Verstörung und Zivilcourage

7. August 2009, 20:00
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Jura-Soyfer-Collage "Auf uns kommt es an": Hans Kresnik inszenierte erstmals in seiner Heimatstadt Bleiburg

Bleiburg - Es ging weder die angekündigte Bombe hoch, noch gab es in Kärnten Massenproteste wegen Johann Kesniks Abrechnung mit seiner Heimat. Und die fiel kräftig-deftig aus. Die Jura-Soyfer-Collage "Auf uns kommt es an" wurde am Donnerstag im Bleiburger slowenischen Kulturhaus Kulturni Dom uraufgeführt.

Autor Christoph Klimke lässt Jura Soyfers Leben von der Verhaftung bis zu seinem Tod im KZ in einem atemberaubenden Tempo Revue passieren. Regisseur Kresnik setzt seine meisterhaft brachialen Bilder drauf, die verstören, aufrütteln und die immer wieder ins Schrille und Groteske kippen.

Reinhart Taurers Bühnenbild besteht aus monströsen Kleiderbergen, die sich bis ins Foyer des Kulturhauses ziehen: Sinnbild der letzten Habseligkeiten, die den KZ-Häftlingen abgenommen und danach versteigert wurden. Kresnik verstrickt mehrere Handlungs- und Zeitebenen miteinander, um so das klandestine Fortwirken des Nazi-Gifts bis in die österreichische und Kärntner Gegenwart zu dokumentieren.

Szenen aus Soyfers Theaterstücken wechseln mit den Gräueln des KZ-Alltags, Kärntner Nazi-Maiden im Dirndl apportieren wie folgsame Hündchen Österreich-Fähnchen mit Nazi-Emblemen, dazwischen tauchen der "Führer" Adolf Hitler mit abnehmbarem Bärtchen, vom NS-Regime verfolgte Slowenen, Partisanen, der Ortstafelkonflikt und Jörg Haider auf. Nur die berührende Hauptfigur Jura Soyfer, dargestellt vom einzigen Profi-Schauspieler Andreas Seifert, hält Kresniks wilde Bilderflut zusammen, die in den Kärntner Bezügen bisweilen ins Plakative abgleitet.

Dennoch ein sehr dichter Abend, der auch den Laienschauspielern zu verdanken ist, die sich mit ungeheurem Engagement auf die skandalversprechende Arbeit mit ihrem Mitbürger und Enfant terrible Johann Kresnik eingelassen und so in Kärnten einen bemerkenswerten Akt der Zivilcourage gesetzt haben. Vom Publikum gab es frenetischen Beifall.

Nach der Vorstellung wurde noch lange kontroversiell diskutiert. Von einer "Sternstunde für Kärnten" sprachen die einen, von anderen kam aber auch Kritik. So etwa meinte eine Zuschauerin: "Man kann doch Jura Soyfer nicht mit einem Jörg Haider vermantschen." Auch ein Blickwinkel. Elisabeth Steiner / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.8.2009)

 

Weitere Aufführungen: 11.–15.8.
25.–27.9.: Kresnik-Symposium im Grenzlandheim Bleiburg

Zum Nachlesen: "Das ist Behauptungstheater" - Theaterberserker Johann Kresnik kehrt an die Stätte seiner Kindheit und Jugend zurück: Uraufführung seiner jüngsten Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung im Bleiburger Kulturni Dom

 

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