Wenn das V das Leben schützen soll

6. August 2009, 19:16
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20 Stunden müssen sich Polizisten fortbilden, vier Stunden auf dem Schießstand

Der Mann mit der Axt rast fast aus dem Nichts auf die Beamten zu, die sich durch den schmalen dunklen Gang bewegen. Der rechte Polizist kann seinem Kollegen noch eine kurze Warnung zurufen, ehe der die Waffe herumreist und feuert. Der Einsatz ist erfolgreich, der Angreifer gestoppt - durch Farbkleckse auf seiner Dummy-Brust.

Tief unter der Erde in einem Amtsgebäude in Wien-Landstraße absolviert die Wiener Exekutive ihr Einsatztraining. Eine Ausbildung, die die Polizei in ganz Österreich machen muss. Hatte sich doch herausgestellt, dass das Training der Polizei unzulänglich bis nicht vorhanden war - keine nachvollziehbaren Trainingspläne, schlechte Überprüfbarkeit.

Das hat sich seit den Jahren 2003 bis 2005 geändert. Vom Innenministerium werden Trainingsinhalte vorgegeben, die konkreten Programme erarbeiten die Einsatztrainer in den einzelnen Bundesländern. Bei einer Pressevorführung im Wiener Ausbildungslager ist beispielsweise auch die Kontrolle einer Person in einer Wohnung dabei.

"Was is'? Was woits es", fragt der Mann in seinem unaufgeräumten Wohnzimmer. Das natürlich nur Kulisse ist, in die die beiden Exekutivbeamten gerade hineingekommen sind. Der Annahme: Die Streife muss bereits zum dritten Mal bei dem Wohnungsbesitzer vorbeikommen, da er sein Radio zu laut aufgedreht hat. Er öffnet die Tür, die Polizisten erklären ihm, dass nun eine Anzeige folgt. Scheinbar apathisch nimmt der Verdächtige das hin - ehe er von einem Regal ein Messer greift und vor den Beamten herumzufuchteln und zu schreien beginnt.

Wie aus dem Lehrbuch reagieren die Beamten: Zurufe, das Messer fallenzulassen, Androhung von Zwangsgewalt, dann der Einsatz des Pfeffersprays und die Fixierung.

Ein wesentlicher Punkt in der Analyse der Übung ist dann die Frage der Eigensicherung. "Die hat absolute Priorität", betont Bundeseinsatztrainer Martin Hollunder.Bei den aktuellen Vorfällen in Krems wird sich weisen müssen, ob diese Eigensicherung tatsächlich vorschriftsgemäß erfolgt ist. Denn einen dunklen Raum nach einem Alarm zu durchsuchen ist eine heikle Aufgabe. Die beiden Beamten müssen sich dabei ständig in einem bestimmten Winkel zueinander bewegen. "In einem großen Supermarkt mit vielen Regalreihen kommen dann auch andere Dinge dazu: etwa um die Ecken größere Bögen zu machen, um nicht von einem Verdächtigen überrascht zu werden, der im Gang steht", erläutert Hollunder.

Sind Verdächtige gestellt, müssen die beiden Beamten und der oder die Verdächtigen sich dem Lehrbuch gemäß in bestimmten Positionen im Raum befinden, beispielsweise eine V- oder einer L-Formation. Über die Abläufe im aktuellen Fall kann und will Hollunder nichts sagen, lediglich im Punkt, dass beide Beamten zusammen durch den Supermarkt gingen, sieht er in jedem Fall ein ausbildungsgemäßes, gemeinsames Vorgehen.

20 Stunden pro Jahr müssen die Polizisten verpflichtend die Schulbank anwärmen oder auf dem Schießplatz stehen. Denn vier Stunden des Trainings sind für Schießtraining reserviert, 300 Schüsse müssen dabei mit der Dienstwaffe, einer Glock-Pistole, abgegeben werden.

Ob diese vier Stunden tatsächlich ausreichend sind, darüber wird nun wohl ebenso wie über die Dauer des Trainings diskutiert werden. Die Personalknappheit der Exekutive wird dabei eine Rolle spielen - denn für die normalen Einsätze fallen die Übenden natürlich aus. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 07.08.2009)

 

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