Eine Klasse für sich

6. August 2009, 17:00
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Er ist der bunteste Hund der internationalen Modeszene - Ab Herbst ist der deutsche Designer Bernhard Willhelm Modeprofessor an der Wiener Angewandten - Ein Porträt von Stephan Hilpold

Am besten nähert man sich Bernhard Willhelm über seinen Allerwertesten. Am Tag nach seiner jüngsten Pariser Modeschau empfängt der Modemacher den Besucher in seinem Atelier im 10. Arrondissement. Er trägt Ringelstrümpfe und dazu einen Body aus Spitze - und darunter gar nichts. Der blanke Po blitzt unter der beigen Blumenspitze hervor. "Kleidung ohne Sex finde ich langweilig", wird Willhelm später an diesem Nachmittag sagen und vom hausgemachten Erdäpfelsalat anbieten.

Bernhard Willhelm ist das, was die Presse gemeinhin ein Enfant terrible nennt. Wäre der hungrige Designer an diesem Nachmittag nicht so ausgesprochen liebenswürdig, dann könnte man ihr beinahe glauben. Die Männermodeschau einen Tag zuvor war halb Skurrilitätenkabinett, halb lustiger Kriegerauflauf - und endete mit einem Ohnmachtsanfall. Nicht die offenherzige Mode hatte allerdings zum Schwächeanfall einer der wichtigsten Einkäuferinnen geführt, sondern die schlechte Luft im vollkommen überfüllten Saal.

Selbst im dichten Pariser Modekalender sind Willhelms Installationen und Präsentationen rare Höhepunkte in der meist recht fantasielosen Abfolge der Defilees. Der 1972 in Ulm geborene und in Antwerpen ausgebildete deutsche Designer zeigt keine perfekten Sakkos oder figurumspielenden Kleider. Seine Kreationen zeigen, wie fantastisch Mode sein kann. Sprich, wie knallig bunt und formal überraschend, wie ungewöhnlich in ihren Kombinationen und ironisch in ihren Aussagen. "Ich mag das Chaos", sagt Willhelm, "das Unvorhersehbare." Mit diesem Prinzip ist er zum einflussreichsten deutschen Designer der jüngeren Generation aufgestiegen.

Karo und Jägergrün

Willhelm ist so deutsch in seinen Entwürfen, wie man nur sein kann - und gleichzeitig die Antithese zu dem, was man unter deutscher Mode versteht. Er steht auf Trachten und Lederhosen, liebt Karo und Jägergrün. Willhelm ist ein Naturbursch, der die Berge mag und als Jugendlicher in seinem Gewächshaus auf der Schwäbischen Alb Kakteen züchtete. Die Prototypen seiner Strickmodelle strickt bis heute die Frau Mama in Ulm.

Deren Nachbarinnen werden sich manchmal wundern. Denn Willhelm kombiniert Rotkäppchenmotive mit schreienden Affen, Küchenmesser oder Camouflage-Muster. Jeglicher Purismus ist dem Designer fremd. Ihn interessieren die Brüche, das Aufeinanderprallen der Extreme, der Kitsch, der Trash, das Hässliche.

Mehrheitsfähig ist sein Geschmack nicht: "Ich bin ein Ideengeber und kein Marketinggenie", sagt der Designer und erzählt dann, wie schwierig es sei, seine Kunden jede Saison wieder zu überraschen. Seit zehn Jahren ist der Designer mittlerweile im Geschäft, im Dezember wird es deswegen eine große Soloausstellung im Groninger Museum geben. Ein Überlebenskampf ist es für Willhelm und seine Business-Partnerin Jutta Kraus dennoch immer noch. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen würden immer schwieriger. Die jetzige Männerkollektion, sagt er, "ist wahrscheinlich meine letzte gewesen."

Show the cock, show the ass

So viele wagemutige Typen, die sich in Willhelms 3-D-Camouflage-Höschen zwängen möchten, wird es auch diesmal wieder nicht geben - auch wenn er für die auffallenden Stücke extra mit einer der berühmtesten Stickereifirmen in St. Gallen, mit Bischoff Textil, zusammengearbeitet hat. Ein prominentes Zugpferd wie bei seiner Damenmode die Sängerin Björk, die und deren Tourneen Willhelm immer wieder einkleidet, hat er in der Männermode nicht. Hier baut er ganz auf sein Design: Gemeinsam mit Bischoff Textil entwickelte er in dieser Saison ein Verfahren, wie Camouflage nicht zwei-, sondern dreidimensional dargestellt werden kann. "Ich bin ein Fantasytyp", sagt Willhelm, "ich verbeiße mich in Themen." Oft handelt es sich dabei um Tabus, mit Vorliebe greift Willhelm sexuelle Inhalte auf. "Die Menschen werden immer spießiger, dem möchte ich etwas entgegensetzen."

