Wahr ist das Gegenteil

7. August 2009, 19:18
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Barack Obama hat wahrscheinlich STANDARD gelesen

 Präsident Barack Obama sieht "den Anfang vom Ende" der Rezession. Er hat wahrscheinlich den STANDARD  gelesen. Wir meldeten die Trendwende aber bereits am 24. Juni: "Die Zahl der österreichischen Millionäre ist durch die Wirtschaftskrise kräftig gesunken - und zwar von 10.200 auf 62.100."

Die Verwendung des Wortes "gesunken" darf hier nicht verwirren, dieses Verb kommt öfter in unpassendem Zusammenhang vor. Zuletzt war dieses Phänomen am 15. Juli in einem Bericht mit dem Titel "Krise unterbricht Boom der Zeitarbeit nur kurzfristig" zu lesen: "2008 haben Personaldienstleister für österreichische Unternehmen gut 68.000 Mitarbeiter auf Zeit bereitgestellt, heuer ist der Bedarf auf knapp 69.000 gesunken. 2010 werden nur mehr 46.000 Leihkräfte gebraucht."

Wenn der Abschwung derart beschrieben werden kann, will man dann noch wissen, wie der Aufschwung aussieht? Jedenfalls hat sich die Zahl der Euro-Millionäre in Österreich um 10.200 verringert, die Zahl der Leiharbeiter ist auf 48.814 zurückgegangen, für 2010 wird mit 46.370 Zeitarbeitern gerechnet.

Wer nun meint, da kann nur ein Wunder helfen - wird nicht enttäuscht. "Rund 1200 Stahlwerke stellten 2008 in China 540 Mio. Tonnen Rohstahl her und importierten dafür 444 Mio. Tonnen Erz", schrieben wir am 11. Juli. Mehr Stahl zu produzieren, als dafür Eisenerz einzusetzen, ist ein Arbeitsverfahren, das sich nur mit der Weinvermehrung bei der Hochzeit zu Kanaan vergleichen lässt.

Den umgekehrten Weg, aus viel weniger zu machen, beherrschen wir dagegen in Österreich ganz gut. Womit wir uns den Spekulationsverlusten der Bundesfinanzierungsagentur zuwenden: In einem Kommentar wurde die Rolle des Finanzministers analysiert. Der Hinweis, "SPÖ-Politiker wie Erich Haider" hätten es ihm leicht gemacht, weil dieser "gleich ein generelles Veranlagungsverbot für Bundesmittel forderte - womit nicht einmal auf einem Sparbuch etwas angelegt werden dürfte", war dabei nur bedingt stichhaltig. So weit wollte Haider nicht gehen, es war sein Parteifreund, der SPÖ-Budgetsprecher Jan Krainer, der indirekt den Sparstrumpf empfahl, als er eben für das besagte Veranlagungsverbot eintrat. Haider ist schon zufrieden, wenn nicht spekuliert wird, in eine Stiftung darf man das Geld schon stecken.

Ein Ausflug zu Reich und Schön: Anlässlich der Festspiele haben wir uns wieder in Salzburg umgesehen und zum Drüberstreuen eine Busfahrt mit dem Familie-Trapp-Erinnerungsbus unternommen. "Reiseleiterauftragsgemäß drücken wir die Nasen an den Busfenstern platt, um durch dichtes Buschwerk und schwere Eisengitter einen Blick auf das verwunschen schöne Schloss zu werfen, in dem 1918 der letzte Bayernkönig Ludwig II. abdankte." Man muss gute Augen haben, um von Salzburg zum Starnberger See sehen zu können, in diesem nämlich hat Ludwig II. sein Ende gefunden (1845 - 1886). Abgedankt ist im präsentierten Schloss Anif Ludwig III. (1854 - 1921).

In der vergangenen Woche würdigten wir auch einen verdienten Publizisten, Manfred Scheuch feierte seinen 80. Geburtstag. Er war jedoch nicht wie angegeben "bis 1999 Chefredakteur der Arbeiterzeitung". So lange gab es dieses Blatt nicht, es wurde 1991 eingestellt, Scheuch stand ihm bis 1989 vor. Sein historisches Wissen breitete erst danach im Standard aus.

Wenn man aus den Dingen aber erst eine Wissenschaft macht! "Katzen sind Rechtspföter" schrieben wir am 1. August. Im Text der Meldung wurde das so erklärt: Die Studienautoren "beobachteten 42 Katzen bei Aufgaben, für die ein gezielter Einsatz einer Pfote nötig war. 20 von 21 Katern zogen die rechte vor, bei den Katzen war es genau umgekehrt." Wahr ist auch in diesem Fall das Gegenteil: Die Katzen nutzen die rechte Pfote.

(Otto Ranftl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 08.08.2009)

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