Rotes Simmering mit blauen Flecken

12. August 2009, 12:05
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Sogar die SPÖ-Bezirksvorsteherin rechnet damit, dass Simmering bald ein blauer Bezirk wird - Eine derStandard.at-Reportage

"Ein Häupl hört nicht gern, wenn die Renate und ich Seite an Seite auf der Simmeringer Hauptstraße spazieren gehen", sagt der stellvertretende Bezirksvorsteher von der FPÖ in Simmering, Paul-Johann Stadler und schmunzelt. "Die Renate", das ist Renate Angerer, die seit 2003 Bezirksvorsteherin in Simmering ist. Stadlers Verhältnis zu Angerer von der SPÖ sei gut. "Ich bin überall eingebunden und werde nirgends ausgeschlossen", sagt er. Sein Büro im Amtshaus am Enkplatz ist um einiges kleiner als jenes der Vorsteherin, das gleich gegenüber liegt. Der große Holz-Schreibtisch, ein Regal und zwei Besucherstühle passen gerade noch in Stadlers Büro. Angerer empfängt ihre Gäste an einem runden Besuchertisch, an der Wand hängt eine alte Ausgabe der Arbeiterzeitung.

Bei der Wien-Wahl im Jahr 2005 haben über 60 Prozent der Simmeringer die SPÖ gewählt, die Sozialdemokraten hatten sogar 1,7 Prozentpunkte dazugewonnen. Von solchen Ergebnissen kann die Sozialdemokratie heute nur mehr träumen. Bei der EU-Wahl im vergangenen Juni verlor die Simmeringer SPÖ 19,7 Prozentpunkte, nur mehr 33,4 Prozent der Simmeringer hatten rot gewählt. Die FPÖ hingegen gewann 18,7 Prozentpunkte dazu, 23,8 Prozent der Stimmen gingen an die Freiheitlichen.

EU-Wahlen kann man zwar nur schlecht mit Gemeinderatswahlen vergleichen, aber trotzdem scheint es möglich, dass der früher tiefrote Bezirk Simmering nach der kommenden Wien-Wahl den ersten blauen Bezirksvorsteher stellt. "Das Match SPÖ gegen FPÖ zieht sich durch, aber im Kern ist es ein Migrationsthema", erklärt SPÖ-Vorsteherin Angerer. Und wirklich, ob man sich nun mit dem blauen Stadler oder der Sozialdemokratin über den Bezirk unterhält, es geht vor allem um eines: Integration. In Simmering hat jeder dritte Bewohner eine ausländischen Pass oder ist im Ausland geboren worden.

"Migrationsproblem ist Tatsache"

Der Kampf um die Arbeiter ist passé. Problemfeld Nummer eins ist laut Bezirksvorsteherin Angerer das Zusammenleben im Bezirk. Ein Ort wo es solche Probleme gibt, ist für Stadler der Herderpark. Er sei ein "Konfliktpark", sagt der 53-jährige Stadler und stellt sich für ein Foto vor den Spielplatz. Hier würden fast nur mehr migrantische Kinder spielen, so der Unternehmer. "Die österreichischen Jugendlichen fühlen sich hier nicht wohl". Ganz anders sieht das die Bezirksvorsteherin. Die ehemalige Floristin präsentiert den Park als grünes Idyll "mitten im Bezirk". Aber auch für sie sind die Probleme des Zusammenlebens und mit der Migration in Simmering "eine Tatsache".

Angerer arbeitet mit der FPÖ zusammen. "Als ich Bezirksvorsteherin geworden bin, habe ich als Erstes gesagt, wir sind hier nicht dazu da, um uns Parteiideologien an den Kopf zu werfen", erklärt sie. Sie und Stadler seien "Dienstleister" für die Bewohner des Bezirkes. "Wenn ich mir Aussagen der FPÖ auf höhere Ebene anschaue, muss ich sagen, dass ich mit diesen Menschen auch nicht zusammenarbeiten würde, weil sie mir zu radikal sind", stellt sie jedoch klar.

