Dort, wo der Tod wohnt

8. August 2009, 18:45
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Gerhard Roths Begehung des Gerichtsmedizinischen Museums in Wien

Es ist ein Theater der Grausamkeit, in dem Tragödien von Verrat, Verbrechen, Verzweiflung und Hass zu sehen sind.

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Der Weg führt mich in ein Gebäude nicht weit vom Josephinum, in dem sich die Medizin mit Tod und Verbrechen befasst, in das Gerichtsmedizinische Museum. "Dort, wo der Tod wohnt" , wie mir ein Ortskundiger, den ich nach der Adresse Sensengasse 2 fragte, Auskunft gab. Frau Dr. Dorffner vom Institut für Geschichte der Medizin arbeitet seit mehr als einem Jahr anhand der Sektionsprotokolle an der elektronischen Erfassung der 2500 Präparate des Museums und gibt den Lehrobjekten dadurch etwas von ihrem Schicksal zurück.

Der Führer Medizin im historischen Wien bezeichnet die Sammlung als ein "lebendiges Lehrbuch der Gerichtsmedizin" . Sie ist im ehemaligen Hörsaal des k. u. k. Garnisonsspitals untergebracht, wo die gelben, verglasten Vitrinen wie Kulissen in einem ehemaligen Amphitheater aufgestellt sind. Stunde um Stunde sind auf dieser imaginären Bühne Tragödien von Verbrechen, Verrat, Einsamkeit, Verzweiflung, Eifersucht und Hass zu sehen.

Öffnet man die doppelflügelige Tür zum Saal, sieht man auf eine Landschaft aus dicht aneinandergereihten Regalen, in denen sich die verschieden großen Glaszylinder drängen, und jeder einzelne enthält ein verstörendes Geheimnis. Vom Eingang führen zu beiden Seiten Treppen hinunter in das Inferno. Neben der Tür und an der Wand zwei menschliche Skelette mehrfacher Mörder, von denen einer hingerichtet wurde und der andere Selbstmord beging.

Mehrere Stufen tiefer auf Stangen befestigte monströse "Fettwachsleichen" anonymer Ertrunkener, die über Wochen im Wasser lagen und dadurch mumifiziert wurden. Im oberen Stockwerk, links und rechts der Eingangstür, erstrecken sich auf zwei Plateaus, die auf weißgestrichenen Säulen ruhen, die gelben Vitrinen bis zur Rückseite des theaterförmigen Saales und den hohen Fenstern. Auch dort sind selbst an den Zwischenwänden Regale mit Präparaten aufgestellt. Ich denke noch immer an Dantes trichterförmigen Krater und vermeine mich im siebenten Höllenkreis zu befinden - der den "Wüterichen, Räubern und Mördern" vorbehalten ist, den "Selbstmördern, Gotteslästerern" und jenen, die "widernatürlichen Lastern" verfallen sind.

Die "Fettwachsleichen" , zum Teil ohne Kopf, und die Skelette stehen da wie der Chor im antiken Drama eines Sophokles, Aischylos oder Euripides, nur bleiben sie stumm. Vor ihnen die Vitrinen mit ermordeten Neugeborenen und zerstörten Skelettschädeln, die die Zähne fletschen oder einen endlosen Schrei ausstoßen, manche noch mit Haaren. Natürlich fehlen auch die verschiedenen Mord- und Selbstmordinstrumente nicht: Hacken vor allem und Messer - Rasiermesser, Schlachtmesser, Stilette, Dolche, Spring- und Taschenmesser, Wiegemesser, Feitel, Küchenmesser, große und kleine Messer, spitze und stumpfe - aber auch Hämmer, Feilen, Knüppel, Schlag- und Spazierstöcke, ein Holzscheit, ein Bolzen-Schlachtschussapparat, Nudelwalker, Stricke, Bügeleisen, Bleirohre, an denen noch vertrocknetes Blut zu erkennen ist, und natürlich Gewehre, Revolver und Pistolen.

Präparierte Larven

Wie ein Vergil erscheint der Gerichtsmediziner, Universitätsprofessor Reiter, ein großer und kräftiger Mann mit grauem, kurz geschnittenem Haar, das sich zu lichten beginnt, Schnurrbart und Brille. Das graue Sakko gibt ihm etwas von einem anonymen Passanten, doch wenn er spricht, vermittelt er den Eindruck eines Mannes, dem Sarkasmus nicht ganz fremd ist. Zusammen mit der Zurückhaltung und Ernsthaftigkeit seines Auftretens, der Sachlichkeit seiner Rede und Gedanken verleiht ihm das eine natürliche Autorität, derer er sich bewusst ist.

