Kriminelle Patrioten

7. August 2009, 18:58
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Kriminelle Patrioten


Erfreulich, dass sogar für den Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für neuere österreichische Geisteswissenschaften die Erhaltung der parlamentarischen Demokratie bei weitem vorzuziehen gewesen wäre. Treffend auch die Feststellung von Norbert Leser, der Kampf von Dollfuß gegen die Sozialdemokratie sei ein Denkfehler gewesen, entspricht doch der Artilleriebeschuss von Arbeiterwohnhäusern nicht in jeder Hinsicht zivilisatorischen Standards.

Nur gut, dass der Nachfolger von Dollfuß, Kurt Schuschnigg, diesen Denkfehler im März 1938 konsequent korrigierte: Ließ der österreichische Patriot Dollfuß im Februar 1934 aufgrund eines Denkfehlers noch Gemeindebauten beschießen und Mitbürger hinrichten, verzichtete der ebenso patriotische Schuschnigg wegen eines Kurzschlusses im März 1938 darauf, auch nur einen Schuss auf die einmarschierenden deutschen Nazi-Truppen abzugeben.

Last not least zur historischen Wertung: Bedauerlicherweise haben Denkfehler und Kurzschlüsse (Schuschnigg höchstpersönlich sprach später in diesem Zusammenhang einmal von einem Fauxpas) dieser österreichischen Patrioten vielen vaterlandslosen Gesellen (Münichreiter, Weissel, Ahrer, Wallisch, Bulgari uvam.) das Leben entscheidend abgekürzt - und das ist sub specie vitae kriminell.
Thomas Hausleitner
4020 Linz


Armer Hitler?
Weiter denkend den Schlussabsatz des Beitrags von Norbert Leser ("Armer Sünder Dollfuß", 20. 2.), nach welchem aus Historikersicht Dollfuß die Absolution erteilt werden sollte aufgrund seines "Martyriums": Was muss der arme Herr Hitler gelitten haben, dass er Selbstmord beging? Sollte da nicht auch ein kleiner Ablass drin sein?

Und: Seit wann ist die Bewertung von Geschichte den Kriterien des Beichtstuhls unterworfen?
Lisa Spalt, Autorin,
via Internet


Geläuterter Dichter
Robert Menasse, der im Februar 2000 einmal ganz kurz nach rechts abbiegen wollte, ist mit seiner brechtigen 12.-Februar-Kantate wieder in der Koloman-Wallisch-Straße angelangt. Dass die Dollfuß-Straße in die Hitler-Allee führte, dürfte Herr Botz wohl bestreiten, aber dafür wird er uns bald über den Schüsselweg zum Berlusconi-Platz ("das mit 'Berlusconi-Faschismus' kläre ich, Anm.: Botz, demnächst direkt") leuchten.

PS: Dass sich der jahrzehntelange Hohe-Priester der "geteilten Schuld", Professor Leser, vor Professor Botz stellt, war zu befürchten. Besonders drollig ist Lesers Versuch, die christlichen "halbfaschistischen" Antisemiten als Philosemiten zu zeichnen ...
Peter Weidner
4020 Linz


Feine Klinge
Zu Menasses "Replik" auf Gehard Botz: So ist's recht! Wenn keine ernsthaften Gegenargumente mehr parat sind, den anderen einfach mit Dreck zuschütten! Auch dann, wenn die Anschuldigungen völlig am Thema vorbeigehen, wie Botz' Einstellung zur Unireform.

Und wenn er dann auch noch eine so gute Angriffsfläche bietet, weil er die jetzige Regierung nicht klipp und klar verteufelt, ist er ja wirklich selber schuld. Da ist es dann nur noch logisch, die blödsinnige Replik mit dem Oberschwachsinn zu beenden, sich zu fragen, in welches Lager denn nun Andersdenkende gehörten.
Michael Wolf
1180 Wien

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.2.2004)

 

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