"Du verteidigst eh nur die Ausländer"

Woran denn nun die Zugewinne der FPÖ liegen? "Die Leute kommen nicht zu mir. Sie sagen, "du verteidigst eh nur die Ausländer". Es läuft nach dem Motto: Denen (FPÖ, Anm.) kann man es sagen, euch kann man es nicht sagen. Was ja so nicht stimmt", erklärt die Bezirkspolitikerin. "Er spricht es an", sagt sie über Stadler und die Kommunikation zwischen Migranten und Österreichern. "Das ist das, womit sich die SPÖ sehr schwer tut. Das finde ich schade".

Vor allem in den Gemeindebauten gäbe es viele Konflikte. "In der Hundezone ist es zu laut, das Stiegenhaus ist verschmutzt, das Gras wird nicht geschnitten", zählt Angerer die Probleme auf, mit denen die Leute zu ihr ins Amtshaus kommen. "Wenn das unsere Hauptprobleme sind...", sie führt den Satz nicht zu Ende. "Aber es ist das, was die Menschen bewegt. Das gehört zum täglichen Leben. Wenn sich schon zwei Menschen nicht miteinander vertragen, wie soll es dann bei 85.000 funktionieren?", fragt sie.

"Früher war es der Jude, heute ist es der Türke"

Stadler weiß Anderes zu berichten: „Mich haben Leute in die Grillgasse in einen Sozialbau geholt, dort haben sie ein Lamm geschlachtet am Gang". Er scheint noch immer entsetzt über den Vorfall. "Die sind einfach rabiater und aggressiver", meint er und stellt ein wenig später klar: „Ich hab nichts gegen Migranten, ich habe selber welche angestellt, die arbeiten".

"Früher war es der Jude, jetzt ist es der Türke", erklärt die Bezirksvorsteherin den Rassismus im Bezirk. "Haben wir denn nichts gelernt aus der Geschichte?", fragt sie.

"Nicht mehr stolz auf Gemeindebauten"

Als Stadler mit seinem champagnerfarbenen Ford durch Simmering fährt, wird er ein bisschen nostalgisch. "Früher waren das alles Schrebergärten", sagt er und zeigt auf die Gemeindebauten. Er kann sich offenbar nicht für die Häuserschluchten begeistern. Für die Sozialdemokratin Angerer ist es kein Problem, dass so viele Gemeindebauten aus dem Boden gestampft wurden. "Ich habe 1967 geheiratet und dann ein Jahr im zehnten Bezirk mit meinem Mann gelebt. Ich war froh, als wir dann zurück nach Simmering in einen Gemeindebau gezogen sind. Das war für uns das Erlebnis. Es gab ein Badezimmer, einen Balkon!", erzählt sie begeistert. Heute seien die Menschen nicht mehr so stolz auf ihre Gemeindebauten. Beim Spaziergang durch Simmering präsentiert sie dann die neu renovierten Häuser. "Also ich finde, der ist besonders schön geworden", sagt die Vorsteherin und zeigt auf einen neu gestrichenen Bau.

Seit die Stadt Wien beschlossen habe, die Sozialbauten auch für Zuwanderer aufzumachen, gäbe es jedoch Probleme. "Der Knackpunkt für mich ist, dass man die Menschen im Gemeindebau damit überfordert hat", erklärt sie. Die Abschaffung des Hausmeisters hätte das ihre dazu beigetragen. Sie schlägt eine Art Mediator vor, der im Haus lebt, um den "spontanen Zorn vor Ort ein wenig abzufangen", wenn die Kinder im Innenhof mal wieder zu laut Ball spielen.

"Frust und Ärger bringen die Leute zur FPÖ"

Stadler erklärt die Zugewinne der Freiheitlichen in Simmering so: "Teilweise der Frust und teilweise der Ärger bringen die Leute zur FPÖ". Zudem bekämen die Wähler keine Gemeindewohnungen mehr, nur weil sie Parteimitglieder der SPÖ sind.

Das sieht Angerer ähnlich. "Die Menschen glauben ja, du bist ein Automat: Wenn man oben was reinschmeißt, muss gleich unten was rauskommen", sagt sie. Heute gäbe es aber transparente Listen und sie könne nicht einfach zu "Wiener Wohnen" gehen und bitten, jemanden vorzureihen. "Die Bindung war früher stärker", sagt sie. Ob die SPÖ denn noch eine Arbeiterpartei sei? "So gibt es das nicht mehr", sagt die 62-Jährige. "Für mich hat sich das auch gewandelt, sie (die SPÖ, Anm.) ist eher in den Mittelstand aufgestiegen", stellt die Bezirksvorsteherin fest. Der "typische Arbeiter" wähle nun eher die FPÖ.