Die Einteilung der Sammlung entspreche den einzelnen Kapiteln der gerichtlichen Medizin, erzählt er nachdenklich. Jeder Schrank des Museums sei einem bestimmten Thema gewidmet, wodurch verschiedene Fälle miteinander verglichen werden könnten. Es könne nämlich manchmal schwierig sein, ungewöhnliche Selbstmorde von Morden zu unterscheiden. Er führt mich zum bleichen Kopf eines Selbstmörders, der sich mehr als dreißig Wunden mit der Hacke zufügte und sich anschließend - da er noch immer bei Bewusstsein war - erhängt hat.

Auch der Kopf eines jungen Mannes mit blondem Haar und Schnurrbart gehörte einem Selbstmörder. Er hat sich in einem Waldstück am Leopoldsberg gleichfalls erhängt. Der Professor macht mich mit dem Zeigefinger auf den Strick aufmerksam, der noch um den Hals des Unbekannten geschlungen ist.

Der Tote aus dem Jahr 1927 sei an der Luft getrocknet und mumifiziert, erklärt er, denn man habe ihn lange nicht gefunden. "Die Stelle im Wald ist übrigens mehrmals von Selbstmördern aufgesucht worden, weil man beim weiten Ausblick auf die Donau offenbar ungestört ein Resümee seines Lebens ziehen kann" , fährt er nach einer kurzen Pause fort. Außerdem sei es oft der Wunsch von Selbstmördern, einen einsamen Ort aufzusuchen, um, ohne eine Spur zu hinterlassen, aus dem Leben scheiden zu können. Noch immer starre ich den Kopf des jungen Mannes an: Seine Augen und Lippen sind geöffnet, und er scheint abwesend zu lächeln.

Gelassen und doch nicht ohne Respekt vor den Schicksalen der Toten führt mich der Professor "ins Herz einer ungeheuren Finsternis" , wie Joseph Conrad schreibt, in "das Grauen" . Vielleicht ist es eine Lehre, die mir erteilt wird, denn ich habe das Gefühl, eine Erfahrung zu machen, die ich nicht vergessen werde.

Wir kommen an einer verglasten Lade mit der Aufschrift "Leichenfauna" vorbei, in der präparierte Fliegenlarven in allen Entwicklungsstadien zu sehen sind, welche zur Bestimmung des Todeszeitpunktes bei schon verwesenden Leichen dienen; an Föten in allen Lebensmonaten - mit acht Wochen sehen sie aus wie Wesen von einem anderen Stern und sind doch schon als Menschen erkennbar; an ermordeten Neugeborenen, schrecklichen, in Alkohol aufbewahrten Zeugen von Verzweiflung, Ausweglosigkeit und Gewalt: mit einem Finger, einem Grasbüschel oder einem Knebel aus Zeitungspapier erstickt, mit den Händen erwürgt, mit Schnüren und Stricken erdrosselt, mit der Hacke oder der Faust erschlagen, mit Messern, Haarnadeln oder einem Löffel erstochen oder überhaupt zerstückelt und verbrannt.

Von einem ist nur ein Glas mit verkohlten Knochenresten übriggeblieben. Daneben Gebärmütter und Eierstöcke von Frauen, die bei der Abtreibung starben, oder Körperteile von Unglücklichen, die sich wegen einer ungewollten Schwangerschaft auf jede erdenkliche Weise das Leben nahmen: durch Vergiften, Ertränken, Aufhängen oder In-den-Tod-Springen. Zur Sammlung gehört auch der Hymenschrank mit mehr als hundert weiblichen Geschlechtsteilen von Verunglückten, Ermordeten oder an einer seltenen Krankheit Verstorbenen, anhand derer Ärzte um die Jahrhundertwende die verschiedenen Arten von Deflorierungen studierten, für den Fall, dass bei einer Hochzeit ein ärztliches Jungfernschaftszeugnis verlangt wurde. Der Anblick macht fassungslos.

