"Besetzen wir gemeinsam den Flughafen"

6. August 2009, 17:14
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Wiens Grünen-Chefin Maria Vassilakou debattierte mit Richard Lugner - Trotz großer Differenzen stellten beide ein paar Gemeinsamkeiten fest

STANDARD: Frau Vassilakou, Sie belegten bei der letzten Umfrage zur Vertrauenswürdigkeit von Wien-Politikern den bescheidenen 17. Platz - was auch auf fehlende Bekanntheit zurückzuführen ist. Richard Lugner kennt in Wien jedes Kind. Neidisch?

Vassilakou: Nein, neidisch bin ich nicht. Denn Herr Lugner hat ja auch einiges dazu getan, um diesen Bekanntheitsgrad zu erreichen. Mir ist allerdings bewusst, dass der überwiegende Anteil der Mittel und Wege, die ihm zur Verfügung stehen, nicht unbedingt geeignet sind für jemanden, der in der Politik tätig ist.

STANDARD: Herr Lugner, haben Sie ein paar Tipps zur Steigerung des Bekanntheitsgrades, auf die auch Politiker zurückgreifen können?

Lugner:Politiker haben sehr viele Chancen, bekannt zu werden. Aber ich glaube, denen fehlt in mancher Hinsicht die Bürgernähe. Da geht es immer nur darum, Aussagen zu machen, mit denen man glaubt, Stimmen zu gewinnen. Das geht den normalen Bürgern eigentlich auf die Nerven. Als Bundespräsidentschaftskandidat hatte ich trotzdem mehr Presseecho wie als Privatmann.

STANDARD: Warum können Politiker ihre mediale Dauer-Präsenz nicht zur Vertrauensgewinnung nutzen?

Vassilakou: Das Bild aus Dauerstreit und Stillstand, das die große Koalition vermittelt, führt zu sehr viel Politikverdrossenheit. Das Vernachlässigen von zentralen Fragen treibt viele Menschen immer weiter weg von der Politik.

STANDARD: Allerdings nicht unbedingt in die Arme der Grünen.

Vassilakou: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Opposition und Regierung. Rolle der Opposition ist einerseits, auf Missstände hinzuweisen, bis zu einem gewissen Grad den Konflikt auch zu suchen. Zugleich aber auch Lösungen aufzuzeigen. Hier sehe ich auch die größte Herausforderung für die Grünen in den nächsten Jahren. Die Wende unserer Wirtschaft hin zu ökologischen Projekten - womit ich bei Ihnen bin, Herr Lugner. Sie müssten ja eigentlich Grün wählen.

Lugner: Schon beim ersten Grünen, der aufgetaucht ist, beim Kaspanaze Simma, wollte man mich als Betonierer gegen die Grünen im ORF diskutieren lassen. Dabei bin ich einer, der Bäume sehr liebt. Aber ich kann mich mit Ihren Ansichten nicht in jeder Hinsicht identifizieren.

STANDARD: Wo können Sie zum Beispiel nicht mit?

Lugner: Die Grünen hatten einen Professor Van der Bellen und einen Johannes Voggenhuber, beide waren sehr beliebt. Vor der EU-Wahl wurden sie gestanzt und durch Frauen ersetzt. Da stellt sich die Frage, ob der Wähler goutiert, dass es bei den Grünen ein reines Frauenregime gibt.

Vassilakou: Seit Kaspanaze Simma ist jede Menge Wasser die Donau hinuntergeflossen. Sie als Baumeister müssten heute ein glühender Anhänger der Grünen sein. Denn wenn wir von der Ökologisierung der Wirtschaft sprechen, sprechen wir natürlich auch von sehr groß angelegten Sanierungsprogrammen - und hier insbesondere der Wärmedämmung. Zum Vorwurf der Weiberwirtschaft möchte ich sagen: Es kommt immer wieder der Zeitpunkt, an dem sehr beliebte Menschen in der Politik aufhören. Van der Bellen ist aus eigenen Stücken gegangen.

Lugner: Im Gegensatz zu Johannes Voggenhuber.

STANDARD: Dabei hat der Umstand, dass Voggenhuber ein Mann ist, aus Ihrer Sicht eine Rolle gespielt?

Lugner: Frau sein kann kein Qualifikationsmerkmal sein. Es geht um die Leistung. Momentan ist es so, dass bei gleicher Kompetenz offenbar die Frau bevorzugt werden muss.

Vassilakou: Für mich ist sehr wohl ein Kriterium, kompetente Frauen zu fördern. Wenn endlich nach langer, langer Zeit einmal wieder Frauen in Spitzenpositionen sind, dann bin ich der Meinung, dass man ihnen eine faire Chance geben muss.

Lugner: Mich stört auch, dass die Grünen immer sagen, Frauen verdienen so wenig. Oft arbeiten sie aber auch weniger.

Vassilakou: Weil die Rahmenbedingungen in vielen Branchen fehlen. Frauen, die gern viel früher in den Beruf zurückkehren würden, werden mehr oder weniger genötigt, über längere Zeiträume auszusteigen, weil es an Kinderbetreuungsplätzen fehlt.

Lugner: Das Kind einer Bekannten von mir geht schon mit eineinhalb Jahren in den Kindergarten. Schön, wenn man sich um alle Bürger und Wähler kümmert, aber es müssen auch die Unternehmer in irgendeiner Weise weiterexistieren können. Mir sind drei Hausverwalterinnen nacheinander schwanger geworden, und die immer wieder einzustellen, gelingt halt nicht.

Vassilakou: Wenn deren Männer stattdessen in Karenz gehen würden, wäre Ihnen auch geholfen.

