"Alles eine Frage der Wahrnehmung"

7. August 2009, 18:41
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Warum China von der "Werkbank der Welt" zur Bedrohung für die Welt werden könnte, erklärt China-Experte Eberhart Sandschneider

STANDARD: China gilt als "Werkbank der Welt". Kann China die Welt aus der Krise ziehen?

Sandschneider: Als die Krise virulent geworden ist, hieß es, China sei der Anker. Dann hat es Chinas Realwirtschaft in einer viel größeren Geschwindigkeit getroffen, weil ihnen die Exporte weggebrochen sind und die Binnennachfrage fehlt. Jetzt meldet China wieder positive Signale, und es heißt, China schafft als erstes Land den Weg aus der Krise. Bei den Zahlen muss man aber aufpassen. Da wird viel schöngeredet. Die Chinesen brauchen aber ein hohes Wachstum, um ihre Probleme am Arbeitsmarkt und im sozialen Bereich zu bewältigen. Keiner kann sagen, ob die Millionen arbeitsloser Wanderarbeiter ruhiggehalten werden können. Das ist eine kritische Masse.

STANDARD: Wie kann man das Land einschätzen, wenn man den Zahlen nicht glauben kann?

Sandschneider: Bis auf Olympia war 2008 für China eine Katastrophe. Erdbeben, Grubenunglücke, Tibet, Milchpulverskandal. Die sozialen Zwischenfälle steigen sprunghaft an. In den letzten 30 Jahren hat die chinesische Regierung unter Stabilitätspunkten fast alles richtig gemacht. Aber es gibt keine Garantie, dass sie nicht morgen einen Fehler macht. China hat erhebliches Kapital, aber auch gewaltige Schwierigkeiten in der Wirtschaft.

STANDARD: Es heißt, die Auftragsbücher füllen sich wieder, und chinesische Delegationen sehen sich in Europa nach Zukäufen um. Auf solche Meldungen reagiert die Börsenwelt.

Sandschneider: Wer sich daran beteiligt, hat nicht verstanden, wie China tickt. Alle Zahlen, die China meldet, sind politisch getürkt. Delegationen paraphieren Absichtserklärungen. Nun warten wir einmal ab, was davon etwas wird. Realisiert wird das wenigste. Und Shoppingrunden machen noch keine Wirtschaftspolitik.

STANDARD: China hat sich als Retter für so manche US-Bank erwiesen und kauft fleißig US-Staatsanleihen. Was ist der Plan dahinter?

Sandschneider: Das alles überlagernde Interesse in China ist Stabilität. Die Chinesen haben begriffen, dass sie nur mit maximaler Stabilität den Weg, den sie seit 30 Jahren gehen, sinnvoll so lange weitergehen können, bis sie selbst in der Lage sind zu definieren, wie ihre Auffassung von Stabilität aussehen soll. In der Geschichte war es bisher immer so, dass Staaten, die über wirtschaftliche und finanzielle Kapazitäten verfügen, in der Lage sind, diese auch in politische Macht umzusetzen. Wer glaubt, der Westen sei noch in der Lage, internationale Institutionen zu bestimmen, muss optimistisch sein. In der Vollversammlung der Vereinten Nationen hat der Westen längst die Mehrheit verloren.

STANDARD: In Afrika kauft sich China groß ein ...

Sandschneider: ... wenn Sie sich anschauen, mit welcher Akzeptanz China sein Modell in Afrika zum Erfolg führt, dann lernen Sie, was die Stunde geschlagen hat. Was mich irritiert, ist, dass vor allem unsere gewählten Politiker nicht die globale Perspektive haben, um diese Art der Veränderung zu verstehen.

STANDARD: Wie sieht diese Veränderung konkret aus?

Sandschneider: Europa will Afrika bei Verträgen immer auch Good Governance oder Auflagen für Menschenrechte umhängen. Die Chinesen kümmern sich politisch um nichts. Sie sichern sich den Rohstoffzugang - und das tun sie komplett anders als wir. Wir machen das über Preise und Verträge. Die Chinesen kontrollieren den Produzenten. Spannende Frage, wer am Ende der Erfolgreichere ist.

STANDARD: Wer hat im Wettlauf um die Supermacht die besseren Karten? China oder die USA?

Sandschneider: Ich weiß es nicht. Ich bin nicht bereit, die USA abzuschreiben, die haben sich in Krisen immer zusammengerissen. China stellt sich strategisch so auf, um diese Position zu erreichen, und steigert konsequent die Militärausgaben. China hat bereits eines der größten Landesheere der Welt.

STANDARD: Also wird China von der Werkbank zur großen Bedrohung?

Sandschneider: Alles eine Frage der Wahrnehmung. Amerika sieht in China die zweitgrößte Bedrohung für die US-Sicherheit. Im chinesischen Verteidigungsweißbuch stehen zwei zentrale Aufgaben: Bekämpfung von Containment - das richtet sich direkt gegen die USA - und der Kampf um Ressourcen. Mehr braucht man nicht, um zu sehen, wie China denkt, wenn es um Konfliktpotenziale geht. Es gibt auch eine Zeit nach der Krise, und dann werden wir uns wundern. Die Frage heißt nicht nur, wie wir die Krise bewältigen, sondern wie nutzen wir die Situation, um uns für die Zeit danach aufzustellen. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.8.2009)

Zur Person

Eberhart Sandschneider leitet das Forschungs-institut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

  • Eberhart Sandschneider: "Ich bin nicht bereit, die USA abzuschreiben, die haben sich in Krisen immer zusammengerissen."
    foto: dgap/knoll

    Eberhart Sandschneider: "Ich bin nicht bereit, die USA abzuschreiben, die haben sich in Krisen immer zusammengerissen."

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