Empörung unter ungarischen Roma wächst

6. August 2009, 19:03
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14-jähriges Mädchen wichtigste Zeugin bei Mordserie - Kritik am Staatschef

Wien/Budapest - Nach einer Serie von Morden an ungarischen Roma präsentierte die Polizei zwar einige erste kriminaltechnische Erkenntnisse, nach wie vor fehlt von den Tätern aber jede Spur. Fest steht: Die Behörden rechnen mit einer Fortsetzung der in Europa beispiellosen Anschlagsserie, die mit Feuerwaffen, Handgranaten und Molotow-Cocktails verübt wurde.

"Die Täter werden so lange weitermorden, bis wir sie gestellt haben", sagte der ungarische Polizeichef József Bencze am Mittwoch in Budapest. Die jüngste Tat, die Ermordung einer 45-jährigen Romni in ihrem Haus im ostungarischen Kisléta, wurde nach Erkenntnissen der Ermittler mit derselben Schrotflinte begangen wie zwei vorhergehende Anschläge. Bisher fielen den Angriffen, die im Sommer 2008 begannen, insgesamt acht Menschen zum Opfer.

Die ungarische Polizei geht inzwischen offenbar definitiv von mehreren Tätern aus: Die Rede ist von bis zu fünf Personen. Die Hoffnungen der Polizei ruhen derzeit auf jenem 14-jährigen Romni-Mädchen, das den Anschlag in Kisléta schwerverletzt überlebt hat. Eingeschaltet wurde auch das FBI. Ermittler aus den USA sollen in Budapest bei der Erstellung von Täterprofilen geholfen haben.

Dennoch wächst unterdessen die Empörung und Wut unter den romastämmigen Politikern und Vertretern in Ungarn. Die ungarischen Behörden haben dem versucht entgegenzuwirken und am Mittwoch erstmals ausgewählte Roma-Vertreter über den Stand der Ermittlungen informiert. Ernüchterung löst daher auch weniger die Arbeit der Polizei, als mangelnde Reaktion innerhalb der weißen Mehrheitsgesellschaft aus.

Die Reaktionen innerhalb der Zivilgesellschaft "waren bisher jedenfalls zu wenig", sagt Lászlo Teleki, der Regierungsbeauftrage für Roma-Fragen, dem Standard. Nach seinem Wissensstand hat bisher keine einzige Solidaritätskundgebung stattgefunden.

Teleki kritisiert aber vor allem, dass der ungarische Staatschef László Solyom bisher nur ungenügend auf die Morde reagiert habe: "Es wäre die Verpflichtung des ungarischen Präsidenten, vor das Volk zu treten und klar Stellung zu beziehen." Der Präsident habe klar Stellung bezogen, heißt es hingegen umgehend aus dem Büro Solyoms. Er habe in zahlreichen Zeitungsinterviews sowohl im In- als auch im Ausland seinen Abscheu über die Verbrechen klar zum Ausdruck gebracht.

In eine andere Richtung geht dann auch die Kritik von Orbán Kolompár, dem Vorsitzenden der landesweiten Roma-Selbstverwaltung in Ungarn. Die romafeindlichen Parolen in den Medien und die Kriminalisierung der Roma durch extremistische Gruppen hätten das Gesellschaftsklima vergiftet. Da seien die mangelnden Reaktionen wenig verwunderlich, sagt Kolompár. (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2009)


  • Der ungarische Roma-Politiker Orbán Kolompár mit der Mutter des letzten Todesopfers der Mordserie.
    foto: epa

    Der ungarische Roma-Politiker Orbán Kolompár mit der Mutter des letzten Todesopfers der Mordserie.

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