Neue Osmanen

7. August 2009, 20:10
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Solange Ressourcen im Osten liegen und es im Westen Abnehmer gibt, wird Ankara seine Stärke als Energietransitland ausspielen - Von Adelheid Wölfl

Die Türkei hat - auch angesichts der ablehnenden Signale, die ihrem EU-Beitrittsansinnen entgegenkommen - gezeigt, dass sie jenseits der europäischen Interessen agieren kann. Noch im Juli sicherte sie ihre Unterstützung für die von der EU favorisierte Pipeline Nabucco zu. Nun einigte man sich mit Russland auf das Konkurrenzprojekt, die Pipeline Southstream. Solange Ressourcen im Osten der Türkei liegen und es im Westen Abnehmer gibt, wird Ankara seine Stärke als Energietransitland ausspielen.

Dass der türkische Regierungschef Tayyip Erdogan und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin nun ein Grundsatzpapier zum Bau der Southstream unterschrieben haben, ist aber auch ein Resultat der türkischen Außenpolitik, wie sie von Außenminister Ahmet Davutoglu entworfen wurde. Die Türkei will ihre Position als Regionalmacht durch gute Nachbarschaftsbeziehungen zu allen untermauern. Die Zusammenarbeit mit dem Irak in der Kurdenfrage und die Aussöhnung mit Armenien steht da ebenso auf dem Programm wie die Vermittlerrolle zwischen Syrien und Israel.

Davutoglu gilt als Kopf dieser Denkschule der "neuen Osmanen", die die Türkei als Erbe eines Weltreichs sehen, als Schnittstelle verschiedener Regionen wie dem Kaukasus, dem Nahen Osten, Russland und Europa. Betont wird eine multidimensionale Politik, eine Abkehr also von der alleinigen Westbindung des Landes. Auch die EU kann sich da keine einseitige Loyalität erwarten. Anders als andere Beitrittskandidaten hat die Türkei nämlich viele Optionen. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.8.2009)

 

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