Jahrzehntelanger Streit um Selbstbestimmungsrecht
New York/Wien - Wegen der wirtschaftlichen und militärstrategischen Bedeutung des vormals spanischen Gebiets dauert der Westsahara-Konflikt seit dreieinhalb Jahrzehnten an. In Wien sollen nun auf Wunsch der Vereinten Nationen informelle Gespräche zwischen Vertretern der marokkanischen Regierung und der Befreiungsfront Polisario stattfinden. Ein kurzer Rückblick:
1884 - Beginn der spanischen Kolonisierung der Westsahara - bestehend aus zwei Regionen: Saguia el Hamra im Norden, Rio de Oro im Süden. In den Jahren 1904-14 wird mit Frankreich - Kolonialmacht in Westafrika und Protektoratsmacht in Marokko - die Grenzziehung festgelegt.
1958 - Spanien tritt 25.000 qkm im Norden der Westsahara an das unabhängig gewordene Königreich Marokko ab. Die bisherige Kolonie wird vom Franco-Regime zur spanischen "Provinz" erklärt. Ab 1960 werden große Phosphatlager entdeckt.
1968 - Spanien wird in der UNO-Resolution 2428 aufgefordert, ein Selbstbestimmungs-Referendum durchzuführen, kommt dieser Aufforderung aber nicht nach.
1973 - Gründung der Befreiungsfront Polisario ("Frente Popular para la Liberacion de Saguia el Hamra y Rio de Oro").
1975 - Der Haager Internationale Gerichtshof (IGH) unterstreicht das Selbstbestimmungsrecht der saharauischen Bevölkerung. 350.000 unbewaffnete Marokkaner folgen einem Aufruf von König Hassan II. zum "Grünen Marsch" in die Westsahara (6. November); Spanien schließt mit Marokko und Mauretanien Abkommen, die zwei Drittel des Territoriums den Marokkanern, das südliche Drittel den Mauretaniern zusprechen.
1976 - Die von Algerien unterstützte Polisario-Front ruft die "Demokratische Arabische Republik Sahara" (DARS) aus. Mohamed Abdelaziz wird Präsident.
1979 - Mauretanien unterzeichnet einen Friedensvertrag mit der DARS und räumt den südlichen Teil, in den umgehend die marokkanische Armee vorstößt. Guerillakrieg, in dem die Polisario den Marokkanern schwere Verluste zufügt. 160.000 Saharauis flüchten nach Algerien. Die Regierung in Rabat beginnt mit massivem Bevölkerungstransfer.
1984 - Die von über 80 Staaten anerkannte DARS wird in die Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU) aufgenommen. Marokko tritt aus Protest aus der panafrikanischen Organisation aus.
1988 - Marokko und die DARS akzeptieren einen Waffenstillstandsplan von UNO-Generalsekretär Javier Perez de Cuellar.
1991 - Waffenstillstandsabkommen tritt in Kraft; UNO-Sicherheitsrat beschließt UNO-Westsahara-Mission (MINURSO) mit dem Auftrag, eine Volksabstimmung vorzubereiten.
1992 - Beginn der Erfassung der Abstimmungsberechtigten. Zwei Versuche, das Referendum durchzuführen, scheitern am Widerstand Marokkos. Die Aussöhnung zwischen Marokko und Algerien schwächt nur kurzfristig die Position der DARS.
1996 - UNO suspendiert Wählerregistrierung.
1997 - Ex-US-Außenminister James Baker wird UNO-Sonderbeauftragter für die Westsahara. Direktverhandlungen Marokko-DARS in Lissabon. Durchführung von Referendum scheitert abermals.
2002 - USA legen Autonomieplan vor. Spanien besteht auf Abhaltung von Unabhängigkeits-Referendum.
2004 - Baker, dessen Referendums-Plan von Marokko abgelehnt wird, legt seinen Auftrag zurück. DARS lässt hundert marokkanische Gefangene frei. Der UNO-Sicherheitsrat fordert Marokko und die DARS auf, den Friedensplan Bakers zu akzeptieren.
2005 - DARS lässt die letzten marokkanischen Gefangenen frei und ruft UNO auf, die Erschließung von Ölvorkommen vor der Atlantikküste zu stoppen. Dabei ging es unter anderem um die zwischen Marokko und der französischen TotalFinaElf geschlossenen Bohrverträge.
2007 - DARS stimmt einem Referendum mit drei Optionen
(Unabhängigkeit, Anschluss an Marokko oder Autonomie) zu, Marokko
lehnt Referendum weiter ab. Informelle Gespräche unter
UNO-Schirmherrschaft bleiben ergebnislos. Im Juni findet nach
Aufforderung durch den UNO-Sicherheitsrat die erste direkte
Gesprächsrunde seit Jahren zwischen Vertretern Marokkos und der
Polisario in Manhasset (US-Staat New York) statt, im August folgt die
zweite.
2008 - Auch die vierte und fünfte Gesprächsrunde in Manhasset mit
Mauretanien und Algerien als Beobachter bleiben ohne Ergebnis. Das
Mandat des Westsahara-Sonderbeauftragten der UNO, Peter van Walsum,
wird nicht verlängert. Ihm war von der Polisario Parteilichkeit mit
Marokko vorgeworfen worden.
2009 - Anfang des Jahres beruft UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon
den ehemaligen US-Diplomaten Christopher Ross als neuen
UNO-Sonderbeauftragten für den Westsahara-Konflikt. Der
Sicherheitsrat unterstützt Ross' Vorschlag, die Kompromisschancen vor
einer fünften Verhandlungsrunde zunächst in informellen Gesprächen
auszuloten. Im August kommen die Konfliktparteien in der
niederösterreichischen Wachau zu informellen Beratungen zusammen. (APA)