Sozialer Brennpunkt Lerchenfeld

7. August 2009, 15:12
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Streetworkerin: "Höhere Gewaltbereitschaft ist dort sicher ein Thema"

Das Kremser Wohnviertel Lerchenfeld, aus dem der am Mittwoch von der Polizei bei einem Einbruch erschossene 14-jährige Florian P. stammt, hat einen Ruf als sozialer Brennpunkt. Dass es dadurch mehr Jugendkriminalität gebe, wies die für den Bereich zuständige Streetworkerin Manuela Leoni am Freitag zurück. Die Verhältnisse sind dennoch besonders und wirken sich auf die Teenager aus: "Es ist einfach eine Ansammlung von sozial benachteiligten Familien", meinte die Geschäftsführerin des Jugendarbeit-Vereins Impulse Krems.

Höhere Gewaltbereitschaft - "Das ist sicher ein Thema", betonte Leoni. "Es sind sicher viele kriegstraumatisierte Kinder dort." Der Ausländeranteil sei ihrer Meinung nach in Lerchenfeld verglichen mit anderen Regionen eher gering, meinte sie über die Bewohner. "Es ist eher eine Mischung aus sozial benachteiligten Familien und Migranten." Es gebe aber einfach mehr Menschen mit geringem Ausbildungsstatus und weniger finanziellen Ressourcen, aber punkto Jugendkriminalität nicht mehr oder weniger Probleme als anderswo und auch keine "argen" Jugendbanden.

"Wir selbst haben schon diskutiert, was an Lerchenfeld so besonders ist", meinte Leoni. Die Region sei ein gewöhnliches Wohnviertel - das Ungewöhnliche daran: "Da spielt sich sehr viel auf der Straße ab", so die Streetworkerin. Viele Jugendliche könnten sich wegen zu kleiner Wohnungen nicht zu Hause aufhalten, manche erhielten auch zu wenig Unterstützung von ihrer Familie. Die Folgen sind laut Leoni, "dass die Perspektivlosigkeit eine größere ist und auch die Frustration."

Bedarf an Beziehungs-Angeboten

Als Streetworker merke man, dass die Mädchen und Burschen über weniger Handlungsmöglichkeiten verfügen und ein hoher Bedarf an Beziehungs-Angeboten bestehe. "Die Jugendlichen warten schon, dass wir kommen", meinte Leoni, die mit ihrem Team wochentags täglich zwei Stunden mobil in Lerchenfeld im Einsatz ist. In anderen Stadtteilen sei dies normalerweise nicht der Fall.

Von außergewöhnlich massiven und zahlreichen Vandalismus-Fällen oder Gewalt hat die Streetworkerin in Lerchenfeld trotz anderslautender Medienberichte aber noch nichts bemerkt: "Man muss die Kirche im Dorf lassen", betonte Leoni. "Krems ist eine mittlere Kleinstadt und im Vergleich zu St. Pölten - von Wien will ich gar nicht sprechen - sind wir wirklich in einem gelobten Land."

Der tödliche Schuss auf Florian P. bedeutet derzeit allerdings auch für die Streetworker in Krems jede Menge Arbeit: "Momentan ist unsere Hauptaufgabe Krisenbewältigung und Trauerarbeit. Im Schock kommen Dinge wie Wut, Aggression oder gar nichts sagen", so Leoni, die mit ihrem Mitarbeitern derzeit verstärkt ab Mittag bis in die Abendstunden in Lerchenfeld und Umgebung ihre Hilfe anbietet. "Es gibt Jugendliche, die schweigen den ganzen Tag. Man muss aufpassen, dass das ganze nicht eine Eigendynamik kriegt und die Jugendlichen sich nicht noch mehr alleingelassen fühlen." Eine der wichtigsten Fragen der Teenager: "Wie kann ich normal weiterleben und wie kann ich trotzdem Vertrauen zur Exekutive schöpfen?", betonte die Expertin. "Das ist ein großes Thema."

Kritik übt die Streetworkerin angesichts der aktuellen Situation vor allem an den Medien. "Dass man Kinder mit elf, zwölf Jahren befragt, ohne Einverständniserklärung der Eltern. Da bin ich zum Teil sprachlos", so Leoni. Wichtig sei aber auch, dass die Gesellschaft ihre Aufgabe wahrnehme: "Wo sind die Erwachsenen, die die Verantwortung für die Jugendlichen übernehmen - nicht nur die Eltern?", meinte sie. "Jeder schimpft über saufende Jugendliche, aber keiner denkt was die Erwachsenen für Vorbilder sind." (APA)

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