Der tödliche Einbruch des Adrenalins wegen

7. August 2009, 19:11
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Der Bruder des in Krems erschossenen 14-Jährigen erhebt Vorwürfe gegen die Polizei - er sei selbst schon mit Waffen bedroht worden

Wien/Krems - Der Kremser Stadtteil Lerchenfeld ist nicht unbedingt das nobelste Wohngebiet. Zwischen Voest-Werk auf der einen und Gewerbebetrieben auf der anderen Seite liegen die niedrigen Wohnbauten aus der Nachkriegszeit. An der größten Kreuzung findet sich ein Supermarkt und gegenüber "S'Lerchal", ein Restaurant. "Dann daschießens di" sagt einer der Gäste in dieser Donnerstagnacht zu einem anderen - "ich bin ja nicht beim Merkur", antwortet der unter Gelächter.

Ein paar Meter weiter finden die Jugendlichen, die auf den beiden fix montierten Bänken um einen Holztisch sitzen, so etwas mäßig lustig. Ist doch Kevin, der ältere Bruder des erschossenen 14-Jährigen, einer von ihnen.

"Jetzt bin ich komplett leer, ich kann nicht mehr weinen, ich kann nicht mehr essen, ich trinke nicht einmal Alkohol", deutet der Teenager auf seinen Energy-Drink. Nur manchmal kommt Leben in ihn. Wenn es um die Polizei geht. Eine Flut von Schimpfwörtern quillt dann aus ihm heraus, und er erhebt schwere Vorwürfe.

"Da gibt es einen Kriminalbeamten, der rennt privat mit einem Ultras-Leiberl (die Ultras sind fanatische Fans des SK Rapid, Anm.) herum und sitzt entweder im Lerchal oder auf einer Tankstelle und säuft, bevor er sich von Kollegen abholen lässt", behauptet er.

Noch viel schwerwiegender die zweite Anschuldigung. "Die haben auf mich auch schon einmal mit Waffen gezielt." In einer nahen Spedition sei eingebrochen worden, er mit Freunden auf den Bänken gesessen. "Als ich dann ins Lerchal aufs Klo gehen wollte, haben sie mit dem Streifenwagen dann neben mir gebremst, sind herausgesprungen und haben gleich ihre Pistolen gezogen."

Seine Theorie: Seine Familie sei im Visier der Polizei gewesen. Denn Dummheiten hätten sowohl er als auch sein jüngerer Bruder begangen - kleine Diebstähle. Warum dann der Einbruch? "Das Adrenalin, glaub ich. Er hat eine Woche davor bei Freunden gesagt, dass er einen Bruch beim Merkur machen will. Die haben gesagt, er soll nicht deppert sein, es steht nicht dafür. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihm eine heruntergehauen. Er hat mir schon einmal versprochen, dass er keinen Blödsinn mehr macht", erzählt Kevin leise.

Kriminalist als Fußballfan

Teile der Vorwürfe Kevins stimmen offensichtlich. Am 27. März sei bei ihnen eingebrochen worden, heißt es bei der betroffenen Speditionsfirma. Und aus Wien ist zu hören, dass sich zumindest ein niederösterreichischer Kriminalbeamter im Umfeld der Ultras bewegt - ob der jedoch Dienst in Krems versieht ist nicht klar.

Beim Landespolizeikommando Niederösterreich hört man durch den Standard zum ersten Mal von den Vorwürfen. "Unter diesen Umständen sollte der Betreffende Beschwerde einbringen, und wir werden dem selbstverständlich nachgehen", sagt Roland Scherscher vom Landespolizeikommando Niederösterreich. "Dafür benötigen wir aber konkrete Informationen."

Zum Tod von Florian bestätigte Scherscher, dass gegen einen dritten Verdächtigen ermittelt werde. Der sei am Tatort mit einem Auto unterwegs gewesen. Ob er sich auch im Supermarkt, in den Florian und der 16-jährige Roland eingebrochen sind, befunden habe, ist unbekannt.

Auskunft könnten vielleicht der Polizist und die Polizistin geben, die die drei Schüsse abgegeben haben. Die stehen noch unter Schock und sollten erst am Freitagabend einvernommen werden. Dass dies so spät geschehe, sei aber rechtlich in Ordnung, betont Friedrich Kutschera von der Staatsanwaltschaft Krems. "Ein Beschuldigter kann selbstverständlich eine Aussage verweigern und erst zu einem späteren Zeitpunkt oder nie machen", sagt er. "Diese Möglichkeit hätte natürlich auch der verdächtige 16-Jährige gehabt." Vorwürfe von Teilen der Polizei, dass die Medienarbeit der Anklagebehörden zu defensiv sei und so die Polizei als Hort der Vertuschung erscheine, weist er zurück.

Auch zur Frage, ob es in dem Supermarkt dunkel gewesen sei oder durch die Nachtbeleuchtung hell genug", äußert er sich nicht. "Wir haben noch keinen Lokalaugenschein gemacht. Ein in den Fall involvierter Polizist beteuert, dass auf der Rückseite des Gebäudes tatsächlich kein Licht gebrannt hätte.

Auch Friedrich Köhl, Sprecher der mittlerweile zuständigen Staatsanwaltschaft Korneuburg, stößt sich daran, "dass die Einvernahme der betroffenen Polizisten sich "schon auffällig lange" hinauszögere. Zudem hätte die Polizei die Mutter des Getöteten über ihr Recht zur Akteneinsicht informieren müssen. Laut Strafrecht besitzen Angehörige von getöteten mutmaßlichen Tätern die gleichen Rechte wie ein Opfer. Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) bestritt allerdings, dass es für die Familie ein Recht auf Akteneinsicht gäbe. (Michael Möseneder, Kerstin Scheller, DER STANDARD Printausgabe, 8./9.8.2009)

 

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    Einer von drei Polizeischüssen in Krems durchschlug die Fassade des Supermarktes. Warum sie abgefeuert wurden, wissen die Ermittler immer noch nicht sicher.

     

  • Am Donnerstag, um 23.15 Uhr, war der Verkaufsraum des Kremser Merkur-Marktes gut beleuchtet. Geschossen sei aber im dunklen hinteren Trakt worden, beteuert die Polizei.
    foto: michael möseneder/der standard

    Am Donnerstag, um 23.15 Uhr, war der Verkaufsraum des Kremser Merkur-Marktes gut beleuchtet. Geschossen sei aber im dunklen hinteren Trakt worden, beteuert die Polizei.

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