China blufft sich mit Zahlenspielen durch die Krise

7. August 2009, 18:52
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Die Strategie Pekings stößt selbst in den eigenen Reihen auf Kritik

Der Beamte Wang Jiaowei, der im Auftrag Pekings Wirtschaftsdaten in der Provinz Shandong erfasst, nahm am Gedichtwettbewerb des Staatlich Statistischen Amtes teil. Alle Mitarbeiter sollen dort Lobgesänge auf Chinas Gründungsgeburtstag und auf 60 Jahre Statistik verfassen. Auf der Webseite des Amtes lobte Wang China für sein Wirtschaftswachstum (GDP) und seine Einzelhandelspreise (CPI). Er reimte: "Wenn Wind und Wellen stürmen, blicke ich auf GDP und CPI. Meine Zuversicht verhundertfacht sich."

Seit dem Ende der Olympischen Spiele darf Wang sich doppelt freuen. Das Wachstum Pekings sackte nicht stark ab, wie das etwa bei früheren Olympiastädten der Fall war. Und das, obwohl sich die Stadt ob der Spiele eine 30 Mrd. Euro teure Stadtmodernisierung mit neuen U-Bahnen, Flughafen und Umwelttechnik gönnte.

Land hält Kurs trotz Krise

Noch stärker freute Wang, dass China auch im Sturm der Finanzkrise seinen Kurs hält. Peking gab kürzlich bekannt, das Wirtschaftswachstum im Halbjahr um 7,1 Prozent erhöht zu haben, während die Verbraucherpreise fielen und die Arbeitslosigkeit seit sieben Jahren unter 4,5 Prozent bleibt.

Der Haken: Statistiker dichten nicht nur über das GDP, sie helfen dem Anstieg noch nach. Denn die Statistik ist in China eine politische Wissenschaft. Lokale GDP-Angaben fallen stets höher aus als die nationalen. Heuer ist das besonders prekär: Für das erste Halbjahr meldeten alle 31 Provinzen Rekordzahlen ihres regionalen Wachstums. Schanghais Börsenzeitung staunte, dass nur sieben Provinzen auf den nationalen Durchschnittswert von 7,1 Prozent oder knapp darunter kamen.

Amtliche Zahlenspiele

In absoluten Zahlen kam Chinas Wirtschaftsleistung im Halbjahr auf rund 14 Bio. Yuan (1,4 Bio. Euro). Die 31 Provinzen addierten sich aber zu 15,38 Bio. Yuan. Solche Unterschiede wecken Zweifel an der Zuverlässigkeit der Zahlen. Offenbar blufft sich China mit Finanzdoping durch die Krise.

Kritik an diesem Wirtschaftswunder kommt auch aus Pekings eigenen Reihen. "Wir können mit Zahlenakrobatik keine Krise auf Dauer bekämpfen", warnte Wang Yang, Mitglied des Politbüros und Provinzparteichef von Guangdong im Parteiorgan Volkszeitung. Ihn sorgt, dass Milliarden-Konjunkturprogramme in Projekten versickern, die das Wachstum künstlich aufblasen und umweltschädlich sind. Ein Topfunktionär fasst zusammen: "In einigen Regionen steckt hinter dem GDP nur die Vergeudung von Ressourcen." (erl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.8.2009)

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