Archaisch intellektuell

6. August 2009, 19:11
3 Postings

Auftakt zum "Kontinent Varèse" in der Salzburger Felsenreitschule

Salzburg - In den Kulthöhlen der Frühzeit, in den Hainen der Bacchantinnen, auf dem Schlachtfeld und beim Tanz: Getrommelt wurde immer schon. Aber das erste ausschließlich für Schlaginstrumente komponierte Musikstück wurde erst 1933 uraufgeführt: Ionisation von Edgard Varèse ist seither zum Kultstück geworden - auch wenn es der Salzburger Festspiele und eines Konzertchefs Markus Hinterhäuser bedarf, dass man es wieder einmal zu hören bekommt.

Die den Monumentalraum Felsenreitschule elektrisch aufladende Ionisation für dreizehn Schlagzeuger eröffnete am Mittwoch das erste Konzert der Reihe "Kontinent Varèse". Martin Grubinger und The Percussive Planet Ensemble unter der Leitung von Martin Grubinger Senior spielten vor dicht besetzten Reihen.

Iannis Xenakis' Persephassa für sechs Schlagzeuger aus dem Jahr 1969: Martin Grubinger und Mitglieder seines fulminanten Ensembles verteilten sich rund um den Saal. Auf "Schlagzeug-Bastionen", von denen aus das Publikum bestrichen wurde: mit auf- und abschwellenden, sich überlagernden Rhythmen und Klangwirbeln. Ur-Musik, die nicht nur zu hören, sondern geradezu körperlich zu spüren war. Ähnlich aufregend die Wiedergabe von Xenakis' Pléiades (1978), ebenfalls für sechs Schlagzeuger: Hier werden die Klangwirkungen von Holz-, Fell- und Metall-Schlaginstrumenten in feinsten rhythmischen Verschiebungen durchgespielt.

Das waren die bejubelten Höhepunkte des Abends, auch wenn für den Mittelteil die Basel Sinfonietta in Regimentsstärke aufgeboten worden war, um orkanartig aufbrandende Klangwogen zu beschwören: Iannis Xenakis' Orchesterstücke Metastaseis und Jonchais bestechen bei aller Opulenz durch ihre feinziselierten rhythmischen Strukturen.

Dagegen wälzten sich in Giacomo Manzonis Masse - Omaggio a Edgard Varèse für Klavier und Orchester aus 1977 die Klangmassen wie süßer Brei. Am Klavier: Nicolas Hodges, der wenig Chance hatte, seine technische und klangliche Brillanz hören zu lassen. (Heidemarie Klabacher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.8.2009)

 

Share if you care.