Vor nunmehr zwei Jahren arbeitete er mit einem Promi des Rotlichtmilieus zusammen, mit dem schwulen Pornostar François Sagat. Ihm schneiderte er hautenge Muskelshirts und winzige Unterhöschen, Sportleggings und Ringertrikots auf den Leib - und schaltete die Fotoaufnahmen der österreichischen Fotografin Maria Ziegelböck in einigen ausgewählten Modemagazinen. "Ich wollte eine Kollektion machen, die ganz offensiv ,sex' ist: Show the cock, show the ass", erklärte er damals dem deutschen Musikmagazin Spex und berichtete über sein eigenes Fitnessprogramm und darüber, was er an Anabolika interessant findet. Irritationen wie damals, 2001, als Willhelm in der ersten Ausgabe des Schwulenmagazins Butt mit seinem nackten Allerwertesten posierte, blieben aus.

Schwuler Pin-up-Boy

Damals musste sich Willhelm den Vorwurf gefallen lassen, sich zum Pin-up-Boy zu stilisieren. Das gefiel dem Designer gar nicht. Er ist kein Provokateur um der Provokation willen. Willhelm mag seinen Körper und zeigt ihn gerne her. Er fände es wichtig, dass ein Designer mit seinem eigenen Körper hinter seiner Mode stehe, meint er. "Wenn ich über die Straße gehe, werde ich manchmal zusammengepfiffen. Na und?"

Im 10. Arrondissement unweit der Gare de l'Est ist Willhelm nicht der Einzige, der sich ein bisschen anders gibt. Das Viertel gehört zu den buntesten in Paris. Es ist das Paradebeispiel eines ethnischen Schmelztiegels und zieht wegen der günstigen Mieten viele Kreative an. Die Farbenvielfalt korreliert mit der Buntheit von Willhelms Mode. Erst als er das Atelier im 10. Arrondissement gefunden hatte, war Willhelm bereit, nach Paris zu ziehen. Das war 2002, und der Designer lebte bis dahin in Antwerpen, wo er den Großteil seines Studiums absolvierte. Als belgischen Designer titulieren ihn denn immer wieder internationale Medien, und auch wenn das Etikett nicht wirklich stimmt, steckt in ihm ein wahrer Kern. Ein Designer wie Walter Van Beirendonck steht dem deutschen Modemacher nämlich weitaus näher als ein Wolfgang Joop oder eine Jil Sander. In Antwerpen lernte Willhelm, dass Mode ungewöhnliche Wege gehen kann und dass sie durchaus auch einmal Spaß machen darf. "Die bloße Ausrichtung der Mode auf ihre technischen und kommerziellen Aspekte interessiert mich nicht. Modemacher müssen wildere Visionen haben." Mit dieser Ansage überzeugte der Designer auch die Findungskommission zur Neubesetzung der Modeprofessur an der Wiener Angewandten. Ab Oktober darf sich der 36-Jährige Professor nennen. "Wie groß meine pädagogischen Fähigkeiten sind, weiß ich nicht."

Nach den strengen und vergleichsweise ruhigen Jahren unter Veronique Branquinho wird ab Herbst ein luftigerer Wind durch die Räume am Stubenring wehen. Änderungen sind vorprogrammiert, auch wenn sich Willhelm im heißen Paris noch nicht festlegen möchte, was genau unter ihm anders wird. Vorerst stehen einige Fragen im Raum: Muss das Semester mit der großen Präsentation der Abschlusskollektionen enden? Wären eine Reihe kleinerer Projekte unterm Jahr nicht sinnvoller? Und vor allem: Wie entfacht man eine Gruppendynamik, die neue Entwicklungen anstößt?

Genau diese Erfahrung machte Willhelm während seiner Studienzeit selbst. In seiner Klasse war eine ganze Reihe an kreativen Geistern, unter anderem der jetzige Designchef von Dior Homme, Kris Van Assche. Die wilde Antwerpener Zeit hat den Modemacher geprägt. Ihren Geist möchte er auch in Wien entfachen. Letztendlich läge es dann aber an den Studenten selbst, was sie aus ihrem Talent machen. Mit Bernhard Willhelm kriegen sie jetzt eine Idee, in welche Richtung es gehen kann. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/07/08/2009)

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    Outfit aus der jüngsten Kollektion.

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    Spaß haben an Mode: Bernhard Willhelm

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