An den Rändern der Mitte

7. August 2009, 20:47
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Franzobel über einen Noname, einen Adabei: Sein größtes Vergnügen bestand darin, mit Prominenten und Stars abgebildet zu werden

Porträt eines ins Bild drängenden Niemands.


In Reichenau, erzählt eine Anekdote, teilt der Festspieldirektor das Ensemble höchstpersönlich zur Applausordnung: Rechts die Namen, also die Stars, links die Niemande, die Nebendarsteller.

Und von Niemanden handelt auch diese Ins-Bild-Rückung. Zuerst von einem Niemand, der sich immer zu den Namen gesellte. Es muss so vor zehn, zwölf Jahren gewesen sein, als dieser Noname mit seinem seltsamen Spleen kurzfristig Berühmtheit erlangte, er schwindelte sich, eine unauffällige Nicht-Erscheinung, ins Bild, stellte sich dazu, war adabei. Sein Vergnügen bestand darin, mit Stars und Prominenten abgelichtet zu werden. So wie Mark Roberts, dem berühmtesten aller Flitzer, gelang es auch dem ins Bild drängenden Niemand, an möglichst unmöglichen Orten aufzutauchen und sich an den Rand des Mittelpunks zu schwindeln. Er stand im Konfettiregen bei der feiernden Mannschaft des frischgebackenen Fußballweltmeisters, beim Abschlusswinken einer Wetten-dass-Sendung. Er drängte sich ins Gruppenbild der Staatspräsidenten eines G-8-Gipfels, war bei einem Papstempfang, bei der Pokalübergabe an einen Wimbledonsieger, neben Karl Moik im Musikantenstadel. Immer stand das unscheinbare Männlein im mausgrauen Anzug, er mag damals um die sechzig gewesen sein, neben den Berühmtheiten seiner Zeit und grinste bescheiden bildfüllend.

Aber während Mark Roberts, der Ausziehsportler, sich bald einen Namen gemacht hat und mittlerweile eine eigene Homepage betreibt, die seine lustigsten Zurschaustellungsläufe zeigt, etwa die groß am Rücken angebrachte Aufschrift 19th hole (mit einem Pfeil nach unten) während eines Golfturniers, oder (wieder mit Pfeil nach unten) ein bauchgepinseltes new balls bei einem Tennisspiel, während also die nackten Tatsachen des Flitzers gut dokumentiert sind, ist der ungebetene Adabei, unser Noname, der auf seine Art den Warholschen Satz der Fünf-Minuten-Instant-Berühmtheit inszeniert hat, wieder dort verschwunden, wo er hergekommen ist: im Niemandsland.

Als hätte man ihn wie Leo Tolstoi von den Revolutionsbildern wegretuschiert, lässt er sich im Google-Universum nicht mehr finden. Ich weiß nicht, wie er heißt, noch, ob er vor acht oder achtzehn Jahren aktiv gewesen ist, nicht, ob er Deutscher, Franzose, Schweizer oder Belgier war, auch nicht, ob er noch lebt - vermute aber, dass er unerkannt schon längst in irgendeinem Himmel neben einem höchsten Wesen steht und in die göttlichen Blitze grinst.

Vielleicht hat dieser private Bilderstürmer aber auch gar nie existiert, habe ich diese Geschichte nur geträumt? Eine eingebildete Geschichte von einem sich selbst einbindenden Einbildner - wie die an einer Blutlache leckenden Kindergartenkinder oder dass uns die Tanten, damals hießen Kindergärtnerinnen so, durch dichtes Brennnesselgestrüpp schickten, wenn wir einen Ball über den Zaun geschossen hatten, ihn zu holen. Bei manchen Geschichten weiß man nicht, ob sie geträumt oder erlebt, erfunden oder empfunden worden sind.

Kleine Gauner, wenn sie ein System düpieren, sind sympathisch. Flitzer, Dagobert, Saliera-Dieb und Ins-Bild-Schummler, von dem ich mir doch ziemlich sicher bin, dass es ihn gab, rühren uns an. Der Niemand hat ja auch aufs Schönste die Widersprüche der Medien decouvriert. Ein Darsteller des kleinen Mannes, Komparse der Ränder, Statist seiner selbst. Eine Figur wie aus einem Woody-Allen-Film. Immer stehen den Mächtigen und Prominenten Chauffeure, Schiedsrichter, Sendungsverantwortliche, Krankenschwestern, Streckenposten, Leibwächter, Fans oder andere "Randfiguren" zur Seite, die niemand kennt. Wenn sich nun herausstellt, dass diese unbekannten Niemande alle ein Gesicht haben, immer vom demselben verkörpert werden, gerät unsere uninszeniert geglaubte Welt doch ziemlich aus den Fugen. Schnell kann man an Engel, Weltverschwörung, Körperfresser oder an eine großartige Inszenierung, die sich nur in den Statisten zeigt, denken.

Aber sind wir nicht alle, bildlich gesprochen, Niemande im Strom der Zeit, die kurz mal in ein Bild drängen, um bald darauf wieder in Vergessenheit zu geraten? Manche halten sich ein paar hundert oder tausend Jahre - aber was ist das schon angesichts der Unermesslichkeit der Zeit. Nun gibt es aber auch Niemande, die in kein Bild drängen, nicht wahrgenommen werden wollen, wie Bohnen in sich ruhen und dennoch mit ihrem Tun der Zeit einen kleinen Thunfisch in die Strömung legen, der, so unbedeutend er auch scheinen mag, den Lauf verändert, Wellen schlägt und was bewegt. Denen gilt mein Respekt. Das sind keine Leute, die nackt über Fußballfelder laufen oder sich in irgendwelche Bilder drängen müssen, um sich selbst zu spüren, keine, die in den Vordergrund treten - und die es doch verdienen täten, dass man sie in einen Rahmen setzt. Nur sind es so viele, dass ich alleine mit meinen Niemanden die nächsten zehn Jahre lang diese Seite füllten könnte, jetzt nicht alle in den kleinen Rahmen dieser Kolumne bringe.

