Isoliert im Zentrum der Lungenpest

6. August 2009, 19:20
posten

Chinas Behörden vermuten, dass die gefährliche Krankheit in der Stadt Ziketan von einem Hund übertragen wurde. Ziketan ist mittlerweile komplett abgeriegelt, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Chinesischen Journalisten bot sich ein Anblick wie in einem Science-Fiction-Film. Als zwei Reporter der Medizinzeitung "Jiankangbao" Mitte der Woche vor der letzten Mautstelle auf der Staatsstraße ankamen, von der es durch einen Tunnel noch 28 Kilometer bis zur Seuchenstadt Ziketan sind, lagen mit Desinfektionsmittel getränkte Bastmatten aus. Die Journalisten mussten mit ihrem Fahrzeug, das zugleich abgespritzt wurde, darüberrollen. Weiß vermummte Seuchenkontrolleure inspizierten ihre Passierscheine.

Chinas Gesundheitsbehörden gehen mit hermetischen Kontrollen und weiträumigen Straßensperren um die Stadt, die seit vergangener Woche wegen des Ausbruchs der Lungenpest weltweit traurige Bekanntheit erlangt hat, kein Risiko ein. Sie haben ein Gebiet von 3500 Quadratkilometern unter Quarantäne gestellt.


Größere Kartenansicht

17 feste und sechs mobile Straßensperren und mehr als 140 Seuchenmediziner lassen niemand, der nicht berechtigt ist, hinein oder heraus. In den Steppen um die Stadt wird Gift gegen Murmeltiere, Ratten und Flöhe versprüht, die als Überträger der Bakterien gelten. Laut der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua vermuten die Behörden, dass ein Hund der Überträger der Seuche auf Menschen gewesen sein könnte. Der Hund eines 32-jährigen Hirten soll ein infiziertes Murmeltier gefressen und danach verendet sein. Der Mann soll das Tier ohne weitere Vorsichtsmaßnahmen begraben haben - drei Tage später starb er selbst. Zuvor hatte er noch die mit ihm lebende Gemeinschaft infiziert. Die Behörden lösten Seuchenalarm aus.

Immer wieder Pestfälle

Die Menschen in Ziketan leben plötzlich im Zentrum einer Seuche, vor der die Welt noch mittelalterliche Ängste hegt, obwohl sie längst behandelbar ist. Pestfälle kommen in Steppen der Nordwestregion immer wieder vor. Die gefährliche Lungenpest ist aber so selten, dass sich die Einwohner Ziketans anfangs nicht aus den Häusern trauten.

Mehr als 40 Jahre lebe er hier, ohne einen Fall miterlebt zu haben, sagt einer. "Anfangs reagierte ich mit panischer Angst." Inzwischen, wo sich die Fälle auf 12 Erkrankte beschränken und sich die eingedämmte Infektion nicht ausbreiten kann, hätten sich die meisten Einwohner beruhigt. Sie warteten darauf, dass sich ihr Leben normalisiere. Ein Apotheker und ein Händler im Stadtzentrum berichten, dass sich aber viele seit dem ersten Todesfall nur mit Mundschutz auf die Straße trauen. Die Preise für Gemüse hätten sich verdreifacht.

Ziketan liegt 260 Kilometer südwestlich von der Haupstadt Xining in der Provinz Qinghai. Mit 10.000 Einwohnern ist es Zentrum für ein 12.000 Quadratkilometer weites Viehzuchtgebiet. Entlang zweier Hauptstraßen, die sich kreuzen, liegen Amtsstuben und dutzende Geschäfte, in denen die 67.000 Hirten des Gebietes, die als Nomaden mit ihren Herden umherziehen, einkaufen können. Sie lassen sich auch im tibetischen Hospital des Städtchens behandeln.

Sofortige hermetische Abriegelung hat sich früher schon als Chinas bestes Mittel gegen die Ausbreitung hochansteckender Krankheiten erwiesen.

Die Bakterien verbreiten sich beim Menschen über feinste Tröpfchen, etwa durch Husten, und können nach ein bis vier Tagen Inkubationszeit die Krankheit auslösen. Erste Symptome sind Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und Schwindel, bevor die Pest zu Atemnot und blutigem Auswurf führt.

Frühzeitige Behandlung mit Antibiotika senkt die Sterblichkeit auf unter 15 Prozent. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua kam es seit 1949 in Qinghai zu vier Ausbrüchen der Lungenpest,darunter 2001 und im Oktober 2004, als acht Menschen daran starben. Die Ansteckungen erfolgten durch direkten Kontakt mit Bakterien, etwa beim Fellabziehen eines infizierten Fuchses oder dem Verzehr infizierter Murmeltiere.

Alle früheren Fälle verliefen dank Quarantäne und Früherkennung weitgehend glimpflich. 1911 kamen bei einem schweren Ausbruch der Pest in Nordostchinas Provinz Heilongjiang 60.000 Menschen ums Leben und 1921 noch 9100, berichtete "China Daily". Erst vor wenigen Jahren, vor allem seit Pekings Regierung Lehren aus ihrem Umgang mit der Lungenepidemie SARS zog, begannen die Gesundheitsbehörden, alle Seuchenfälle der WHO zu melden. Früher nannte Peking Pestfälle verheimlichend "Krankheit Nummer 1" und die Cholera "Nummer 2". (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2009)

Share if you care.