Das Offensichtliche benennen

7. August 2009, 18:46
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Erwidernde Anmerkungen zum Bemühen, den Ständestaatskanzler zu "verstehen" - von Florian Wenninger

Der 75. Todestag von Engelbert Dollfuß treibt seltsame Blüten. Der Historiker Kurt Bauer wollte an dieser Stelle "Dollfuß verstehen". Erst Wirtschaftskrise, Koalitionspartner und die "Dummheit" der Sozialdemokratie hätten den Christlichsozialen in eine Lage gebracht, "in der nur noch ein Einbetonieren in starren ideologischen Positionen möglich war". Da bemüht sich jemand um Originalität: Die These von der Diktatur als Erfordernis der Umstände blieb bisher den erklärten Apologeten des Austrofaschismus vorbehalten. Ähnliches gilt für die Denunziation der Opfer als Mitschuldige an ihrer eigenen Unterjochung.

Mag man über Bauers Motive rätseln, kommen die Lobgesänge andernorts zweifellos von Herzen. Der Bauernbund begeht das Ableben des Alpincaudillo traditionell mit einer Messe in der Dollfuß-Kirche auf der Hohen Wand. Die Ehre der Festansprache kam heuer dem Wirtschaftshistoriker Roman Sandgruber zu, der dem geneigten Auditorium eröffnete, nun sei es Zeit "die Gräben zuzuschütten und allen Seiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen." Zwar sei "Diktatur keine Lösung", aber, bitte, "es sollte auf der anderen Seite langsam auch außer Streit gestellt werden, dass dieser Weg damals nicht leichtfertig begangen wurde." Das musste einmal gesagt werden. So ein Staatsstreich drückt ganz schön aufs Gewissen! Einzig die Kugel der Putschisten, so Sandgruber weiter, hätte Dollfuß' demokratische Erweckung verhindert: "Es ist die Tragik der Geschichte, dass Dollfuß selbst [...] nicht mehr die Chance hatte, sich nach 1945 als geläuterter Demokrat zu präsentieren und als solcher in die Geschichtsbücher einzugehen." Mögen Kleingeister die Menschen an ihren Taten messen, einen farbentragenden Historiker von rechtem Schrot und Korn ficht derlei nicht an. Er bezieht seine Informationen offenkundig von ganz oben. Wie ungleich charmanter ist dieser Unsinn aber immer noch, verglichen mit der schlicht faktenwidrigen Interpretation eines Gottfried-Karl Kindermann, der in der Presse vom Donnerstag einmal mehr von der "Selbstausschaltung des Parlaments" 1933 schwadronierte.

Auf wissenschaftlicher Ebene sind die Entwicklungen der Ersten Republik seit den 1970ern weitgehend unstrittig. Könnten uns da öffentliche Profilierungsversuche und bizarre VP-Traditionspflege nicht egal sein? Nein, können sie nicht. Wo man Geschichte verhandelt werden immer auch Aussagen über die Gegenwart getroffen. Wenn Diktatoren als Vaterlandsverteidiger glorifiziert werden, verniedlicht man Gewaltherrschaft per se als lässliche Sünde. Tyrannen taugen nur dann als vorbildliche Patrioten, wenn der Staat zur Götze wird, zum Selbstzweck. Eine solche Heimatliebe kennt als Bezugspunkt nicht Freiheit und Wohlstand aller, sondern muss abstrakt, unbestimmt bleiben: Die schönen Berge.

HistorikerInnen zementieren diese geistigen Verhältnisse ein, wenn sie wie Bauer die Behauptung aufstellen, in bestimmten Situationen ließen die Rahmenbedingungen keine Wahl. Freilich stecken etwa ökonomische Bedingungen bis zu einem gewissen Grad Handlungsspielräume ab. Aber sie determinieren nichts im Sinne einer Wenn-dann-Logik. Der Verweis auf alles entscheidende höhere Umstände war seit je her die bevorzugte Legitimationsstrategie antidemokratischen Handelns. Wenn wir als StaatsbürgerInnen dann und wann unsere eigene Unterdrückung für unausweichlich halten, nehmen wir geistig Abschied von der Aufklärung. Demgegenüber wäre die Würdigung jener, die für Demokratie und Rechtsstaat auf die Barrikaden gegangen sind, kein leeres Ritual. Es wäre ein demokratiepolitischer Meilenstein: Wenn die gewählte Repräsentanz zur Despotie mutiert, wird Widerstand zum Bürgerrecht. Wo aber ist das offizielle Denkmal der Republik für die Männer und Frauen, die im Februar 1934 den verzweifelten Kampf um ihre Rechte aufgenommen haben? Wo ist auch nur ein staatsoffizieller Akt, der ohne Umschweife das Offensichtliche benennt: dass die Opfer der Standgerichte nicht zu Recht justifizierte Verbrecher, sondern ermordete Verteidiger der geltenden Verfassung waren? Und wie ist die Welle der Empathie für den Antidemokraten Dollfuß mit all dem in Einklang zu bringen? Wie mit demokratischem Bewusstsein überhaupt? (Florian Wenninger/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9. 8. 2009)

Der Autor, Jg. 1978, ist Assistent am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

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    Historiker Wenninger: "Faktenwidrige Interpretation".

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