Wie lange dauert eigentlich eine Milliarde?

7. August 2009, 19:21
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Kleine Schuldenarithmetik für Normalverbraucher am Beispiel Porsche - Von Peter Seele

Oder: Wie viele Autos muss ein Konzern in welcher Zeit verkaufen, um aus neunnulligen roten Zahlen wieder in die Pluszone zu kommen? Kleine Schuldenarithmetik für Normalverbraucher am Beispiel Porsche.

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Anpassungsfähigkeit ist gewiss eine der wichtigsten Überlebensstrategien. Dass aber im Darwinjahr 2009 im Zeichen der Finanzkrise die Unsummen von Abermilliarden zur medialen Selbstverständlichkeit wurden, ist ein besonderer Treppenwitz der Evolution. Waren es bisher zusätzliche Millionenbeträge, die Unternehmen in Innovation investierten oder durch Rationalisierung einsparten, oder die etwa der Staat für Bildung oder Gesundheit verhandelte, so haben im Zuge der Finanzkrise, fast genau ein Jahr nach dem Lehmann-Absturz, Milliardenbeträge für Rettungspakete oder Rettungs-übernahmen in die Tagesnachrichten und in das kollektive Bewusstsein konjunkturprogrammverwöhnter Medienkonsumenten Einzug erhalten.

Die Frage dabei bleibt, ob diese Milliardenbeträge die neue Normalität sind, oder ob Sie nur Boten einer massiven Veränderung etwa in Form einer galoppierenden Inflation sind und den zukünftigen Ausnahmezustand vorwegnehmen, wir es aber wie der Frosch im erwärmten Wasser nicht bemerken.

Dass Milliardensummen nicht nur eine Änderung in den Nachrichtenwerten darstellen, sondern eine zeitliche Dimension ökonomischer Äquivalenz haben, soll das Beispiel der anstehenden Übernahme Porsches durch den VW- Konzern anhand einiger Szenarien entlang der veröffentlichten Unternehmenszahlen verdeutlichen.

Die von Porsche angehäuften Schulden belaufen sich demnach auf mittlerweile bestätigte 14 Milliarden Euro. Nun ist Porsche zweifelsohne eine wertvolle Marke und ein hochwertiges Unternehmen, aber wie hoch müssen zukünftige Einnahmen sein, um diesen Schuldenberg abzutragen und in ferner Zukunft Gewinne ohne Tilgungspflicht zu verbuchen?

Die Hintergründe, wie VW die Schulden Porsches mit den durch diese Schulden finanzierten Anteilen an VW verrechnet, lassen wir in dieser Kalkulation außen vor. Die Details kennen nur die Anteilseigner in Österreich, Deutschland und Katar. Nehmen wir also in einem ersten hoch optimistischen Szenario an, dass die Finanzkrise keine Auswirkungen auf den Absatz von Porsche habe und die Produktivität wie zu Wiedekings Höchstzeiten die des profitabelsten Autoherstellers weltweit von 2007 sei. 100.000 verkaufte Fahrzeuge mit einem Profit pro Fahrzeug von 21.000 Euro (der allerdings eher den Finanzgeschäften Porsches zuzurechnen war) sind die Kalkulationsgrundlage. Setzen wir diese paradiesischen Zahlen auf Dauer, so bräuchte Volkswagen ohne Zinseszins schlanke sieben Jahre, um einen Porsche zu verkaufen, der Gewinn abwirft. Allerdings käme noch eine Zinslast in Höhe von ca. 3 Milliarden bei einer optimistischen Zinsannahme von 5 Prozent hinzu.

Nehmen wir allerdings die mittlerweile ebenso historischen 2.400 Euro Gewinn pro verkauftem Fahrzeug des 2005 an Profitabilität zweitplatzierten Herstellers BWM, kommen wir bei 90.000 verkauften Porsches pro Jahr ohne Zinsen auf gut 60 Jahre Abstottern der Kaufsumme, um eine schwarze Null zu schreiben.

Doch auch diese Profitabilitätsrate ist für heutige Verhältnisse außerirdisch. Passen wir folglich die realwirtschaftlichen Daten der krisenhaften Situation an und unterstellen nur noch durchschnittlich 60.000 verkaufte Fahrzeuge der Marke Porsche. Ferner nehmen wir den De-facto-Gewinn von 332 Euro pro Fahrzeug der Neo-Mutter VW, so ergibt das einen Tilgungszeitraum von mehr als 700 Jahren bei insgesamt 42 Millionen verkauften Fahrzeugen - und Kotflügel an Kotflügel gereiht, eine Kfz-Schlange, die vier mal um den Äquator liefe.

Bei einem Zinsaufwand von nur 5 Prozent überschreitet die Kalkulation schnell die märchenhafte Dauer von 1000 Jahren Tilgung, um mit der Marke Porsche nach deren Verkauf an VW wieder in die Gewinnzone zu gelangen. 1000 Jahre! Ein Zeitmaßstab mit dem zu rechnen sich schon einmal in der rund 70-jährigen VW-Geschichte als ziemlich brüchig erwiesen hat, und der zeigt, dass die kursierenden Schulden- und Rettungssummen bei allem medialem Abnutzungseffekt immer noch das Attribut "jenseitig" verdienen - jedenfalls mit Blick auf die höchst irdischen Tilgungshorizonte eines einfachen VW-Fahrers. (Peter Seele, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.8.2009)

Zur Person

Peter Seele ist Assistenzprofessor für Religion, Wirtschaft und Politik an der Universität Basel und Gründungsvorstand des Schweizerischen Netzwerks für Wirtschaftsethik (www.eben-switzerland.ch)

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    Zweifellos eine wertvolle Marke - aber woher soll ein einfacher Erdenbürger den Glauben nehmen, dass er die Tilgung eines Schuldenbergs von 14 Mrd. Euro noch im Diesseits erlebt?

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