Kein Hirtenspiel, keine Nackttänzerinnen

6. August 2009, 18:21
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Was Quantenphysik mit Gerichtssaal-TV zu tun hat, erklärt Peter Resetarits zum 100. "Schauplatz Gericht" - Er hätte Ideen für andere "Schauplatz"-Ableger, wenn Geld da wäre

STANDARD: Alle machen Dokusoaps. Nichts für Sie?

Restarits: Wir haben im 97er-Jahr überlegt, wie wir Schauplatz Gericht gestalten könnten. Die Option Dokusoap gab es noch nicht. Was es gab, waren hirtenspielartige Szenen mit billigen Laiendarstellern und Fällen, in denen in jeder dritten Folge Nackttänzerinnen vorkamen. Das interessierte uns nicht so sehr. 

STANDARD: Inzwischen liebäugeln auch Öffentlich-rechtliche mit dem Genre Dokusoap: Sie wären dann die Supernanny für Knackis?

Resetarits: Bei den wirklich guten Dokusoaps habe trotzdem ich den Eindruck, dass mehr inszeniert ist als zugegeben wird. Natürlich geben auch wir kleine inszenatorische Hinweise. Für mich sind die Filetstücke immer noch die Dinge, wo alle rundherum für zwei Minuten vergessen, dass sie gefilmt werden und wir den Eindruck haben, dass wir Authentizität und echtes Leben eingefangen haben. 

STANDARD: Welchen Einfluss hat das Fernsehen auf den Verlauf eines Rechtstreits?

Resetarits: Wie bei Quantenphysik verändern sich die Quanten bei der Beobachtung. Wenn der kleine Mann und der übermächtige Gegner sich vor Gericht gegenüber stehen, verändert das Auftauchen der Kamera die Realität. Plötzlich überlegt die Versicherung, ob das wirklich die Nummer ist, mit der sie im Fernsehen berühmt werden will. Dann gibt es eine überraschende Einigung. Diese Zufälligkeiten sind auffällig.

STANDARD:  Nach der 100. Sendung „Schauplatz Gericht": Fernsehgerechte Rechtsstreitigkeiten lassen nicht nach?

Resetarits: Wir bekommen fünfzig bis hundert Anfragen pro Woche, die meisten betreffen den Bürgeranwalt. Das Verhältnis der für uns interessanten Fälle würde ich mit 1:3 schätzen. Wir beobachten zur Zeit 30 bis 40 Fälle, zum Teil schon seit fünf Jahren und gehen immer wieder zu Verhandlungen, nehmen Gutachtertermine wahr, stellen Kassetten nebeneinander in ein großes Regal. Daraus ersehen wir, was herangereift ist, und so ergeben sich die die Themen. 

STANDARD: Der Fall, der Ihnen am besten in Erinnerung ist?

Resetarits: Das ist die Nicaragua-Geschichte. Es begann mit einem Brief, dessen erster Satz lautete: "Ich bin gerade aus der Nervenheilanstalt entlassen worden." Eine Frau schrieb, dass ihr Mann in Nicaragua in einer ehemaligen Präsidentenvilla gefangen gehalten wird. Ein Sachwalter überweise aus einer früheren Sache monatlich 50.000 Schilling. Der Gatte würde wie eine goldene Gans bewacht. Sie habe versucht, ihn zurückzuholen. Es gab Schießereien im nicaraguanischen Dschungel. Ich bin nach Nicaragua gefahren und habe den Mann getroffen, bewacht von einem ehemaligen Rauchfangkehrer aus Bad Ischl, der sich die 50.000 Schilling sichern wollte und ein paar Pistolero-Typen. 

STANDARD: Was wurde daraus?

Resetarits: Was ich an diesen echten Fällen so liebe, sind die Wendungen, die keinem Drehbuchautor einfallen: Kurz nach unserem Besuch erkrankte der Rauchfangkehrer an Krebs, kehrte nach Österreich zurück und verstarb. Die Ehefrau holte den Mann nach Österreich. Sie will seither nicht mehr mit uns reden. Meine Recherchen gestern ergaben: Sie leben offenbar glücklich und zufrieden irgendwo in Oberösterreich.

STANDARD:  Der Fall, der Ihnen am nächsten ging?

Resetarits: Ein junger Bub ging in Floridsdorf bei Grün über den Zebrastreifen und wurde von einem Bus der Wiener Linien am Zebrastreifen zusammengeführt. Der Bus blieb am Bauch des Buben stehen. Das Kind hatte schrecklichste innere Verletzungen, konnte gerettet werden, hat bis jetzt schwere Probleme. Als wir einstiegen, ging es um den Schadenersatz. Ein Anwalt der Wiener Linien sagte sinngemäß, der größte Entschädigungsposten sei der Verdienstentgang und der Bursch, der die Sonderschule besuchte, werde bei der Angespanntheit des Arbeitsmarktes sowieso arbeitslos bleiben: Wer nie etwas arbeiten wird, dem muss man auch keinen Verdienstentgang zahlen. Nach der Sendung gab es Aufrufe, man möge sofort die Wiener Linien boykottieren. Nach Jahren bekam der Bursch eine namhafte Abschlagszahlung. Die Wiener Linien gaben ihm sogar einen Job als internen Büroboten.

STANDARD: Regelmäßigkeit fehlt hingegen dem "Bürgerforum". Sind neue Folgen geplant?

Resetarits: Am 23. September voraussichtlich zum Thema Bildung. 

STANDARD:  Spüren Bürgersendungen den Sparzwang im ORF?

Resetarits: Unmittelbar nicht. Bei Schnitt- und Drehkapazitäten wird aber extrem ökonomisch umgegangen. Abzuwarten wird das Handshake-Angebot sein: Man- oder Womanpower, die uns abgeht.

STANDARD:  Wie lange wird es "Schauplatz Gericht" geben?

Resetarits: Wenn die Quoten stimmen, kann es schon ein paar Jahre weiter gehen. Die waren offen gesagt schon einmal besser, sind aber vergleichsweise immer noch recht gut. Zumal wir oft mit "Dancing Stars" konkurrierten. Fälle gibt es genug. Wir hätten nie gedacht, dass es zwölf Jahre funktionieren wird.

STANDARD: Schweben Ihnen neue Ideen als Ableger von "Am Schauplatz" vor?

Resetarits: Es gibt etliche Ideen, die wir in Konzepten abgegeben haben. Da harren wir der Entscheidungen, wofür Geld da ist. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 7.8.2009)

Zur Person
Die Arbeit von "Schauplatz Gericht" machen "hauptsächlich Ludwig Gantner und Nora Zoglauer", sagt Peter Resetarits (49): "Ich stell' mich 'hin und red' g'scheit." Im ORF kümmert er sich um Bürgersendungen. Bekannt wurde er als "Ohne Maulkorb"-Moderator.

  • "Schauplatz Gericht"-Team: Peter Resetarits, Nina Zoglauer, Ludwig Gantner.
    orf/hans leitner

    "Schauplatz Gericht"-Team: Peter Resetarits, Nina Zoglauer, Ludwig Gantner.

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