Alles ist versaut: "Gott schütze Amerika"

7. August 2009, 18:18
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Der britische Autor Warren Ellis dreht die Trash-Schraube ins Absurde und schickt den sonderbaren Detektiv McGill auf die Bahn

Wenn das Private Eye literarisch nicht gerade als Katze, Miss Marple oder als Feng-Shui-Priester über uns kommt, ist ein unverrückbares Charakteristikum jedes Detektivromans wohl eines: Der Held muss ungeduscht und hoffnungslos ausgebrannt sein. Er liegt finanziell wie spirituell am Boden. Er muss den Kakao, durch den er gezogen wird, auch noch trinken. Und wenn wir schon beim Trinken sind: Er muss selbstverständlich toxischen Missbrauch treiben.

Beim ersten Roman des vor allem durch seine Graphic Novels ("Transmetropolitan", "The Authority"), Drehbücher und Videospiele bekannten britischen Autors Warren Ellis wird diese Schraube in die zünftigen Bereiche der Trashliteratur gedreht und ins Absurde gesteigert. In "Gott schütze Amerika" führt uns Ellis an der Hand von Privatdetektiv Michael McGill in Bereiche, in denen selbst der Philip Marlowe eines Raymond Chandler vor Scham erröten würde.

Geheime Verfassung

Anhand intensiver Internetlektüre in jenen dunklen Bereichen, in denen Pornografie zur Freakshow mutiert, ist eine Handlung angesiedelt, die mit den Worten derb, vulgär und abstoßend hinreichend beschrieben ist.

McGill, eigentlich darauf spezialisiert, das Unglück anzuziehen wie ein Toter die Fürbitten, zieht scheinbar das große Los. Er erhält vom bibelfesten wie heroinsüchtigen Stabschef des Weißen Hauses den geheimen Auftrag, die vor Jahren verlorengegangene zweite, die "Geheime Verfassung des Landes" wieder zu beschaffen.

Das passiert nicht etwa deshalb, weil Michael McGill in seinem Beruf so gut wäre. Das Gegenteil ist die Bedingung. Mittels der in der Verfassung enthaltenen, bis dato unbekannten Zusatzparagrafen soll also der zunehmende sittliche und moralische Verfall der Vereinigten Staaten gestoppt werden.

Dumm nur, dass die Spuren dieses Dokuments zu Leuten führen, die man nicht einmal im Unterschichtfernsehen kennenlernen wollte. Im Verein mit einer polymorph-perversen Doktorandin, die über extreme Formen menschlicher Selbsterfahrungen dissertiert, geht es zu Kinovorführungen in Hinterhöfen. Dort stimuliert sich das Publikum mit Godzilla- und Saurierfilmen sexuell.

Man gerät an Bodybuilder-Sexsekten, die sich Salzlösung in die Hoden spritzen. Man bekommt es mit Milliardären zu tun, die es nachts nackt auf die Wiese treibt, wo sie Kühe erwürgen. Und überhaupt kommt alles genau so schlimm, wie man solche Erfahrungen über Google und etwas exzentrische Suchbegriffe auf jeden Fall missen möchte.

Warren Ellis wird für diesen dreckigen kleinen Roman zwar keine Preise nach Hause tragen. Dafür ist das Buch mit großem Gusto und schneller Hand einfach auch absichtlich viel zu schnell und dem Trashgedanken verpflichtet in die Tasten gedroschen worden. Dazu kommt noch die mitunter etwas gar flapsige deutsche Übersetzung von Conny Lösch.

Wenn man "Gott schütze Amerika" allerdings als schwarzhumorige Nachtfahrt in den amerikanischen Albtraum liest, die schließlich nur jene überstehen, in deren Herzen ein moralischer Imperativ haust, ergibt sich daraus eines: Danach geht es uns allen besser, und wir haben viel aus der Lektüre gelernt. Alles ist versaut. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.8.2009)

 

  • Warren Ellis, "Gott schütze Amerika" . Aus dem Englischen von Conny Lösch. € 8,30/304 Seiten. Heyne, München 2009
    grafik: heyne

    Warren Ellis, "Gott schütze Amerika" . Aus dem Englischen von Conny Lösch. € 8,30/304 Seiten. Heyne, München 2009

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