Stadler wiederum sagt, dass es ihm egal ist, wer ihn wählt. "Wir sind eine Partei, die versucht, alle anzusprechen. Wir versuchen ideologische Gedanken einzubringen. Ob die auf Arbeiter oder Industrielle oder Jugendliche zugehen, ist wurscht", meint er.

"Die Sensation in Simmering könnte sich anbahnen"

Stadler würde gerne Bezirksvorsteher werden. "Die Sensation könnte sich in Simmering anbahnen. Man muss sich das ja auf der Zunge zergehen lassen, im rotesten Bezirk Österreichs wird es vielleicht bald einen freiheitlichen Vorsteher geben", sagt er und grinst. Für weniger wahrscheinlich hält er, dass sein Parteichef Heinz-Christian Strache Bürgermeister von Wien wird. Das ginge sich "rein rechnerisch" schwer aus. "Für meinen Geschmack ist die Zunge manchmal schneller als das Hirn", kommentiert er Straches Politik.

"Bei dieser Wahl glaub ich es noch nicht - gefühlsmäßig", antwortet Angerer auf die Frage, ob Stadler Bezirksvorsteher wird. "Auf die Dauer gesehen, wenn sich nicht etwas ändert, wird es die Zukunft sein", glaubt sie. "Ein tiefroter Bezirk ist der erste, der auch tiefbraun wird". (Lisa Aigner und Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 12. August 2009)

  • Der Spielplatz beim "Konfliktpark" Herderpark. "Die Österreicher fühlen sich nicht mehr wohl", sagt FPÖ-Bezirkspolitiker Stadler.
    foto:derstandard.at/winkler-hermaden

    Der Spielplatz beim "Konfliktpark" Herderpark. "Die Österreicher fühlen sich nicht mehr wohl", sagt FPÖ-Bezirkspolitiker Stadler.

  • Derselbe Park - ein anderes Bild. SPÖ-Bezirksvorsteherin Angerer präsentiert den Herderpark als grünes Idyll "mitten im Bezirk".
    foto:derstandard.at/winkler-hermaden

    Derselbe Park - ein anderes Bild. SPÖ-Bezirksvorsteherin Angerer präsentiert den Herderpark als grünes Idyll "mitten im Bezirk".

  • Bei der Bademeisterin im neu-renovierten Familenbad ist die Bezirksvorsteherin beliebt. "Du verteidigst eh nur die Ausländer", sagen andere zu ihr.
    foto:derstandard.at/winkler-hermaden

    Bei der Bademeisterin im neu-renovierten Familenbad ist die Bezirksvorsteherin beliebt. "Du verteidigst eh nur die Ausländer", sagen andere zu ihr.

  • Vor allem im Gemeindebau gibt es viele Probleme zwischen Österreichern und Migranten - da sind sich die beiden Bezirkspolitiker einig.
    foto: derstandard.at/winkler-hermaden

    Vor allem im Gemeindebau gibt es viele Probleme zwischen Österreichern und Migranten - da sind sich die beiden Bezirkspolitiker einig.

  • Stadler im Amtshaus am Enkplatz. Wenn Österreicher Probleme mit Migranten hätten, gingen sie meist zu ihm, sagt die Bezirksvorsteherin.
    foto:derstandard.at/winkler-hermaden

    Stadler im Amtshaus am Enkplatz. Wenn Österreicher Probleme mit Migranten hätten, gingen sie meist zu ihm, sagt die Bezirksvorsteherin.

  • "Little Istanbul" nennen die Simmeringer den Teil auf der Simmeringer Hauptstrasse, auf dem viele Geschäfte von Zuwanderern zu finden sind.
    foto:derstandard.at/winkler-hermaden

    "Little Istanbul" nennen die Simmeringer den Teil auf der Simmeringer Hauptstrasse, auf dem viele Geschäfte von Zuwanderern zu finden sind.

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