Laufende Erfolge ohne Ehrgeiz

10. August 2009, 09:44
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Einfach losrennen ist der falsche Weg: Wer sich beim Joggen zu sehr verausgabt, tut Körper und Motivation nichts Gutes

Laufen, sagt Paul Haber, kann jeder. Mehr noch: Jeder kann Marathonreife erlangen. Aber nur theoretisch. Denn davor, einen Marathon auch tatsächlich zu absolvieren, warnt der Doyen der österreichischen Leistungsdiagnostik: „42 Kilometer auf Asphalt sind aus sportärztlicher Sicht niemandem zu empfehlen - aber das Training, um diese Leistung erbringen zu können, sehr wohl." 

Denn der große Unterschied zwischen dem Marathon und dem Marathon-Training, führt Haber aus, läge darin, dass die beliebten und boomenden Volkssport-Langstreckenläufe Extrembelastungen darstellen, bei denen Ehrgeiz und Gruppendynamik dazu führen, dass man über die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit geht. Training dagegen setze immer dort an, wo man sich gerade befindet - und strebt von diesem Level aus eine sinnvolle, schrittweise und auf einen vernünftigen Plan bauende Steigerung der Leistungsfähigkeit an.

Und gerade der Marathon, pflichtet der Wiener Laufcoach Michael Kleber dem Sportmediziner Haber bei, funktioniere die Hype-PR so gut, dass eine Botschaft von vielen Hobbyläufern komplett ausgeblendet werde: „Zwei Wochen nach dem Marathon hat man das geschwächte Immunsystem eines Krebskranken - das will keiner hören, aber man muss es sagen." 

Richtig rennen

Dass sowohl Haber als auch Kleber dennoch (fast) jedem Menschen raten, zumindest auszuprobieren, den zivilisationsgesellschaftlich bedingten Bewegungsmangel mit Laufen zu kompensieren, steht dazu jedoch nicht in Widerspruch: „Richtiges Laufen", referiert die Wiener Sportärztin und Internistin Silke Böcskör, „stärkt Herz und Kreislauf. Es fördert den Stoffwechsel. Es ist eine gute Osteoporoseprophylaxe. Und es fördert das mentale und psychische Wohlbefinden." 

Hinzu käme, so die selbst Triathlons bestreitende Medizinerin, dass sich durch das Laufen die Rückmeldungen aus dem Körper verändern: „Mittelfristig verändern Läufer Ernährungsgewohnheiten und Freizeitverhalten." Und zwar unabhängig davon, wo oder wie man läuft: „Mit guten Schuhen ist Laufen auf dem Asphalt keine Katastrophe - und ob man im Fitnesscenter auf dem Laufband, im Wald oder quer durch die Stadt joggt, ist eine reine Geschmacksfrage."

Freilich: Ganz wörtlich solle man das „Just do it"-Motto aber nicht nehmen, relativiert Böcskör sich dann selbst. „Vor allem Lauf-Einsteiger, trainieren oft viel zu intensiv. Das ist ungesund, weil der Puls übermäßig ansteigt. Außerdem machtes keinen Spaß, wenn man sich zu sehr auspowert. Darum hören die Leute rascher wieder auf, als sie irgendein Erfolgserlebnis spüren."
Und gerade bei Ausdauersportarten, warnt der Leiter des Innsbrucker Institutes für Sport- und Alpinmedizin und Gesundheitstourismus, Wolfgang Schobersberger, sei es wichtig, sich längerfristige Ziele zu setzen: „Ein halbes Jahr wird nicht reichen, um vom Couchpotato zu einem Level zu kommen, einen Stadtmarathon zu schaffen." 

Übereifer, so der Arzt, bringe gar nichts: „Wir haben das Gefühl dafür verloren, welches Ausmaß an Aktivität für den eigenen Körper optimal ist. Wir müssen lernen, Bewegung positiv zu erleben - und nicht versuchen, aus uns selbst Spitzensportler zu machen." Die Ehrgeiz-Schelte bloß an Laufanfänger zu richten wäre aber verfehlt. Auch von den geübteren Hobbyläufern, schätzt der Arzt, „laufen 80 bis 90 Prozent zu hart". Nachsatz: „Bei Mountainbikern ist es noch schlimmer - da wird meist die Höhe unterschätzt." 

Coach statt Couch

Schoberbergers dringende Empfehlung für Sport-Wiedereinstiger lautet daher „Coach statt Couch" - und das am besten im Urlaub: „In drei Wochen kann man, wenn man den Urlaub als Ansatz einer Life-styleänderung sieht, wirklich viel bewegen." Denn umfassend gecoacht, könne man Neo-Läufern und allen anderen Sport-Wiedereinsteigern auch klar machen, wieso der Schritt und der sklavische Blick auf die Waage ein fataler _Irrtum sein kann: „Das Gewicht sagt nichts über meine Fortschritte aus. Denn wenn sich Fett in Muskel verwandelt, verringert sich nicht die Masse, sondern die Zusammensetzung des Körpers." 

Die Empfehlung des Arztes lautet deshalb „Spiegel statt Waage". Und wenn es schon eine Waage sein muss, „rate ich zu einer sogenannten ,Fettwaage‘, die den Anteil von Muskel, Fett und Wasser ausweist." Freilich ist jedes Coaching sinnlos, wenn danach der alte Trott wieder einreißt: „Das Ziel ist eine Lifestyleänderung. Egal, welchen Sport man betreibt: Dreimal die Woche ist die Untergrenze. Sonst bringt es wenig - und die Motivation sinkt: Der innere Schweinhund ist groß, und es gibt immer 1000 Ausreden."

Sanfter Gruppendruck etwa durch Laufgruppen , sind sich Experten einig, helfe vielen Einsteigern, den Laufschuh nicht bald an den Nagel zu hängen. Und Erfolg, betont die Sportmedizinerin Silke Böcskör, sei immer individuell: „Die Benchmark ist nicht der Leistungssportler, der auf der Hauptallee an mir vorbeizieht. Wenn ich eine Strecke, für die ich früher 30 Minuten gebraucht habe, mit demselben Puls in 28 schaffe, dann ist das super. Egal, wie schnell ich bin."
Einfach losrennen ist der falsche Weg: Wer sich beim Joggen zu sehr verausgabt, tut sich nichts Gutes. Denn Bewegung, die keine Freude macht, endet bald dort, von wo sie wegführen sollte: auf der Couch. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe, 10.08.2009)

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    Einen Marathon Laufen ist nicht gesund, das Marathon-Training sehr wohl.

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