Der Beruf als sicheres Terrain

7. August 2009, 17:37

Anna Müller entfernte sich immer weiter von ihrem Jugendideal: Einer klassischen Familiensituation, in der er das Geld nach Hause bringt und sie die Kinder erzieht

In meinen Mädchentagen - als Jahrgang 1971 noch in einer klassischen Familiensituation aufgewachsen (Mann bringt das Geld nach Hause, Frau ist zu Hause und erzieht die Kinder - und macht den Rest) - stellte ich mir auch für meine eigene Mutterrolle so eine Situation vor. Mit meiner weiteren Entwicklung entfernte ich mich immer weiter von diesem Jugendideal - Ich hatte inzwischen einen Job gefunden, der mich wirklich ausfüllt (auch zeitlich) und diese klassische Situation kam für mich persönlich immer weniger in Frage.

Mein ewiger Slogan zum Thema "Kinder kriegen" war immer: "Ich bekomme erst ein Kind mit 35". - Der Haken daran war nur, dass die Jahre bis dahin verdammt rasch vergingen und ich schließlich feststellen mußte, dass ich 35 war und ich diese Entscheidung nicht mehr auf "später" vertagen konnte. Inzwischen auch mit einem Partner gesegnet, mit dem ich mir zutraute, dieses "Projekt" in Angriff zu nehmen, kam es wie es kommen mußte: Ich wurde schwanger im Herbst 2006. Für mich war damals schon klar, dass ich auf keinen Fall "zu Hause" bleiben wollte - meine Selbstständigkeit als Ein-Personen-Unternehmerin bedingte das natürlich auch.

Der Knall kam mit der Geburt

Meine Schwangerschaft verlief absolut problemlos, ich habe auch bis einer Woche vor der Geburt durchgearbeitet,  eine Selbständige fragt da auch keiner. Und irgendwie hat es für mich auch gut gepasst. Im Nachhinein betrachtet hätte ich mir selber aber vor der Geburt mehr Zeit lassen sollen - irgendwie habe ich gedacht, dass alles so weiter läuft wie bis dahin.

Der Knall kam dann aber mit der Geburt - als dieser kleine Wurm dann da war und ich ihn nicht mehr bequem in meinem Bauch mit mir herumtragen konnte. Ich kann auch nicht sagen, dass ich bereits zu meinem Baby-Sohn eine enge Bindung hatte, für mich war er halt jetzt auch "da". Mein Sohn war zwar gesund aber mit ausgeprägten Blähungen in den ersten Monaten kam er aus dem Schreien kaum heraus. Neben der körperlichen Belastung (Schlafentzug) kam auch der psychische Stress.

Eine gewisse soziale Isolation

In meinem näheren Bekanntenkreis gibt es kaum Familien mit kleinen Kindern und ich war nie der Typ Mutter, die mit anderen Müttern beim Kaffeeplausch sitzen und eine Schar Kinder spielt zu ihren Füssen. Beruflich war ich immer mit vielen Leuten umgeben, täglich gibt es neue Inputs und Kontakte. So kam auch eine gewisse soziale Isolation in meiner "Mutter-Rolle" dazu. Mein einziger Rettungsanker war in dieser Situation immer mein Beruf - mein sicheres Terrain sozusagen.

Nebenher habe ich schon auch nach der Geburt - stundenweise zu Hause - gearbeitet. Da wurde mir ein Problem bewusst, an das ich bis dahin überhaupt nicht gedacht hatte: Mein lieber Sohn lässt sich nicht verplanen. ER möchte etwas und das dann sofort. Für mich eine neue Erfahrung - normalerweise kann ich die Dinge gestalten, wie es mir am besten passt. Das war wirklich ein großer Lernprozess für mich und ich haderte auch ausgiebig mit meinem Schicksal. Es war für mich ein absolutes Gefühl des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit und ich habe meine Entscheidung für ein Kind in dieser Zeit hin und wieder bereut.

