"Auto und Fahrstuhl haben uns degenerieren lassen"

10. August 2009, 09:47
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Warum es durchaus sinnvoll ist, sich ein paar Stunden mit einem Lauftrainer zu gönnen, weiß der Laufcoach Michael Kleber

Standard: Ist Laufen nicht so simpel, dass es ohne Trainer geht?

Kleber: Klar: Laufen kann jeder. Man könnte es dabei belassen. Um dem Ganzen aber Effizienz zu geben, bringt ein Trainer aber viel.

Standard: Aber suchen gerade Anfänger denn Effizienz? 

Kleber: Man kann natürlich einfach losrennen. Da hat man Anfang Steigerungen - und dann passiert nix mehr. Deswegen ist Beratung sinnvoll. Und es geht auch um Effektivität: Die Leute haben wenig Zeit - und wenn die dreimal in der Woche eine Dreiviertelstunde haben, sollte das auch etwas bringen.

Standard: Aber kann ich ohne Trainer etwas falsch machen?

Kleber: Prinzipiell: Nein. Wenn die Schuhe gut sind.

Standard: Was tut ein guter Trainer als Erstes? 

Kleber: Ich schicke Sie zum Sportarzt. Das schadet keinem - auch wenn er sich gesund fühlt. Dann kommt die Schuhfrage. Und wenn Sie nicht 20 Kilo Übergewicht haben, können wir locker beginnen. Und nach drei vier Monaten ...

Standard: ... drei, vier Monate?

Kleber: Ja. Ab da macht eine Leistungsdiagnose Sinn. Um herauszufinden, wo Entwicklungs-, Spitzen- und Regenerationsbereich sind. Vorher wäre das Abzocke. 

Standard: Aber wollen nicht viele Menschen schneller Resultate?

Kleber: Man muss aufhören, den Leuten Lügen aufzutischen: Drei oder vier Kilo Fett sind 20.000 bis 30.000 Kalorien. Das sind zehn Marathonläufe. Das geht nicht auf einmal: Sport muss man lebenslang machen. Darum ist ein Trainer wichtig: Er holt die Leute dort ab, wo sie sind, überfordert nicht, unterfordert nicht - und motiviert. 

Standard: Ist es nicht seltsam, eine Urform der Bewegung mit Coaches neu zu lernen?
Kleber: Sehr. Aber Auto, Rolltreppen und Fahrstühle haben uns degenerieren lassen. Und weil im Leben alles schnell gehen soll, trainiert man dann falsch. Aber klar ist: Nach einiger Zeit sollte jeder selbstständig trainieren können. 

Standard: Funktioniert das? 

Kleber: Im Prinzip ja. Aber es gibt viele Menschen, die nicht trainieren gehen würden, wenn da nicht um acht in der Früh einer auf sie wartet, und den sie dafür bezahlen, mit ihnen Sport zu machen. 

Standard: Weil das, was nichts kostet, nichts wert ist?

Kleber: Schlimmer: Viele Menschen können an Dingen, die nichts kosten, keinen Spaß haben. Komischerweise macht es ihnen aber Spaß, sobald sie zahlen. Das ist paradox, aber Realität.

Standard: Kann also jeder ein guter Läufer werden? 

Kleber: Es gibt sogar Experten, die glauben, dass man fast alle Menschen zu Weltklassesportlern pu-shen könnte. Das sehe ich nicht so - aber eines stimmt: Wer nicht akut krank ist, kann laufen. Wenn es ihm Freude macht. 

Standard: Gibt es Menschen, denen sie dennoch vom Laufen abraten?

Kleber: Ja, da gibt es drei Gruppen: Adipöse. Dann alle, die vom Arzt kein grünes Licht bekommen. Und Menschen, die nicht aus Freude am Laufen laufen: Es gibt Leute, die laufen, um krankhaft Gewicht zu verlieren. Magersüchtige etwa. Aber auch da kann ein Trainer helfen: Er bremst. (DER STANDARD Printausgabe, 10.08.2009, Thomas Rottenberg)

Wissen

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Wie man zum richtigen Laufschuh kommt

  • Michael Kleber (37) ist Laufcoach, Journalist und Pflichtschullehrer.
    foto: michael kleber

    Michael Kleber (37) ist Laufcoach, Journalist und Pflichtschullehrer.

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