Die Mafia, Betty, Paris und Pizzini

8. August 2009, 12:00
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"Ich glaube an die Demokratie, nicht an Italien": Ottavio Cappellani über Sizilien und sein Mafia-Buch "Habe die Ehre" - Begleitlektüre: Andrea Camilleris "M wie Mafia"

"Die Mafia spürt nichts von der Krise" . Das sagt einer, der es wissen muss: Ottavio Cappellani, Spross einer sizilianischen Adelsfamilie und literarisch im Mafia-Genre unterwegs.

Auch im Film, als fixer Bestandteil von Krimis, als Computerspiel, aber ebenso als verklärter Mythos, - die "ehrenwerte Gesellschaft" liefert Stoff für viele Projektionen. Spätestens seit Roberto Saviano mit seiner Dokumentation Gomorrha über die Geschäfte und die Kriege der Mafia in Neapel erhebliches Aufsehen erregte, war das Thema im Fokus der Öffentlichkeit. Hinzu kam die Müllkrise mit ihren undurchsichtigen Agitatoren und politischen Verflechtungen, die allen sichtbar vor Augen führte, was in den Vorstädten Neapels längst üblich war, nämlich die Übernahme des staatlichen Gewaltmonopols durch eine Verbrecherorganisation.

Dem Phänomen Mafia versuchen Schriftsteller auf verschiedene Weise beizukommen. Eine davon ist die Komödie. Der Vorteil: Man kann im Gewand der Satire manchmal mehr wagen. Ein witziges Beispiel dafür ist Ich vertraue dir von Massimo Carlotto und Francesco Abate, ein Krimi, in dem viel von Geldwäsche die Rede ist. Hier geht es jedoch nicht um Waffen- oder Menschenschmuggel, auch nicht um Drogen, sondern um die lukrative Fälschung von typisch italienischen Lebensmitteln, welche in aller Welt als Gipfel der Gourmetkultur gepriesen werden. Ein Krimi, der hedonistischen Italien-Urlaubern den Appetit verderben kann.

Eine ganz andere Art der Geldwäsche beschreibt der aus Catania stammende Autor Ottavio Cappellani. Seine Mafia-Komödie Habe die Ehre ist ein Sittenbild des Kulturbetriebes und handelt davon, wie die Mafia Schwarzgeld sauberwäscht, indem sie es in vorhersehbar defizitäre Kulturprojekte steckt. Siziliens stimmungsvolle antike Theater werden im Sommer für publikumsträchtige Aufführungen benutzt: Shakespeares Romeo und Julia soll inszeniert werden. Wer Regie führt, wer die Hauptrollen bekommt - in diesem Fall ein alternder, schwuler Schauspieler - und wer von den korrupten Journalisten die Lobeshymne schreiben darf, wird nicht dem Zufall überlassen.

Dass Darsteller oder Kulturreferenten ermordet werden sollen, ist die Folge eines bizarren Streites zwischen zwei Mafiaclans. Cappellani bereichert den Roman mit einer Menge verrückter Figuren und einer derb-anzüglichen Interpretation von Shakespeare: "Romeo und Julia ist ein Stück fürs niedere Volk gewesen, es ist keine Tragödie, sondern eine Tragikomödie." Neureiche Paten produzieren sich peinlich bis aberwitzig, an ihrer Spitze eine schrille, infantile Mafia-Prinzessin namens Betty. Hat Cappellani bereits beim Schreiben an Paris Hilton gedacht? Bei der geplanten Verfilmung würde er die Rolle gern an sie vergeben.

Neuestes Geschäftsfeld der Mafia ist die Kultur: "Ihre Finanzierung funktioniert bei uns so" , erläutert Cappellani, "das Geld geht an die, die das Projekt konzipieren, nicht an die ausführenden Künstler. Es werden willkürliche Summen für reine Wortakrobatik gezahlt. Shakespeare brauchte nur ein Blatt Papier, heute braucht man eine Marketingmaschinerie. Kultur gilt als schick.

Die Mafia-Bosse wollen heutzutage ein anderes Leben für ihre Söhne. Kultur ist ein ehrbares Geschäftsfeld. Man muss daran erinnern, dass auch Leute wie die Kennedys durch die Prohibition zu Geld gekommen und dann durch ihren Reichtum ehrbar geworden sind.