Eine amerikanische Universität habe nach dem Krieg einen hohen Geldbetrag für die Sammlung im Schrank geboten, sagt Professor Reiter, aber man verkaufe nichts. Zu jedem dieser Geschlechtsteile gehört eine Geschichte, und ich erfahre sie aus den handschriftlichen Sektionsprotokollen, die aufbewahrt wurden. Es sind durchwegs Organe junger Frauen, und tatsächlich hat jede ihr ganz eigenes Schicksal. Kleiner, wenn auch nicht weniger akribisch angelegt, ist die Sammlung von Penissen in verschiedenen Größen und Verformungen sowie Geschlechtsteilen von Hermaphroditen. In diesem "Theater der Grausamkeit" gibt es außer Mord und Totschlag auch plötzliche Todesfälle, die der Gerichtsmediziner klären musste: eine durch ein giftiges Pilzgericht zerstörte Leber, Gliedmaßen mit den Merkmalen der Mors electrica, tödlicher Stromschläge, heraussezierte Kehlköpfe, die vom Ersticken zeugen: an einem Zigarettenspitz, einem Maiskorn, einer Kaffeebohne, Wurst, Gänsefleisch, verschluckten Gebissen, einem kleinen Glöckchen, sogar ein Babyschnuller wurde einem Kind zum Verhängnis. Manche verschluckten allerdings die Gegenstände absichtlich, um sich zu töten: einen Löffel, Stecknadeln, einen selbst gebastelten Knebel - überhaupt, der Wunsch sein Leben zu beenden!

Die Präparate von Selbstmördern nehmen einen großen Teil der Sammlung ein: In einem der knöchernen Schädel steckt noch ein Mauerhaken, den sich ein Verzweifelter in den Kopf schlug, andere Schädel zeigen zwei Einschusslöcher, weil der erste Versuch misslang, auch zwei Mägen mit Einschusslöchern sind vorhanden - von einem Geschwisterpaar, das gemeinsam aus dem Leben schied, weil es seine inzestuöse Beziehung nicht mehr verheimlichen konnte.

Natürlich umfasst das weiteste Feld alles, was mit Mord zusammenhängt: Hautteile mit Schuss- und Stichverletzungen, Ohren, durchschlagen von Geschoßen, und zerstörte Schädel: durch Schrotpatronen, Pistolenkugeln, den Wurf mit einer Schneiderschere, den Schlägen mit einem Bügeleisen oder einem Hammer. Früher befand sich der Kopf des Mörders Luigi Luchenis in der "pathologisch-anatomischen Sammlung des Narrenturms" , erklärt Professor Reiter, er sei jedoch im Jahr 2000 auf dem Anatomiefriedhof begraben worden. Lucheni hatte am 10. September 1898 in Genf die österreichische Kaiserin Elisabeth mit einer Feile erstochen.

"Die Feile" , fährt der Professor fort, "wurde dem Gerichtsmedizinischen Institut zur 600-Jahr-Feier der Wiener Universität von den Schweizer Kollegen als Geschenk überreicht." Sie befinde sich jedoch nur selten im Museum, weil sie für alle möglichen Ausstellungen verliehen würde. Anstelle des Kopfes von Lucheni zeige man eine Büste des Mörders und mehrere gerahmte Fotografien, unter anderem von einem Brief und dem Gefängnis, in dem er sich mit einem Gürtel erhängte. Der Professor zeigt mir einen zerstückelten und mit Metallklammern und -scharnieren wieder zusammengesetzten Skelettschädel einer 1948 ermordeten Frau aus Gänserndorf.

Ihr Mann war im Krieg Sanitäter gewesen, gab sich als Arzt aus und hatte eine Zeit lang auf dem Land eine Praxis, erzählt der Professor. Als eines Tages seine Frau verschwunden war, gab er an, sie sei zu Bekannten in die Tschechoslowakei gefahren. Dort war sie jedoch nie angekommen. Der vorgebliche Arzt wurde verhaftet und gestand, seine Frau mit einer Hacke erschlagen zu haben. Er hatte die Leiche anschließend zerstückelt und im Garten vergraben, einige Leichenteile hatte er verbrannt. Gleich daneben zwei Skelettschädel, die noch die künstlichen Gebisse im Mund haben, ein Ehepaar, Landwirte, die im Bett von ihrem Sohn mit einem Zwei-Kilo-Gewicht erschlagen worden waren.

Das Schädeldach des Nächsten wird nur durch Metallfedern zusammengehalten und stammt aus dem Jahr 1920. "Ein Schutzmann" , führt der Professor aus, "machte Patrouille auf dem Oberlaaer Frachtenbahnhof, durchstreifte die Magazine und kontrollierte die Waggons. Beim Hauptgebäude sah er in der Dunkelheit eine Gestalt. Er rief sie an, erhielt jedoch keine Antwort. Als die Gestalt eine Bewegung machte, aus der der Schutzmann schloss, dass sie auf ihn schießen wollte, feuerte er seinen Karabiner ab. Dann lief er auf den Getroffenen zu und erkannte, dass es sich um einen Bahnbediensteten handelte. Sie sehen die ausgedehnte Zertrümmerung der Schädelkapsel."

