Ablasszahlungen in einer sündigen Welt

6. August 2009, 18:46
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Der Großmeister der belgischen Kunstszene, Jan Fabre, zeigt im Akademietheater eine "Orgy of Tolerance" - und mit dieser, dass er sich in einer künstlerischen Krise befindet

Wien - Jan Fabre ist ein Bilderschleuderer, ein Regie-Haudegen und nebenbei auch ein bisschen Choreograf. Mit seinem neuen Stück Orgy of Tolerance, das am Freitag, 7.8.,  noch einmal bei Impulstanz im Akademietheater zu sehen ist, hat er dem Publikum ein besonders krass gemeintes Statement vorgelegt.

Diese Orgie ist ein Frontalangriff auf die Bilderwelt, aus der eine Gesellschaft von "Dokumentar-Junkies", wie der kanadische Choreograf Benoît Lachambre in Délire Défait (1999) die Medienkonsumenten nannte, ihre Informationen holt. Eine Flut von Sensationsbildern, die zu Klischees verklumpen und sich so lange vermischen, bis sie zu einem spektakulären Infotainment-Brei verkommen.

Die von Fabre nun auch diagnostizierte Pornografisierung der Gesellschaft bietet ihm viel Material für kritisch sein sollendes Bühnen-Rambazamba. Figuren, die wie Kämpfer aus der französischen Résistance oder Terroristen der Eta aussehen, spielen dekadente Kapitalisten, die als Couch Potatoes die Welt ausschließlich als Wichsvorlage begreifen. Ein Tänzer führt sich ein Schießgewehr in den After ein, ein anderer hängt sein bestes Stück in die rotierenden Speichen eines Fahrrads, Dildos werden als Nasen angeschnallt. Es wird gepeitscht, geschnupft, Popo rasiert und anderswie gesündigt.

Bigottes Spiel

All die Gier, der Geifer und die geile Modewelt, die täglich im TV affirmativ oder kritisch beleuchtet werden, poltern über Fabres Bühne. Sogar ein tumber Jesus deliriert im Vorder- oder Hintergrund, ein Fashion Victim, ein Loser, und zum Schluss gibt es einen Rundumschlag mit "Fuck you ...". Angesprochen sind alle inklusive Jan Fabre. Durch die eigene "Toleranz", sich selbst von den Darstellern im Stück beschimpfen zu lassen, gibt Fabre vor, auch seinen Ablass gezahlt zu haben. Ein bigottes Spiel des von sich selbst in den Himmel gehobenen Regisseurs.

Das Publikum reagiert mehrheitlich begeistert auf den Unterhaltungswert dieser theaterhaften Karikatur der verdammnisschwangeren Gemälde Pieter Brueghels des Älteren. Verständlich, denn das Eintrittsgeld wirkt wie eine Ablasszahlung. Man freut sich über die eigene Toleranz gegenüber der dargebotenen Orgie, die eigenen Sünden scheinen abgebüßt.

Fabre scheitert künstlerisch an der Resistenz des spektakelgewohnten Blicks. Sein Stück kommt aus einer Zeit, in der Die Macht der theaterlichen Torheiten, wie sie Fabre 1985 formulierte, noch richtig kathartisch wirken mochte. Heute aber gehört die spektakuläre Läuterung bereits zur Produktpalette der Unterhaltungsindustrie. Das hat Fabre übersehen, so wie er als Kunstgroßverdiener viel zu spät realisiert, dass es einen richtig schlimmen Kapitalismus gibt.

Damit vermittelt er auch, dass seine Mittel heute ungeeignet dafür sind, auf die mediale und gesellschaftspolitische Wirklichkeit adäquat zu reagieren. Anders als etwa Maguy Marin, die Fabres Generation angehört, vermag er sein Publikum trotz gewaltiger Materialschlacht nur noch zu unterhalten. Marins Umwelt und Description d'un combat dagegen, die beide auch bei Impulstanz zu sehen waren, leisten wirklich, was Fabre verfehlt: richtige Irritationen.

In der großformatigen belgischen Choreografie befindet Jan Fabre sich nicht allein in einer künstlerischen Krise. Auch Wim Vandekeybus und Alain Platel, die auch so gerne Zeitkritik üben würden, bedienen sich immer ungeschickter der Mittel des Spektakulären und verstärken so den Konsumismus und den Konservativismus in der Kunst. Das ist traurig. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.8.2009)

 

  • Jan Fabre übt Kritik am Konsumrausch - und lässt in "Orgy of Tolerance" die Einkaufswagen Walzer tanzen.
 
 
    foto: jp stoop



    Jan Fabre übt Kritik am Konsumrausch - und lässt in "Orgy of Tolerance" die Einkaufswagen Walzer tanzen.

     

     

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