Gordischer Knoten

Schließlich sind auch die großen Hollywood Filme mit Mafiageld gedreht worden. Anrüchiges wird mit der Zeit akzeptabel. Ich erinnere nur an den Film Deep Throat, der Porno salonfähig machte. Die großen Mafia-Filmepen wurden mit der Finanzierung durch Italoamerikaner realisiert. Das war willkommen, denn sie lenkten von der Misere des Vietnamkrieges ab. Politik und Mafia lassen sich nicht trennen, das ist ein Gordischer Knoten, genauso wie Gut und Böse."

Was kommt nach der Demokratie?, sinniert Cappellani. "Ich glaube an die Demokratie, aber nicht in Italien" . Eine leicht melancholische Stimmung macht sich breit in dem Café an einem der prachtvollen Plätze Catanias, die umrahmt sind von barocken Palästen, wo sich breite Straßen mit freiem Blick bis zum Ätna kreuzen. Straßen, die sicherer geworden sind, seit sie zu Fußgängerzonen erklärt wurden und wo die früher motorisierten Taschendiebe nun weniger Chancen haben.

Ein wenig spürt man immer noch die verschattete Trägheit Siziliens, wie sie im Gattopardo von Lampedusa so unnachahmlich geschildert wird. Selbst in den witzigen, boshaften Salonunterhaltungen von Cappellanis Mafia-Komödie ist sie noch vorhanden. Daran wird auch das Milliardenprojekt der Brücke von Messina nichts ändern. Bei der Verbindung zum Festland wird es für die ehrenwerte Gesellschaft wieder viel zu verdienen geben. "Die Idee ist schön," meint Cappellani, aber wir haben hier nicht mal gute Straßen. Wenn du in Sizilien angekommen bist, was machst du dann?"

M wie Mafia

Ein anderer sizilianischer Autor, Andrea Camilleri, nähert sich dem Mafia-Thema in einer Art Lexikon.

Sein neues Buch M wie Mafia ist ein interpretatorisches Unterfangen und liefert zugleich detaillierte historische Fakten. Camilleri befasst sich mit den Pizzini, den Zettelchen, mit deren Hilfe sich der 43 Jahre lang untergetauchte Cosa-Nostra-Boss Bernardo Provenzano mit seiner Familie und den Untergebenen verständigte.

Diese Zettelchen wurden in seinem letzten Unterschlupf, einem Schuppen, der mit Heiligenbildchen dekoriert war, gefunden und Camilleri hat sie von der Staatsanwaltschaft in Palermo zur Verfügung gestellt bekommen. Die Pizzini sind voller Rechtschreibfehler und frommer Sprüche. Sie wurden auf einer Schreibmaschine geschrieben, was die Gefahr einer Entdeckung - im Gegensatz zu Internet oder Handy - minimierte. Viele Anspielungen können nicht enträtselt werden, und man weiß immer noch nicht, welche prominente Unterstützer Provenzano geholfen haben, sich so lange zu verstecken. Nicht einmal dem behandelnden Arzt ist man auf die Spur gekommen.

Von Heiratsvermittlung über die Vergabe von Bauaufträgen bis zu handfesten Anweisungen bezüglich der Machtstrukturen hat Provenzano alles säuberlich geordnet, wobei die Bibelzitate nicht, wie Camilleri anmerkt, im Widerspruch zu den Taten der Cosa Nostra stehen. Denn die Sizilianer mögen zwar sehr katholisch erscheinen, sind aber in Wirklichkeit auf Rituale und Aberglauben versessen. Man hat den Eindruck, dass es sich um eine sehr fremde Ethnie handelt: In dieser Welt voll rätselhafter Codes braucht man wahrhaftig einen kundigen, bisweilen sarkastischen Führer wie Camilleri. (Ingeborg Sperl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.8.2009)

 

 

  • "Die Mafia-Bosse wollen ein anderes Leben für ihre Söhne": Ottavio Cappellani.
 
 
    foto: ingeborg sperl


    "Die Mafia-Bosse wollen ein anderes Leben für ihre Söhne": Ottavio Cappellani.

     

     

  • Ottavio Cappellani, "Habe die Ehre" . Deutsch: Annette Kopetzki. € 20,50/398 Seiten. Rowohlt, Reinbek 2009.
 
    grfik: rowohlt


    Ottavio Cappellani, "Habe die Ehre" . Deutsch: Annette Kopetzki. € 20,50/398 Seiten. Rowohlt, Reinbek 2009.

     

  • Andrea Camilleri, "M wie Mafia" . Deutsch: Moshe Kahn. € 17,40/224 Seiten. Kindler, München 2009.
 
    grafik: kindler


    Andrea Camilleri, "M wie Mafia" . Deutsch: Moshe Kahn. € 17,40/224 Seiten. Kindler, München 2009.

     

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