Da sind, um nur einige zu nennen, Peter Kammerstätter, Thomas Harlan, der Arigona beherbergende Baron, der Teppichweber Friedemann und ein Hang-Spieler, der wie ein moderner Siddhartha ist. Hang? Das ist ein von Berner Instrumentebauern entwickelter Klangkörper, der einem Gartengriller gleicht und wie eine Mischung aus Xylophon, tibetischem Klostergong und Fischblubbern klingt, aber eine Schwingung verbreitet, die die Seele streichelt. Mein Hang-Spieler spielt nicht nur in der Wiener Innenstadt, sondern geht auch morgens, bevor die Besucherströme kommen, in den Schönbrunner Tiergarten, um den Löwen, Nashörnern und Krokodilen vorzuspielen, die ihm ganz versonnen lauschen. Den Gorillas spielt er nicht mehr, die reagieren ihm zu menschlich, das erträgt er nicht. Dafür spielt er für Wachkomapatienten, die sich bei gewissen Tönen aufrichten, ihn lange ansehen oder weinen.

Das Hang ist friedensstiftend, und wenn mein erster Hang-Spieler darauf spielt, erscheint es unmöglich, dass zu solchen Klängen jemand einen Krieg befiehlt. Ein Instrument der Deeskalation. Aber wahrscheinlich gehen diese Schwingungen gar nicht vom Hang selbst, sondern von meinem Hang-Spieler aus, der sich ausschließlich von Blättern und Früchten ernährt, nicht, weil er meint, der Mensch sei ursprünglich ein Pflanzenfresser, schließlich laufen Karotten oder Rüben nicht davon, sondern weil er nicht Mitschuld haben will am Leid der Tiere. Er versucht, nach den Regeln Buddhas zu leben, erschlägt nicht einmal Gelsen, mag keine Bilder, in denen Schwarz vorkommt. Er ist der ruhigste und zufriedenste Mensch, den ich kenne. Allerdings, was ihn mir sympathisch macht, kein Heiliger, nicht ohne Widersprüche. Er sammelt Rolex-Uhren und hortet aus Angst vor der Krise Nudeln, Kartoffeln und Silbermünzen.

Ein anderer vorbildlicher Mensch sitzt in einer Pflegeheilanstalt für Lungenkranke und spricht, als wäre er das personifizierte Weltgewissen. Thomas Harlan, Sohn des Regisseurs von Jud Süß, hat Kinos angezündet, wenn darin Filme seines Vaters gezeigt wurden, hat in Polen gelebt, um Richtern, Staatsanwälten und Industriellen ihre Nazi-Täterschaft nachzuweisen, um am Ende resignierend festzustellen, dass sogar der ihn unterstützende Chefverfolger der Nazis ein Kriegsverbrecher war. Später ging er in die Karibik, drehte den ersten Spielfilm auf Kreolisch. Dieser Thomas Harlan spricht derart klug und poetisch, wissend und doch zugleich erfrischend politisch unkorrekt, dass ich ihn sehr verehre.

Er redet von der Sprache als Kathedrale, davon, dass es Missbrauch sei, sie nur zu benützen, um etwas auszudrücken. Weil die Sprache ist kein Schwamm. Er sagt, dass es den Sachen egal ist, ob wir sie verstehen oder nicht. Und dass die einzige Form der Strafe Wahrheit ist, Aussprechen frei macht. Wenn Täter, ganz egal wie ungeheuerlich die Tat auch ist, sich nur öffentlich und in aller Ehrlichkeit dazu bekennen, soll man sie nicht einsperren, sondern heimschicken. Dann müssen sie sehen, wie sie damit fertig werden, das ist Strafe genug.

Dem Baron, der trotz aller Schikanen Arigona und ihre psychisch kranke Mutter beherbergt, habe ich in dem Essay Österreich ist schön ein kleines Denkmal gesetzt. Peter Kammerstätter war ein unermüdlicher Sammler von zeitgeschichtlichen Dokumenten in Oberösterreich, dessen Stimme und Offenherzigkeit mich packt und beutelt. Als Kommunist blieb ihm zeitlebens jede Anerkennung versagt. Auch Heimrad Bäcker verdient genannt zu werden. Friedemann, der Teppichweber, ein wunderbarer Erzähler und Experte in Sachen Zentralfriedhof und Westbahnhof. Ute Bock, die Mutter Theresa der Asylbewerber. Und und und. Chapeau, wie der Friseuse sagt.

Geschichten schälen sich aus der Geschichte. Und wenn man die Milch der Medien, mit der man uns stillt, entrahmt, wenn man all die Besenkammer-Samenräuberinnen-B-Promis, von denen man nicht weiß, ob sie einen Beruf haben, wer ihre Faceliftings bezahlt, wenn man also die ganzen Seitenblicksgeschöpfe abschöpft, kommen wunderbare Menschen zum Vorschein, die alle ein Porträt verdienten. Aber es gibt immer andere, viele davon dumm wie Brot, die sich hineindrängen und von denen man dann schon wenig später nicht mehr weiß, wie sie heißen und ob es sie jemals gegeben hat.

Rechts stehen die Namen und links die Niemande. Oder ist es umgekehrt? (Franzobel / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.8.2009)

 

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    Franzobel, geb. 1967, lebt als freier Schriftsteller in Wien, Pichlwang und Buenos Aires. Franzobel liest am  Donnerstag, den 13. August, um 20.30 beim O-Töne-Festival im MUQUA in Wien. 

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