Die wesentliche Besserung hat eingesetzt, als ich für mich begriffen habe, das ich meine Einstellung ändern muss, um wieder glücklich zu werden. Es war kein leichter Prozess und ich weiß auch nicht, ob dieser schon abgeschlossen ist, aber inzwischen klappt unser Familienleben ganz gut und ich würde auch nicht mehr ohne unseren Sohn sein wollen.

Aufgrund unserer besonders bevorteilten Situation (wir sind ein Paar, das zusammenhält, wir haben einen Krippenplatz bekommen und zwei liebevolle Großmütter sind alt genug, um pensioniert zu sein und damit Zeit zu haben und andererseits noch jung genug, um verlässlich auf ein Kleinkind aufzupassen) ist es mir seit einem Jahr wieder möglich, ganztags zu arbeiten. Und ich sehe das als großes Privileg. Wenn ich Abendtermine habe, passt mein Mann auf unseren Sohn auf. Aber ohne die beiden Omas und den Krippenplatz (den wir als verheiratetes Paar natürlich - wie übrigens die meisten anderen mit dieser Ausgangssituation - nur über ein Hintertürchen ergattert haben) wäre auch bei uns die Situation, dass das größere Einkommen (mein Mann) für den Unterhalt sorgt und ich dann zu Hause bleiben müßte.

Finanziell ist die Lage so, dass wir beide gleichwertig für unser Familieneinkommen sorgen, mein Mann tendenziell mehr, aber er verdient bei weniger Zeitaufwand einfach mehr.

Wechsel in das 15-Monate-Modell

Während der Mutterschutzzeit habe ich das Service eines Betriebshelfers in Anspruch genommen. Obwohl ich im allgemeinen sehr gut informiert bin, habe ich nur durch Zufall erfahren, dass ich diese Leistung in Anspruch nehmen kann und so war die Organisation desselben dann recht kurzfristig doch noch möglich.
Nach Ende des Mutterschutzes bekam ich dann das "Karenzgeld" (so ca. 440 Euro) - das hat nicht gereicht, um mein Leben zu finanzieren - mit Mitte 30 hat sich dann schon die eine oder andere Verpflichtung angesammelt, ein Auto zu unterhalten und auch für die Pension wird schon fleißig gespart. Ich wechselte dann mit der Reform in das 15-Monate-Modell, da waren es dann so ca. 800 Euro pro Monat. Da ich selbstständig bin, konnte ich mir auch meinen Zuverdienst ein wenig einteilen und für mich war klar, dass ich nach 15 Monaten ohnehin wieder "voll" arbeite. 

Die Zuverdienstgrenze halte ich übrigens für einen kompletten Schwachsinn. Frauen, die arbeiten wollen oder auch müssen (weil sie sonst einfach "zusperren" können), sollten mehr verdienen können. Für richtig Reiche ist die Zuverdienstgrenze auch kein Hindernis, das weiß jeder Steuerberater. Für mich ist das nur eine Maßnahme, damit gut ausgebildete Frauen doch bitte nicht den Männern den Job wegnehmen.

Wenn ich mir das so alles noch einmal Revue passieren lasse, bin ich ganz glücklich mit dem Leben jetzt. Auch wenn es nur mehr rudimentär Gemeinsamkeiten mit dem Leben vor der Geburt meines Sohnes aufweist. Es ist einfach ein komplett neuer Lebensabschnitt. Das steht zwar auch in jedem x-beliebigen Babybuch, aber die Erfahrung selbst zu machen, ist doch etwas anderes. Tatsache ist, dass es kein Zurück gibt und das Abenteuer weiter geht. (Anna Müller, dieStandard.at, 7.8.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Anna Müller: Wir sorgen beide gleichwertig für unser Familieneinkommen, mein Mann tendenziell mehr, aber er verdient bei weniger Zeitaufwand einfach mehr.

Share if you care.