"Das erzeugt ein Gefühl der Ohnmacht"

7. August 2009, 19:23
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Jugendliche dürften nicht den Eindruck bekommen, bei der Aufarbeitung des Falls werde mit zweierlei Maß gemessen: Das fordert Kinderanwältin Monika Pinterits

Standard: Der 16-jährige Komplize des erschossenen Supermarkteinbrechers wurde schon am Tag nach der Tat einvernommen, die zwei Polizisten bis Freitagnachmittag noch nicht. Sie stünden - so hieß es - unter Schock und würden betreut. Ist diese Art Beamtenschonung für Jugendliche verständlich?

Pinterits: Eher nicht. Die Optik, die aus dieser Diskrepanz heraus entsteht, ist nicht die Beste. Immerhin hat der 16-Jährige ja miterleben müssen, wie sein Freund umgekommen ist - weshalb zu erwarten ist, dass auch er unter Schock steht und psychologische Hilfe braucht. Hoffentlich bekommt er sie auch.

Standard: Wer könnte sie denn anordnen?

Pinterits: Das müsste wohl jemand in dem Spital tun, in dem er liegt.

Standard: Wenn jetzt die erwachsenen Polizisten im Mittelpunkt stehen: Kann das bei den Jungen ein Ungerechtigkeitsgefühl auslösen?

Pinterits: Ja, und zwar gerade in der aktuellen Situation, wo es zum Ablauf der Ereignisse die wildesten Spekulationen gibt. Das erzeugt ein Gefühl der Ohnmacht, den Eindruck, dass man sich gegen Mächtige nicht wehren kann. In einer solchen Lage sind dann gemeinsame Rituale besonders wichtig. Insofern finde ich es sehr gut, dass es vor dem Kremser Merkur-Markt zu diesen Trauerkundgebungen kommt. Das sollte man den Jugendlichen auf alle Fälle lassen und ihnen vielleicht auch Sozialarbeiter zur Seite stellen.

Standard: Besteht dabei nicht die Gefahr, dass der erschossene 14-Jährige zu einer Art Märtyrer wird?

Pinterits: Natürlich ist das momentan eine sensible Situation, denn es wird viel über die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel gesprochen. Außerdem werden sich Gruppen bilden, die den toten Freund verteidigen: dass er nicht wirklich schlecht war und zum Einbrechen verführt wurde. Und es wird andere geben, die über einen angeblichen Polizeistaat wettern.

Standard: In Griechenland oder Frankreich hatten Todesfälle Jugendlicher bei Polizeieinsätzen sogar Krawalle zur Folge. Droht das auch in Krems ?

Pinterits: Eher nicht, weil es sich in Krems nicht um sozial ausgegrenzte Jugendliche handelt wie zum Beispiel in der Pariser Banlieue - nicht um Jugendliche, denen die meisten Dinge im Leben verwehrt werden. Krems ist überschaubar, die dortigen Jugendlichen kennen sich meist aus der Schule, es herrscht eine gewisse Normalität.

Standard: Also ist das Verhältnis zwischen Jugend und Polizei in Krems nicht prinzipiell in Gefahr?

Pinterits: Nein, wenn die Polizei den Fall genau aufrollt, dabei ehrlich informiert und daraus Konsequenzen zieht - etwa, was den Umgang mit Schusswaffen angeht. Jugendliche merken genau, wenn es jemand ernst mit ihnen meint - auch bei der Polizei. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 8./9.8.2009)

 

 

ZUR PERSON:

Monika Pinterits (55) ist diplomierte Sozialarbeiterin und seit 1999 Kinder- und Jugendanwältin in Wien.

  • "Natürlich ist das momentan eine sensible Situation, denn es wird viel
über die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel gesprochen."

    "Natürlich ist das momentan eine sensible Situation, denn es wird viel über die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel gesprochen."

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