Béatrice Dalle: "Dabei bin ich eine Blume!"

7. August 2009, 18:15
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Die 44-jährigen Französin, eine "Kult"-Schauspielerin seit ihrer Rolle in "Betty Blue", im Interview über alte Rollen, junge Regisseure und Österreich

 Gerade hat sie mit dem österreichischen Regisseur Patrick Chiha "Domaine"  gedreht. Der Prozess ist mehr als das Resultat, erläutert Béatrice Dalle im Gespräch mit Stefan Brändle. 


STANDARD: In den vergangenen Jahren spielten Sie gerne Hardcore-Rollen: Hexe, Killerin, Psychopathin. Im Film "Domaine" des jungen Österreichers Patrick Chiha verkörpern Sie eine Tante, die sich in ihren 17-jährigen Neffen verguckt. Das ist geradezu harmlos für Sie.

Dalle: Im Gegenteil. Die Rolle ist ziemlich "trash" . Die Frau trinkt, versucht den Jungen mit sich in den Abgrund zu ziehen. Mich interessieren solche psychologischen Themen, mehr als soziale.

STANDARD: Ist das nicht aufreibend, wenn man die Rollen nicht spielt, sondern richtig lebt, wie Sie von sich selber sagen?

Dalle: Es stimmt, ich lasse mich völlig auf meine Rolle ein. Sie wird ein Teil meines Lebens, eine Episode, aber irgendwann ist der Dreh zu Ende, und ich lasse alles hinter mir. Mir kommt es darauf an, was während des Filmemachens menschlich abläuft. Das Drehbuch lese ich manchmal nicht einmal. Der Regisseur muss gut sein, er muss mich animieren, muss mich gewinnen, betören. Es ist wie in einer Liebesbeziehung: Der Mann muss mir jeden Tag etwas geben, dann gebe ich mich auch.

STANDARD: Ihr erster Welterfolg "Betty Blue - 37,2 Grad am Morgen" (1986) lebte sehr von Ihnen, und auch in "17 Mal Cécile Cassard" gibt es eine Szene, in der ein schwules Pärchen tanzt; Sie stehen daneben und rauchen nur eine Zigarette und sind trotzdem sehr präsent.

Dalle: Ah, die Szene ist Ihnen geblieben? (Ein Handy klingelt.) Entschuldigen Sie, aber wenn es mein Mann ist, antworte ich. Er ruft aus dem Gefängnis an. Nein, er ist es nicht, fahren wir fort.

STANDARD: Wie erzielen Sie diese Echtwirkung im Film? Sie haben keine Schauspielausbildung absolviert.

Dalle: Das ist mir in den Schoß gefallen. Ich kam mit 14 aus der Provinz nach Paris und nach ein paar Gelegenheitsjobs auf die Titelseite eines Magazins. Deshalb bekam ich die Titelrolle in "Betty Blue".

STANDARD: Es war die Rolle Ihres Lebens.

Dalle: Niemand dachte, dass der Film so einschlagen würde. Rückblickend sehe ich seine Stärke darin, dass wir alle unbekannte Schauspieler waren. Das ermöglichte den Zuschauern, sich mit den Figuren zu identifizieren. Der Regisseur Jean-Jacques Beineix wollte zuerst Stars und verzichtete dann auf sie, weil es nicht zur Geschichte passte.

STANDARD: Sie erhielten Angebote aus Hollywood, lehnten aber ab. Bedauern Sie das heute?

Dalle: Ich bereue nur, dass ich ein Angebot von Peter Greenaway abgelehnt habe. Mir fällt es schwer, auf Englisch zu drehen. Wenn ich nicht in meiner Muttersprache filme, klinge ich unecht. Eine Rolle ist eine emotionale Sache.

STANDARD: Sie drehen aber gerne mit Regisseuren wie Michael Haneke oder Claire Denis, die eher intellektuell an Filme herangehen.

