High Potentials und Impotentials

7. August 2009, 21:10
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Der Streber in all seinen Gestalten

Von der frühen Schulzeit an, vielleicht schon im Kindergarten, teilt sich die Menschheit in zwei verschiedene Stämme: Die Streber und die Nichtstreber. Die Nichtstreber treiben im Klassenzimmer Allotria, stechen dem Vordermann mit dem Zirkel in den Hintern, starren Löcher in die Luft oder schicken lustige Simse durch die Gegend.

Wie anders dagegen die Streber. Gespannt hängen sie an den Lippen des Lehrers. Kaum stellt er eine Frage, setzen sie blitzartig ihre Ich-weiß-was-Miene auf und lassen die Hand peitschenartig nach vorn in die Höhe schnellen. Eine solche Zurschaustellung hechelnden Leistungswillens ist stets ein Indiz dafür, dass wir es mit High Potentials zu tun haben, gegen die normal sterbliche Impotentials keinen Auftrag haben.

Meist gilt: Einmal Streber, immer Streber. In den Touristengruppen, die sich jetzt überall in Wien herumtreiben, erkennt man die Strebertouristen daran, dass sie sich hautnah an die Fremdenführer anschleimen. Die verstrebertsten Streber gehen so weit, dass sie auf einem kleinen Block mitstenografieren, wen Ottokar der Kurzsichtige im Jahr 1211 bei der Schlacht am Grauen Kogel besiegt hat. Die Nichtstreber schielen auf ihre Armbanduhren oder halten verzweifelt nach den lokalen Wasserlöchern Ausschau, weil sie es kaum erwarten, bis die vermaledeite Führung vorbei ist und sie sich endlich ein Bier hinter die Binde gießen können.

Auch die sommerlichen Fahrradstreber, die in diesen Monaten rudelweise unterwegs sind, erkennt man im Handumdrehen. Das sind jene Typen, die in ihren superwindschnittigen Neoprenanzügen am Donaukanal an einem vorbeizischen wie schwarze Riesenbratwürste und dabei den Eindruck vermitteln, dass sie alles, was sich ihrem Siegeslauf in den Weg stellt, am liebsten ins Ufergebüsch treten würden.

Aber: Nicht jeder Streber bleibt sein Leben lang Streber. Mein alter Freund H. war in der Unterstufe ein hyperhastiger Streber, doch beim Eintritt in die Oberstufe kam er plötzlich zur Überzeugung, dass ein geruhsames Petting und ein paar Tütchen Marihuana auch ihre Meriten haben.

So entdeckte er denn mit einem Mal die Lust und die Langsamkeit und schlug eine definitiv nichtstreberische Laufbahn ein, die es ihm erlaubte, seine Neigungen großzügig auszuleben. Persönlich gesehen ja ein sympathischer Sinneswandel. Aber für das österreichische Bruttosozialprodukt das reinste Gift. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 8./9.8.2009)

 

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