Blutrünstig-beschwingtes Opern-Machtspiel

9. August 2009, 11:52
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"Moise et Pharaon" von Gioachino Rossini - Jubel für die Philharmoniker, den Staatsopernchor und Riccardo Muti - Buh-Rufe für Flimm-Regie

Salzburg - Zünftige Märsche, luftige Polkas und leichtfüßige Walzer aus dem Graben. Dazu ein ultrafundamentalistischer, alttestamentarischer Mythos auf der Bühne. Dramatisch wenig raffiniert prallen bornierte Völker und engstirnig verkrampfte Menschen aufeinander. Und Jehova und Isis sind mit dabei in diesem Spiel der Mächtigen. "Moise et Pharaon" heißt der Vierakter, den Gioachino Rossini aus diesem Stoff geschaffen hat - gestern, Samstag, Abend war die Premiere der letzten großen Opern-Neuproduktion des Salzburger Festspielsommers 2009.

1827 in Paris hat der Komponist mit "Moise et Pharaon" einen fulminanten Erfolg eingefahren, wieder einmal hatte er den Geschmack seiner Zeit auf den Punkt gebracht. Und auch gestern, Samstag, Abend im Großen Festspielhaus verfehlte die Musik ihre Wirkung nicht. Für die Inszenierung von Jürgen Flimm hingegen gab es keine vernichtenden, aber doch unüberhörbar lautstarke Buh-Rufe.

Tatsächlich ist Flimm wenig eingefallen. "Die Massen des hundertköpfigen Chores auf der Bühne zu bewegen, das ist die Herausforderung für meine Regie", hat Flimm vor wenigen Tagen bei einer Pressekonferenz gesagt, und nicht zuletzt daran ist er gescheitert. Sowohl die Hebräer und Ägypter des Staatsopernchors als auch die Solisten stehen meist unschlüssig an der Rampe. Sie schmettern, aber sie spielen nicht. Wenig Bewegung auf der Bühne, ein guter Teil dieser vierstündigen Oper versackt in Statik, die Flimm mit einer Reihe von Gags und bunten Details nur notdürftig kaschieren konnte.

Die Bühne von Ferdinand Wögerbauer ist ein halboffener, hölzerner Riesen-Zylinder, der bis in den Himmel (den Schnürboden des Festspielhauses) zu reichen scheint. Geschmackvoll, aber stundenlang unverändert. Irgendwann setzt sich das Gefühl durch, vor einer Weihnachtskrippe zu sitzen. Ein kleiner Feuerzauber, ein paar bunte Speere, drei Buben, die drei Akte lang ein für die Geschichte völlig bedeutungsloses "Du sollst nicht töten" an die Wand pinseln, die zehn Gebote auf Pappendeckel und dazu unendlich viel überdimensional groß auf die Wände projizierter Lesestoff über die biblischen Plagen. Sogar die große Ballettmusik im vierten Akt verbringt man also mit dem Lesen von Jehovas kriegerischer Erfolgsgeschichte und freut sich, wenn zum hundertsten Mal die Vorhänge von oben und den Seiten die Perspektive auf die optisch ohnehin längst abgenützte Szene verändern.

Im Schlussbild, und damit wird Flimms Unentschlossenheit drastisch greifbar, kratzt er die Kurve zur Judenvernichtung im Dritten Reich. Der letzte Satz der Oper "Vernichten wir eine schuldige Rasse" hat diese Idee zwar nahegelegt. Ästhetisch bricht die Inszenierung damit aber gänzlich auseinander. So bleibt ein Spiel mit Bildern und Effekten, und einige davon verfehlen ihre Wirkung nicht. Eine brauchbare Neudeutung dieser Oper - und genau das ist bei einem derartig verstaubten Plot unverzichtbar - ist diese Inszenierung aber nicht einmal ansatzweise.

So blieb es den Musikern vorbehalten, den vierten und letzten Abend mit einer Opern-Neuinszenierung des Festspielsommers 2009 zu retten. Riccardo Muti dirigierte die Wiener Philharmoniker nach deutlich hörbaren Startschwierigkeiten im ersten Akt zu einer knackig-frischen Rossini-Leichtigkeit in Neujahrskonzert-Atmosphäre. Die steht in unerträglichem Widerspruch zur blutigen Dramatik des Völker- und Götterstreits, aber das ist in der italienischen Opernliteratur keinesfalls einzigartig. Der Staatsopernchor sang kraftvoll und wohldosiert in allen Lagen, und wurde seiner Hauptrolle hoch professionell gerecht.

Das Sängerensemble wirkte überwiegend festspielwürdig, obwohl die ganz großen Namen fehlen. Ildar Abdrazakov gab einen grundsoliden "Moise" ohne herausragende Strahlkraft aber auch ohne Makel und Fehler. Bariton Nicola Alaimo machte als "Pharaon" mit schlanker, klangschöner Wendigkeit wett, was ihm an stimmlicher Größe fehlt. Eric Cutler als verbissen liebender "Amenophis" war als einziger schauspielerisch überzeugend. Sein Tenor klang klar und transparent, auch wenn sich der eine oder andere forciert gepresste Spitzenton in seine Performance mischte. Marina Rebeka als "Anai" wirkte auf der Bühne unscheinbar, punktete aber mit ihrer großen Schluss-Arie, die das Publikum zum einzigen Szenen-Applaus des Abends veranlasste. Ganz vorne mit dabei war Nino Surguladze als "Sinaide", auch ihr Sopran gehörte zu den Erfreulichkeiten dieser Oper.

Das Publikum dürfte diese Premiere im Großen Festspielhaus mit gemischten Gefühlen verlassen haben. Der freudige Applaus galt den spiellaunigen Wiener Philharmonikern, dem Chor, Riccardo Muti und - wohl nicht zuletzt - dem genial-pfiffigen Gioachino Rossini. (Von Christoph Lindenbauer/APA)

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