Dalle: Ja, Haneke ist ein "Intellektueller" , aber seine Filme gehen unter die Haut.

STANDARD: Warum drehen Sie auch mit Jungregisseuren, die ihren ersten Film machen?

Dalle: Bei denen spürt man noch die existenzielle Herausforderung. Sie fühlen sich wie auf der Achterbahn, gehen aufs Ganze. Denen kommen beim Drehen noch Tränen. Da findet ein Austausch statt.

STANDARD: Wie gehen Sie an eine Rolle heran?

Dalle: Früher ergab sich das von selbst, ohne dass ich überlegte. Da passten meine Auftritte sofort. Als ich mit Jacques Doillon "Die Rache einer Frau" drehte, lernte ich, Dinge zu entwickeln. Isabelle Huppert, meine damalige Filmpartnerin, war das pure Gegenteil, sie wurde bei jeder Wiederholung natürlicher. Doillon brachte ihr bei, wie man sich in etwas fallen lässt; ich lernte, die Dinge beim dritten oder vierten Dreh besser zu machen.

STANDARD: Stimmt das Bild der instinktiven, animalischen Dalle?

Dalle: Solche Bilder kriegt man angeklebt. Nach dem neuen Film wird man meinen, ich sei Alkoholikerin, während ich noch nie einen Tropfen angerührt habe. In "Betty Blue" erhielt ich das Image eines leichten Mädchens. Das trifft selbst für die Rolle nicht zu. Betty wird wegen eines einzigen Mannes verrückt.

STANDARD: Aber sie macht den Mann auch verrückt, damit wurde "die Dalle" zum Sexsymbol.

Dalle: Aber es beruht auf einem Irrtum. Man hängt mir eine Menge Sex an, obwohl ich in meinem Leben ganze fünf Männer gekannt habe. Mit dem ersten war ich verheiratet, dann lebte ich zehn Jahre lang mit einem anderen (dem Rapper Joey Starr, die Red.), nun bin ich seit vier Jahren wieder verheiratet. Man sieht in mir etwas Sinnliches, während mich allein der Geist eines Mannes verführt.

STANDARD: Sie sagen, dass Sie sich als Teenager nicht schön fanden, in der Pariser Disko "Les Bains-Douches" aber mehr Wirkung auf Männer hatten als die Topmodels.

Dalle: Ja, man sieht in mir eine Wolfsfalle, eine Männerfresserin. Dabei bin ich eine Blume!

STANDARD: Wie war das, als Sie mit Ihrem Ruf in einem bretonischen Gefängnis den Film "Tête d'or" drehten?

Dalle: Das war eine positive Erfahrung. Bei der geringsten anzüglichen Bemerkung wäre ich gegangen. Dabei war es nicht einfach, mit einem Drehbuch, das von einem christlichen Autor wie Paul Claudel inspiriert ist, in ein Gefängnis zu gehen und von diesen harten Jungs respektiert zu werden. Zwei konnten nicht lesen; aber sie lernten ihren Text. Die gaben sich Mühe, waren gerührt, dass einmal jemand etwas von ihnen wollte.

STANDARD: Warum machten Sie diesen Film im Gefängnis?

Dalle: Ich mag menschliche Abenteuer. Außerdem kenne ich Leute, die im Knast waren. Menschen machen Fehler, zum Teil schwere. Aber ich urteile nicht. Die Dreharbeiten mit den Häftlingen haben mich so gepackt, dass ich das richtige Leben danach schal fand.

STANDARD: Sie haben 2005 Ihren jetzigen Mann im Gefängnis kennengelernt und dort geheiratet. Er sitzt immer noch. Das dürfte keine einfache Beziehung sein.

Dalle: Nein. Aber ich liebe meinen Mann. Ich habe keine Wahl.

STANDARD: Sie sprechen in den Besuchszeiten auch über Malerei.

