"Psychoterror rund um die Uhr"

9. August 2009, 16:36
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Nach vier Monaten in der Gewalt somalischer Piraten gingen die 24 Besatzungsmitglieder des deutschen Frachtschiffes "Hansa Stavanger" am Wochenende in Kenia an Land

Die Erleichterung war den 24 Seeleuten der "Hansa Stavanger" anzusehen, als sie am Samstag den abgesperrten Pier in Kenias Hafenstadt Mombasa betraten. Von der Reeling aus winkten die Männer, die am 4. April 400 Seemeilen von Somalia entfernt von Piraten gekidnappt worden waren, ihren wartenden Angehörigen zu. "Ich bin ein glücklicher Kapitän von einem unglücklichen Schiff" , fasste der polnische Kapitän Krzysztof Kotiuk die Stimmung zusammen. "Nach vier Monaten sind wir sehr müde." An Details der "fürchterlichen Situation" in den Händen der Piraten will er sich an diesem Freudentag nicht erinnern: "Vielleicht in ein paar Tagen oder Wochen."

Allein die Enge war beklemmend: Die 24 Seeleute und ihre Entführer kampierten auf der Brücke des Containerfrachters. Es gab nur eine einzige Toilette, die ständig verstopft war. An Körperhygiene war nicht zu denken, zumal die Piraten selbst Zahnbürsten und Zahnpasta gestohlen hatten.

Dazu kam massiver psychischer Druck. "Nonstop waren schwere Maschinenpistolen auf unsere Köpfe gerichtet" , so Kotiuk. "Das war Psychoterror rund um die Uhr." Scheinhinrichtungen habe es gegeben, bei denen die Piraten knapp über den Kopf der gefesselten Opfer hinwegeschossen. In einer E-Mail hatte Kotiuk schon vor einem Monat gefleht: "Wir haben kein Wasser, kein Essen, keine Medikamente, wir können nicht mehr."

Der Kommandant der deutschen Fregatte "Brandenburg" , Torsten Ites, dessen Schiff den Frachter seit der Freilassung am 3. August in den Hafen von Mombasa begleitet hat, spricht von einem fürchterlichen Zustand der "Stavanger" . "Das Schiff war in einer Verfassung, wie man das erwartet, wenn es Piraten in die Hände gerät."

Am Sonntag erholten sich die Entführungsopfer am kilometerlangen Sandstrand nördlich von Mombasa. Die Hamburger Reederei Leonhardt&Blumberg hat den Seeleuten psychologische und medizinische Betreuung sowie "besondere Sozialleistungen" zugesichert. Fünf von ihnen stammen aus Deutschland, die anderen aus Polen, Russland, der Ukraine, Tuvalu und den Philippinen.

BKA ermittelt an Bord

In Mombasa begannen zeitgleich Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) die Untersuchung des Schiffes, das als Tatort eingestuft wird. Eine neue Besatzung stand in Mombasa bereit, um den Frachter nach Hamburg zu bringen.

Die Debatte um die Handhabung der bisher dramatischsten Entführung eines deutschen Schiffes durch somalische Piraten ist unterdessen neu entbrannt. Im Mittelpunkt steht das Lösegeld von offenbar zwei Millionen Euro. Angeblich seien Kampfschwimmer bereitgestanden, um das Schiff sofort nach dem Abwurf des Lösegelds aus der Luft mit Unterstützung von Hubschraubern zu entern. Doch die Piraten hätten das Schiff so schnell geräumt, dass der Einsatz abgeblasen worden sei.

Das Auswärtige Amt wollte den Bericht des Spiegel nicht kommentieren. Es wäre der zweite fehl-geschlagene Befreiungsversuch deutscher Einsatzkräfte. Eine Stürmung durch GSG9-Truppen war ebenfalls in letzter Minute abgesagt worden. Kapitän Kotiuk war später erleichtert: "Das hätte ein Blutbad gegeben."

Derzeit wird ein geplanter Stützpunkt auch deutscher Marineeinheiten in Mombasa diskutiert, um bei einem Piratenangriff schneller reagieren zu können. Im Piratennest Haradhere, wo die "Stavanger" bis zu ihrer Befreiung lag, kämpfen seit Samstag schwer bewaffnete Clans gegeneinander. Es soll bereits 17 Tote geben. (Marc Engelhardt aus Nairobi/DER STANDARD, Printausgabe, 10.8.2009)

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    Erleichterung nach vier Horrormonaten: Die Hansa Stavanger beim Einlaufen im Hafen von Mombasa

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