Sinnfragen als Überlebenschancen

8. August 2009, 12:00
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Das Menschenbild, die Wert- und Sinnorientierung seien für Unternehmen der Weg in die Zukunft - Zahlen nur dessen Ergebnis, sagt MCI-Professorin Annemarie Pircher-Friedrich

STANDARD: Das Erkennen eines Sinns ist für Sie neben dem Vertrauen die Basis guter Unternehmensführung. Ihre Begründung?

Pircher-Friedrich: Erstens sind wir Menschen unserem Wesen nach sinn- und werteorientiert. Deshalb erkranken Menschen, Unternehmen und die Gesellschaft, wenn Sinn und Werte fehlen. Die sogenannte Wirtschaftskrise - eigentlich schon eine Systemkrise - ist in ihrem Kern eine Krise der Sinnleere und weitverbreiteter sinnwidriger Haltungen in Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft. Zweitens belegen zahlreiche empirische Studien, dass Sinn salutogenen und motivationalen Charakter hat.

Auch aktuelle neurobiologische Untersuchungen zeigen, dass uns das Gehirn durch das Ausschütten von Wohlfühlhormonen belohnt, wenn wir Sinnvolles tun. Und drittens demonstrieren erfolgreiche Unternehmen und Führungskräfte: Belegschaften, die den Auftrag, das Wozu, die Nutzenstiftung des Unternehmens kennen, entwickeln von sich aus ein höheres Maß an Engagement. In der Tatsache, dass in der täglichen Praxis viele Mitarbeiter gar nicht wissen, wozu ihre Arbeit eigentlich wirklich gut ist, liegt ein wesentlicher Grund für die Motivationskrise.

STANDARD: Also steht und fällt die Überlebenschance eines Unternehmens mit dem Umgang mit dieser Sinnfrage?

Pircher-Friedrich: Daran besteht für mich kein Zweifel. Welche Bedürfnisse haben unsere Kunden? Und wie können wir für diese Bedürfnisse Lösungen und/oder Produkte bieten? Je höher der Kundennutzen, desto sicherer sind die Absatzchancen eines Unternehmens. Deshalb sollte unternehmensweit ein sinnorientiertes Denken vom Kunden her verbreitet sein und gemeinsam mit allen Mitarbeitern permanent darüber nachgedacht werden, was a) generell und wie b) speziell der Kundennutzen permanent verbessert werden kann.

STANDARD: Wie ist das zu erreichen?

Pircher-Friedrich: Die Erfahrung lehrt, das ist ein Dreischritt: 1.) Werte klären, die im Unternehmen nach innen und außen gelebt werden können und sollen. Diese Werte gilt es zu verdeutlichen und zur Orientierungsmarke allen Tuns und Lassens zu machen. 2.) Sinnfindungsprozesse fördern, indem für Ziele und Aufgaben immer wieder das Wofür und das Für-wen geklärt wird, damit die Sinnhaftigkeit des Tuns im eiligen Getriebe des Tages erkennbar wird und bleibt. 3.) Als Führende mit dem eigenen Verhalten diese Orientierungsmarken leben.

STANDARD: Die derzeitige wenig sinn-volle Art und Weise, Unternehmen zu führen, scheint insbesondere größere Einheiten tendenziell instabil und krisenanfällig zu machen.

Pircher-Friedrich: Große, meist auch börsennotierte Unternehmen sind dem Druck kurzfristiger Erfolge ausgeliefert. Aus diesem Druck heraus wird häufig das genaue Gegenteil von dem getan, was für langfristige, stabile Erfolge notwendig wäre. Was auch eine Rolle spielt: Größere Einheiten sind in der Regel nicht so flexibel in der Anpassung. Außerdem: Die zunehmend komplexen Rahmenbedingungen sind sinnvoll weder von heute auf morgen noch mit Wenn-dann-Ansätzen zu lösen. Und schon gar nicht mit dem egozentrischen innerbetrieblichen Konkurrenzverhalten, das vielfach das Geschehen in größeren Betrieben zu deren Nachteil prägt.

STANDARD: Das heißt?

Pircher-Friedrich: Das heißt, die mechanistischen Führungsphilosophien- und konzepte mit ihren verkürzten Menschenbildern, die beispielsweise den emotionalen Bereich nahezu komplett ignorieren, entlarven sich vor dem aktuellen Hintergrund nicht nur als überholt, sondern auch als gefährlich kontraproduktiv. Eine ausschließliche und dazu auch noch kurzfristige Orientierung am Shareholder-Value, der ökonomischen Zielsetzung also, schadet Unternehmen, Menschen und Gesellschaft. Die existenziell entscheidenden schöpferischen, innovativen Potenziale der Belegschaft kommen zu kurz, und dazu zähle ich auch Widerspruch und experimentelles Verhalten. Die Unternehmen schneiden sich mit dieser Orientierung ins eigene Fleisch. Das positive an dieser Krise ist, dass sie all das jedem, der es sehen will, nachdrücklich vor Augen führt.

