Mao durch den Grüntee gezogen

7. August 2009, 19:52
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Politische Satire in China: Zhou Libo wurde mit kabarettistischen Gratwanderungen zum Liebling der Schanghaier

Dabei regiert China weiterhin mit Zensur und politischer Verfolgung auf Regimekritiker.


Der Turnschuhwurf des deutschen Studenten Martin J., der im Februar in Cambridge mit seiner Attacke auf Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao Schlagzeilen machte, wird derzeit im Majestic-Theater von Schanghai nachgespielt. Chinas neuer Bühnenstar Zhou Libo parodiert dort die Szene aus der Sicht des betroffenen Premiers. Davor imitiert er noch Ex-US-Präsident George W. Bush, der sich beim Iraker Schuhwurf in seine Richtung duckte. Dann ahmt er Wen Jiabao nach, der dem vorbeifliegenden Schuh sinnend nachschaut. "Warum reagierte unser Premier so gefasst? Weil er sah, dass der erste Wurf ihn nicht treffen würde und er auf den zweiten wartete."

Zhou Libos Kabarettprogramme "30 glorreiche Jahre" oder "Groß-Schangha" im 1941 erbauten City-Theater sind ausverkauft, obwohl es 1328 Besuchern Platz bietet und Preise zwischen zehn und 40 Euro verlangt. "Bestellungen nehmen wir erst ab Januar wieder an", sagt eine Angestellte.

Schanghais Publikum kriegt nicht genug von Zhou. Gerade weil er die Weltstadt auf den Arm nimmt. Dabei sei diese topp! Etwa beim Lösen von Nahverkehrsproblemen, sagt er. "Dank dem Transrapid, für den Schanghai eine Milliarde Euro bezahlt hat, können wir jetzt 30 Kilometer weit fahren."

Werbeplakate für die Show versprechen, dass die Zuschauer "einen Mann, seinen Mund und das 120 Minuten lang" zu sehen bekommen. Vor allem feiert Schanghai mit dem 42-jährigen Zhou den ersten Kabarettisten im Land, der heikle Themen anfasst. Sein Sketch "Ich bin verrückt nach Reichtum", in dem er Chinas Führer - von Mao Tsetung über Deng Xiaoping bis zum in Schanghai noch lebenden Ex-Parteichef Jiang Zemin durch den grünen Tee zieht - ist Kultprogramm im Internet. In Chinas Youtube kann man die im Schanghaier Dialekt von Zhou Libo gesprochenen Sketche nicht nur in voller Länge, sondern auch mit chinesischen Untertiteln verfolgen. Besonderer Hit: Seine Parodie auf Chinas Führer. Der hat es auf rund 900.000 Zugriffe gebracht.

Zhou, der im Alter von 15 Jahren bei Schanghais Truppe für Lokalsketche das Sprechtheater von der Pike auf gelernt hat, imitiert auch Stimmen. Er näselt etwa im Hunan-Dialekt wie Mao, als dieser 1949 die Volksrepublik ausrief: "Es muss am Mikrofon gelegen haben", entschuldigt Zhou Maos langgezogenen Ruf. Er parodiert Jiang Zemin, wie dieser sich seine Hose hoch über dem Bauch festzurrt. Oder Deng Xiaoping beim Bridge.

Zhou zeigt, wie die Führer reagieren würden, wenn sie erführen, dass eine chinesische Botschaft im Ausland von den USA bombardiert würde - oder dass Schanghais Börse bankrott wäre. Mao trifft seine Entscheidungen abrupt und nach der Devise "Alles Papiertiger". Deng ist ein Taktiker, der seine Karten nicht auf einmal ausspielt, und Jiang einer, der die Dinge lieber aussitzt. Das Publikum kreischt vor Lachen. Dass Zhou beim Imitieren der Führer einen Drahtseilakt aufführt, lässt er seine Zuschauer wissen: "Wenn ich so weitermache, werde ich wohl bald abgeholt."

Der südchinesischen Zeitschrift "People Weekly" ("Renwu Zhoukan"), die ihm ihre Titelgeschichte unter der Überschrift "Der gescheite Komiker" widmete, sagt Zhou, er erzähle keine politischen Witze, weil er niemanden attackieren wolle. In der heutigen Gesellschaft könne man nicht die Wahrheit sagen, ohne Freunde und Führer zu verprellen. Spreche er aber nicht die Wahrheit, verprelle er sich selbst: "Deshalb erzählen wir uns lustige Worte und verprellen keinen. Vor dem Lachen ist schließlich jeder Mensch gleich."

Tränen und Zensur

Das war nicht immer so. Mit Karikaturen und Kabarett stand die Volksrepublik immer auf Kriegsfuß. "Ist der Sozialismus etwa zum Lachen?", lautete die bitterernste Anklage, unter der harmlose Witzzeichner Ende der 1950er als "politische Reaktionäre" in Umerziehungslager deportiert wurden.

Auch in den 30er-Jahren der Reformen blieb es tabu, lebende Führer zu karikieren. Im September 2006 musste die südchinesische Zeitung "Xin Kuaibao" eine Ausgabe zensieren, weil sie eine Karikatur des weinenden Parteichefs Hu Jintao veröffentlichte. Der Zeichner hatte einen Regierungsbericht illustriert, nachdem Hu vor Mitleid Tränen kamen, als er las, wie sich ein Lehrer für seine Schüler aufgeopfert hatte.

Im Verständnis Pekings sind Karikaturen bis heute Spottzeichnungen - und damit Majestätsbeleidigung. Das beginnt sich zu ändern. Internet und der städtische Mittelstand ebnen den Weg zur Akzeptanz. Zeichner wie der 43-jährige Kantoner Kuang Biao karikieren mit beißendem Spott. Kuang Biao veröffentlicht auf seiner Webseite kuangbiao.qzone.qq.com seine Arbeiten. Auch solche, die die Zensur nicht passieren. In Städten wie Schanghai regen sich wieder Sprossen der kulturpolitischen Vielfalt der 1930er-Jahre, als die Stadt für Varietés, Salons und Kabaretts weltberühmt war. (Johnny Erling aus Peking / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.8.2009)

 

  • Zhou Libo - auf dem Cover des chinesischen Magazins "People Weekly" - ist der Star des politischen Kabaretts von Schanghai.
    foto: erling

    Zhou Libo - auf dem Cover des chinesischen Magazins "People Weekly" - ist der Star des politischen Kabaretts von Schanghai.

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