Dalle: Wir sprechen stundenlang über Francis Bacon oder van Gogh. Nicht nur über ihre Werke, sondern auch über ihr Leben. Van Goghs Korrespondenz mit seinem Bruder machte mir erst klar, warum seine Bilder so bewegen. Es ist wie beim Film: Mich interessiert der Prozess mehr als das Resultat.

STANDARD: Erinnert Sie Bacon auch an Ihre Horrortrips im Film?

Dalle: Ich habe nur zwei Horrorfilme gemacht. Nur, weil mich junge Regisseure mit ihren Projekten überzeugten. In "Trouble every day", in dem eine Frau ihren Geliebten totbeißt, sah man kannibalistische Ansätze, doch in Wahrheit ist es ein ultimativer Liebesfilm.

STANDARD: In "Betty Blue" sagt Ihr Filmpartner von Ihnen: "Sie will etwas, das nicht existiert."

Dalle: Ich bin auf der Suche nach dem Absoluten. Ich will intensiv leben. Man verbrennt sich so die Finger, aber das stört mich nicht.

STANDARD: Was ist für Sie eine gute Liebesszene im Film?

Dalle: Ich glaube nicht, dass Idee oder Setting den Ausschlag geben, ob eine Szene gut wird. Entscheidend ist die Beziehung zwischen Schauspieler und Regisseur.

STANDARD: Nicht zwischen den einzelnen Schauspielern?

Dalle: Nicht unbedingt. Ich hatte schon Filmpartner, mit denen ich mich nicht besonders gut verstand, aber das schadete dem Film nicht.

STANDARD: Sie haben in Film und im Leben eine starke Beziehungen zu Männern. Und zu Frauen?

Dalle: Das Geschlecht ist zweitrangig. Ich werde demnächst einen Film mit Emmanuelle Béart drehen, in dem wir eine Art Paar spielen. Da ist allein die Intensität der Beziehung entscheidend.

STANDARD: Was drehen Sie lieber: Liebes- oder Horrorszenen?

Dalle: Eine Liebesszene zu drehen fällt mir nicht leicht. Horrorszenen sind amüsanter: Da kommt man sich vor wie in der Oper.

STANDARD: Ihre witzigste Rolle spielten Sie in "Night on Earth" von Jim Jarmusch, in der Sie als blinder Fahrgast einen Taxichauffeur durch Paris lotsen.

Dalle: Es gibt leider nicht viele Jarmuschs, die so etwas beherrschen.

STANDARD: In den USA wurden Sie wegen Drogenbesitzes zur "unerwünschten" Person erklärt.

Dalle: Dabei habe ich nie jemandem etwas Böses angetan. (lacht)

STANDARD: Nicht einmal Ihnen selbst?

Dalle: Ach was. Ich habe noch nie einen Joint geraucht, weil es mir schlecht ging. Ich kenne Schauspielerinnen in meinem Alter, die sich nur von Orangensaft ernähren und auch nicht besser ausschauen!

STANDARD: Noch eine Frage zu Österreich. Sie hatten das Land wegen der FPÖ-Regierungsbeteiligung früher kritisiert. Jetzt haben Sie erneut hier gedreht.

Dalle: Ich habe mich gefreut, mit Patrick Chiha hierher zu kommen. Was ich nicht mag, ist die Karikatur eines Landes, das Ausländer hasst und bestürzt ist, wenn ein Rechtsextremen-Chef stirbt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.8.2009)

 

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    ""Mir kommt es darauf an, was während des Filmemachens menschlich abläuft. Das Drehbuch lese ich manchmal nicht einmal. Der Regisseur muss gut sein, er muss mich animieren."

    Béatrice Dalle, franz. Schauspielerin, geb. 1964. 1986 erste Filmrolle in "Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen". Weitere Filme "Night on Earth"  (Jim Jarmusch), "Wolfszeit"  (Michael Haneke). Patrick Chihas "Domaine"  feiert bei den kommenden Filmfestspielen in Venedig Uraufführung.

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