmung die vernünftigste: der Aufstieg über den Kleinglockner.

Share if you care.