STANDARD: Unterstellt, Sie stünden an der Spitze eines im Markt schlingernden Unternehmens. Was würden Sie als erstes tun?

Pircher-Friedrich: Zuerst würde ich mich um die nachhaltige Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens kümmern und deshalb über das im Unternehmen und vor allem in der Führungsspitze verankerte Menschenbild reflektieren. Ich würde den Veränderungsprozess von oben nach unten auf die Basis eines würdigen Menschenbildes stellen.

STANDARD: Und dann folgend?

Pircher-Friedrich: Auf dieser Basis würde ich versuchen, alle Unternehmensmitglieder für die Sinnvision und Mission des Unternehmens zu begeistern und ihnen dieses Wozu klarzumachen und sie dann dafür in die Verantwortung zu nehmen. Dann die strategischen Entscheidungen strikt auf die Kundenversprechen und den Kundennutzen hin ausrichten.

Und alle Führenden und Mitarbeiter durch herausfordernde Ziele und klare Werte anfeuern. Auf dieser Basis würde ich Mut für eine hoffnungsvolle Zukunft schaffen und den Selbstgestaltungs- und Selbstentwicklungsauftrag aller Unternehmensmitglieder fördern. Dann würde ich Sinn, Werte und Strategie im Steuerungssystem des Unternehmens verankern.

STANDARD: Was würden Sie nicht tun?

Pircher-Friedrich: Weiter dem Zahlenfetischismus zum Opfer fallen. Denn die Zahlen, so wichtig sie sind, sind immer nur das Ergebnis menschlichen Denkens und Handelns.

STANDARD: Das müssen Sie noch begründen ...

Pircher-Friedrich: Das Menschenbild ist das Alpha und Omega jeden menschlichen Denkens, Entscheidens, Tuns und Handelns. Das im Unternehmen bewusst oder unbewusst vorherrschende Menschenbild programmiert folglich Erfolg oder Misserfolg. Soll der Erfolg also ein dauerhafter sein und sollen nicht nur Symptome kuriert werden, muss beim Menschenbild begonnen werden. Deshalb ist es so wichtig, dass wir unser wahres Menschsein mit seiner steuernden und stabilisierenden Sinnorientierung wieder begreifen, um Unternehmen aus sich heraus etwas krisenstabiler zu führen.

STANDARD:Frau Professor, schauen Sie in die Zukunft. Welche Unternehmen haben die besten Chancen zu überleben?

Pircher-Friedrich: Unternehmen, die die Krise in einem neuen, anderen Sinn als Chance begreifen. Als Chance für das Entwickeln sinnvoller Geisteshaltungen und für menschliches Wachstum. Unternehmen, die ihr Entscheiden, Tun und Handeln auf die Basis eines würdigen Menschenbildes stellen. Unternehmen, die durch ihre tatsächlich gelebte Sinnvision Kundennutzen und gesellschaftlichen Nutzen stiften. Unternehmen, die auf dieser Basis ihre Belegschaften anfeuern, ihr Bestes zu geben und ihnen die Möglichkeit bieten, durch ihre Arbeit ihre Potenziale zu erkennen und zu entfalten und die zu werden, die sie sein können. So könnten die weitverbreiteten Sehnsüchte nach mehr Lebensqualität am Arbeitsplatz erfüllt werden - zum Nutzen des gesamten Unternehmens. (Hartmut Volk, DER STANDARD; Printausgabe, 8.8./9.8.2009)

Zur Person:

Annemarie Pircher-Friedrich ist Professorin für Human Resources sowie Qualitäts- und Dienstleistungsmanagement am Management Center Innsbruck (MCI). Die international gefragte Vortragende kann auf zahlreiche Publikationen verweisen. Zusätzlich zu ihrer Lehrtätigkeit leitet Pircher-Friedrich zahlreiche Seminare, trainiert und coacht Führungskräfte aus Wirtschaft, Schulen und unter anderem Krankenhäusern.

  • Den Veränderungsprozess auf Basis eines würdigen Menschenbildes stellen.
    foto: privat

    Den Veränderungsprozess auf Basis eines würdigen Menschenbildes stellen.

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