Besonders erschreckend ist das Gesicht einer Frau, das von der Stirn bis zur Oberlippe von einem Axthieb gespalten ist und auseinanderklafft, weshalb ich zuerst glaube, zwei Gesichter zu sehen. Die Augenlider sind zusammengepresst, die Momentaufnahme eines schmerzhaften Todes. Daneben die Gesichter zweier erst Wochen nach ihrem Ableben aufgefundener Frauen, deren Köpfe von ihren Haustieren, einem Hund und einer Katze, angefressen wurden. Bei beiden sind die Haare noch vorhanden, eines der Gesichter hat ein starrendes Auge, das andere ist um die Nase bis zum Knochen abgenagt. Auch Ameisen- und Rattenfraß an Köpfen ist an verschiedenen Präparaten erkennbar. Ein kleines Stück Haut mit einem Einschussloch erzählt eine Geschichte aus dem Jahr 1907.

Verkohlte Köpfe

Damals, am 1. Januar, erschoss eine Frau ihre Geliebte und sich in Wien. Die Selbstmörderin hatte angegeben, die uneheliche Tochter des Erzherzogs Otto und der Gräfin Charlotte zu sein und von den Zinsen ihres Kapitals zu leben. Da sie hohe Römerstiefel und einen Revolver zu tragen pflegte, wie das Protokoll verzeichnet, und auch sonst "männliche Gewohnheiten" gehabt habe, hätten die Eltern der Freundin verlangt, dass sie die Bekanntschaft mit ihr beendete. Am Neujahrstag legte sich die Frau mit dem Hinweis, sie habe Herzbeschwerden, auf das Bett ihrer Freundin und bat diese, ihren Kopf an den ihren zu lehnen. Daraufhin erschoss sie die Freundin und sich selbst.

Als wir zu den zahlreichen Gehirnen mit dunklen Flecken von Blutaustritten kommen, denke ich an die Erinnerungen, die darin gespeichert waren, an Kindheiten, Jugendzeiten, die Bilder von Eltern, Geliebten, Angehörigen, an die Eindrücke von Landschaften und Städten, Tieren und Pflanzen, an Abschiede, Wiedersehen und Feste, Schmerzen, Krankheit, Trauer und Liebe. Nicht nur Spuren von Gewalt sind an den Gehirnen ablesbar, sondern auch Folgen von Krankheiten, die zu plötzlichen Todesfällen führten, wie Aneurysmen und Schlaganfälle.

Die Relikte von Unfällen sind noch verstörender als das, was ich bisher gesehen habe. Das zerrissene Herz eines Kindes, das beim Versteckenspielen auf die Fensterbank geklettert ist und vier Stockwerke tief in den Hof stürzte, weil die Fensterflügel nicht verschlossen waren. Ein anderes von einem Mädchen, das beim Rutschen auf dem Stiegenhausgeländer das Gleichgewicht verlor und zwei Stockwerke hinunterstürzte.

Die Halswirbelsäule eines Mannes, der betrunken ausrutschte, auf den Rücken fiel und dabei mit einem auf dem Boden liegenden Metalltrichter sein Genick durchbohrte. Eine von einem Ventilator abgerissene Hand und - die von Zahnrädern durchlöcherte Haut eines Mannes, der in eine Maschine geriet.

Auch über öffentliche Katastrophen gibt die Sammlung Auskunft. Ich sehe Skelettschädel mehrerer in den letzten Kriegstagen erschossener Soldaten, junger Arbeiter, deren Köpfe bei sogenannten "Unruhen" in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts von einem Säbelhieb gespalten oder einem Gewehrschuss zerstört wurden, oder von Opfern des Ringtheaterbrandes: die verkohlten Köpfe einer Frau und eines Mannes, denen die Schädeldächer fehlen und die daher den Blick freigeben auf den Rest des verbrannten Gehirns, sowie Uterus und Fötus einer Frau und mehrere nicht identifizierte Knochen. Am 8. Dezember 1881, unmittelbar vor Beginn der Aufführung von Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen, war das Feuer hinter der Bühne ausgebrochen, verzeichnet die "Stadtchronik Wien" . Der Zuschauerraum habe aus sieben Stockwerken bestanden, sei aber mit keinen Brandschutzeinrichtungen ausgestattet gewesen.