Lugner: Ich glaube schon, dass die Frauen mehr prädestiniert dafür sind, sich um die Kinder zu kümmern. Und die Männer jetzt mit Gewalt zur Kinderpflege zu verpflichten...

STANDARD: Väter-Karenz wird in Ihrem Betrieb also nicht aktiv unterstützt?

Lugner: Wir leben in Zeiten der Globalisierung. Da stellt sich die Frage: Wie bleiben wir konkurrenzfähig? Wenn ich mich auf die Mitarbeiter auch nicht mehr verlassen kann, und die jetzt auch noch Kinderbetreuung machen, wird's schwierig.

Vassilakou: Ihre Ausführungen beschreiben sehr treffend ein Problem, für das es eine Lösung gibt. Schweden praktiziert das seit Jahrzehnten. Dort ist ausreichend Kinderbetreuung vorhanden. Schweden hat eine vorbildliche Geburtenrate.

Lugner: Das heißt, wenn Sie in einer Regierung sind, werden Sie die Kinderbetreuung auf bessere Füße stellen, und die Österreicher produzieren so viele Kinder, dass keine Zuwanderung mehr nötig ist?

Vassilakou: Ohne Zuwanderung wird es auch dann nicht gehen. Die Grünen sprechen sich aber für das kanadische Integrationsmodell aus. Dort werden Menschen mit bestimmten Qualifikationen ins Land geholt, während der ersten Jahre gibt es eine intensive Begleitung. Man lässt die Leute nicht allein.

STANDARD: Die Lugner City ist ein Multikulti-Mikrokosmos mit relativ wenig Konfliktpotenzial. Sind Sie darauf stolz?

Lugner:Ich bin schon der Ansicht, dass die Leute unsere Mentalität annehmen sollen. Meine beiden Großväter sind aus Böhmen eingewandert, eine Stadt wie Wien braucht die Zuwanderung.

STANDARD: Ohne Migration wäre Ihr Einkaufszentrum ja auch leer.

Lugner: Na ja, dann würden halt andere Leute kommen, so sehe ich das nicht. Der 15. und der 16. sind die kaufkraftschwächsten Bezirke von Wien. Gleichzeitig haben diese zwei Bezirke aber auch die höchste Einkommenssteigerung - weil um die Lugner City sehr viel hochwertiger Wohnraum entstanden ist.

STANDARD: Frau Vassilakou, Sie haben sich für die Zeit, in der Sie Eva Glawischnig als Bundeschefin vertreten, die programmatische Neuorientierung der Grünen vorgenommen. Wie geht's damit voran?

Vassilakou: Wir sind eifrig am Arbeiten. Es beteiligen sich daran Grüne aus ganz Österreich, die ersten Positionen wird's Anfang September geben.

STANDARD: Ein erklärtes Ziel ist, sich mehr zu öffnen. Heißt das, dass man künftig auch die Kids, die ihre Freizeit in der Lugner City verbringen, ansprechen will?

Vassilakou:Es gehört in der Tat zu meinen erklärten Zielen, bei der Wien-Wahl neue Bevölkerungsgruppen anzusprechen. Nämlich jene Gruppe der Wiener Bevölkerung, die derzeit mit massiven finanziellen Schwierigkeiten kämpft. Jetzt braucht es Arbeitsplätze und Lehrstellen und ein Konjunkturpaket, das den Namen verdient.

Lugner: Da stellt sich die Frage, wo wir das Geld hernehmen.

Vassilakou:Das Geld ist da - wenn man es nicht verzockt und in Parteibuchwirtschaft verpulvert. Wenn SPÖ und ÖVP nicht Desaster produzieren wie beim Skylink.

Lugner: Da gehört doch was getan!Da kann man als Opposition nicht einfach zuschauen und sagen: "Das ist alles ein Blödsinn. Wir würden mit dem Steuergeld das und das und das tun."

Vassilakou:Wir schöpfen unsere Möglichkeiten weitestgehend aus. Aber die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, sind begrenzt. Ich kann leider nicht Herrn Häupl und Herrn Pröll an der Hand nehmen und sie dazu zwingen, dass sie zu ihrer Verantwortung stehen.

Lugner: Gerade beim Skylink müssten Sie trotzdem viel aktiver sein.

Vassilakou: Was schlagen Sie vor? Besetzen wir gemeinsam den Flughafen!

Lugner: Da gibt es doch noch andere Möglichkeiten.

Vassilakou: Die schöpfen wir auch aus. Der Sondergemeinderat zum Skylink wird bitter für SPÖ und ÖVP.

(Moderation: Martina Stemmer, DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2009)

 

ZU DEN PERSONEN

Maria Vassilakou, 1969 in Athen geboren, startete ihre politische Laufbahn bei der Österreichischen Hochschülerschaft. Seit 2004 ist sie Klubobfrau der Wiener Grünen, während Eva Glawischnigs Babypause steht Vassilakou als stellvertretende Bundessprecherin auch an der Spitze der Bundespartei.

Richard Lugner, 1932 in Wien geboren, ist als umtriebiger Baumeister seit Jahrzehnten Teil der Wiener Promi-Gesellschaft. 1990 eröffnete er sein Einkaufszentrum in Rudolfsheim-Fünfhaus, 1997 kandidierte er für das Bundespräsidenten-Amt. Lugners Baufirma leiten seit zwölf Jahren seine beiden Söhne.

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"Da gehört doch was getan!": Society-Mann Richard Lugner im Gespräch mit Grün-Politikerin Maria Vassilakou.
    foto:standard/urban

     

    "Da gehört doch was getan!": Society-Mann Richard Lugner im Gespräch mit Grün-Politikerin Maria Vassilakou.

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