Orang-Utans basteln sich Stimmwandler

9. August 2009, 17:48
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Mit Blättern verleihen die Menschenaffen ihrem Warnruf eine niedrigere Frequenz und gaukeln Feinden damit eine imposantere Körpergröße vor

Utrecht - Werkzeuggebrauch, einst als Definitionsmerkmal des Menschseins betrachtet, ist längst in vielerlei Varianten aus dem Tierreich bekannt. Allerdings werden Werkzeuge in der Regel dazu benutzt, um an Nahrung zu kommen. Externe Mittel zur Modifikation von Lautäußerungen benutzt nur der Mensch - so dachte man zumindest bislang. Doch Fehlanzeige, es gibt auch einen "Stimmwandler", der im Regenwald hergestellt wird: Orang-Utans blasen durch Pflanzenblätter, um ihre Warnrufe zu modulieren, stellten niederländische Forscher bei Feldstudien auf Borneo fest - eine einzigartige Entdeckung.

Wenn Orang-Utans aufgeregt sind, rascheln sie mit abgebrochenen Zweigen herum und stoßen einen bestimmten Warnruf, den sogenannten "Kiss squeak", aus (Hörbeispiel siehe den angefügten Link). Da stimmliche Äußerungen von der Körpergröße abhängig sind, klingen die Warnrufe kleinerer Tiere höher als die von großen - doch die Frequenz lässt sich manipulieren. Ruft ein Orang-Utan durch die vorgehaltene Hand, sinkt die Frequenz seines Kiss squeak. Verwendet er statt der bloßen Hand Blätter, wird sie noch tiefer - und gaukelt möglichen Feinden damit eine imposantere Körpergröße vor, als es der Wirklichkeit entspricht. - Das ist eine bewährte Strategie im Tierreich und reicht beispielsweise vom gesträubten Fell von Säugetieren bis zum abgespreizten Kragen einiger Reptilienarten. Auch stimmbezogene Täuschungen gibt es - etwa wenn männliche Hirsche ihren Hals recken, um das tiefstmögliche Röhren produzieren zu können. Doch keine andere Spezies verwendet dafür Werkzeuge.

Um herauszufinden, in welcher Situation Orang-Utans zum Stimmwandler greifen, machte sich die Primatologin Madeleine Hardus mit einem Team von der Universität Utrecht nach Borneo auf, um wildlebende Populationen der Menschenaffen zu studieren. Insgesamt zeichneten sie 813 Rufe von neun verschiedenen Tieren auf, wie der "New Scientist" berichtet. Die Tiere gehörten Gruppen an, die unterschiedlich stark an das Auftauchen von Menschen in ihrem Gebiet gewöhnt waren. Für die Studie war dies bedeutsam, denn so konnte die zentrale Annahme überprüft werden, ob Orang-Utans umso stärker zu Hilfsmitteln greifen, je höher die "Not" ist. Und tatsächlich benutzten jene Orang-Utans, die kaum mit Menschen vertraut waren, wesentlich öfter den Stimmwandler als die Tiere, die es schon öfter mit Wissenschaftstouristen zu tun hatten. Hardus weist in ihrer in den "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlichten Studie darauf hin, dass die Orang-Utans wahrscheinlich willentlich entscheiden, welche Variante sie wählen. Sie leitet daraus die Frage ab, ob Primatenrufe mehr als ausschließlich von Emotionen geprägte Äußerungen sind und künftig differenzierter betrachtet werden müssen. (red)

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