Als plötzlich der Vorhang zu brennen angefangen habe, seien die 1700 Zuschauer in Panik geraten ... Die Folgen waren entsetzlich: 386 Frauen und Männer erstickten oder verbrannten. Das Fremden-Blatt schrieb, nachdem die Löscharbeiten um Mitternacht eingestellt worden waren: "Bis heute Morgen sind von dem schönen Bau nichts als vier rauchgeschwärzte Wände übriggeblieben. Ununterbrochen wurden bis halb zwei Uhr nachts Leichen aus dem Hause des Unglücks geborgen. Es waren verkohlte Klumpen, die in endloser Reihe von Sanitätsdienern ins Hotel Austria gebracht worden sind. Auf Decken schaffte man sie, oft drei, vier auf einmal, heran. Man zählt zur Stunde, wo dieses Blatt in die Presse geht, 140 Leichen. Sie wurden alle ins Allgemeine Krankenhaus überstellt.

Die Leichen, die zuletzt aus dem brennenden Theater geborgen wurden, waren so ineinander verschlungen, dass es zweifellos ist, dass die Unglücklichen miteinander gerungen haben, um zuerst die Türe zu gewinnen."

Irrtümlich telegrafierte der Ministerpräsident Taaffe an den in Gödöllö, Ungarn, weilenden Kaiser Franz Joseph: "Alles gerettet." Der Gründer des Museums für Gerichtliche Medizin, Eduard von Hofmann, obduzierte schließlich 240 Leichen des Brandes und verfasste damit seinen eigenen traurigen Epilog zu Hoffmanns Erzählungen. Besonders schwierig, sagt Professor Reiter, sei die Identifizierung von Personen bei einer solchen Katastrophe. Er zeigt mir die Sammlung an Tätowierungen in Glaszylindern, Arme, Hände, sogar Füße und die Rückenhaut eines anonym gebliebenen Matrosen, die ein japanischer Schwertkämpfer ziert. Sie sieht von weitem aus wie ein Bild, war jedoch einmal Teil eines Menschen.

Die embryonalen Missbildungen habe ich schon im Narrenturm gesehen, nicht aber den vertrockneten Fötus, in einem eigens gebastelten federschachtelkleinen Sarg, der auf dem Grab eines Wiener Friedhofs gefunden wurde.

Das seltsamste Stück entdecke ich im Vorbeigehen: den Penis eines Mannes aus dem 19. Jahrhundert, den ein Goldkettchen schmückt. Die Beschreibung im Sektionsprotokoll gibt Auskunft darüber, dass eine eifersüchtige Gattin die Vorhaut am Geschlechtsteil ihres Mannes mit einem "Goldketterl" , wie es heißt, "durchziehen ließ, welches sie mit einem kleinen Schloss versperrte. Den Schlüssel dazu hatte die Ehegattin in Verwahrung." Der Mann verstarb plötzlich.

Bevor wir den Raum verlassen, gehen wir noch am "Mann im Schrank" vorbei, den ich schon beim Eintreten bemerkt habe. Die Gestalt hockt, wie man durch die Glasscheibe sehen kann, am Boden der Vitrine und wendet uns den Rücken zu. Vom Kopf erkennt man nur die dunklen Haare auf dem Hinterhaupt. Er ist vollständig bekleidet mit Hemd, Hose und Schuhen. Es handelt sich um einen "vertrockneten Mann" , der 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, in Simmering beim Abtragen einer Bombenruine im Keller gefunden wurde. Als Todesursache ist "Staubeinatmung" festgehalten.
(Gerhard Roth / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.8.2009)

 

Zum Weiterlesen:  Gerhard Roth: "Ich bin schreibsüchtig" - Der österreichische Schriftsteller im Interview über "Die Stadt", seinen jüngsten Essayband, über literarischen Vorbilder und persönlichen Höllen

  • Gelassener Guide in "das Grauen": Gerichtsmediziner Christian Reiter
    foto: derstandard.at/wittstock

    Gelassener Guide in "das Grauen": Gerichtsmediziner Christian Reiter

  • Gerhard Roth über die Präparate im Gerichtsmedizinischen Museum in Wien: "Jeder Schrank des Museums ist einem bestimmten Thema gewidmet. (...) Die gelben, verglasten Vitrinen sind wie Kulissen in einem ehemaligen Amphitheater aufgestellt"
    foto: standard / schurian

    Gerhard Roth über die Präparate im Gerichtsmedizinischen Museum in Wien: "Jeder Schrank des Museums ist einem bestimmten Thema gewidmet. (...) Die gelben, verglasten Vitrinen sind wie Kulissen in einem ehemaligen Amphitheater aufgestellt"

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