Laut und wild: Hools auf Ecstasy

    6. August 2009, 10:00
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    Im Mutterland der Subkulturen ver­einten sich in den späten 1980ern zwei Stiefkinder der britischen Ge­sellschaft zu einer spannenden Mischung

    In den 80ern krachte es auf der Insel gewaltig. Mit dem Aufschwung der elektronischen Musik hielt die Rave-Kultur Einzug in den Clubs Großbritanniens, und der landesweite Lärmpegel stieg unumgänglich. Anfangs von der Kunst-Avantgarde initiiert, beanspruchte die jugendliche Masse den neuen Musiktrend schon bald für sich. Neben den offiziellen Austragungsorten zogen vor allem die illegalen Varianten in stillgelegten Fabriken und Lagerhallen den Unmut der breiten Öffentlichkeit auf sich. »Zu laut, zu spät, zu wild«, lautete das Urteil abseits des Partyvolkes, und schon bald sprengten Polizeikommandos die Partys ohne Lizenz. Den staatlichen Spielverderbern ging es dabei weniger um das Interieur einer ehemaligen Maschinenfabrik oder die Nachtruhe der Anrainer, sondern vielmehr darum, einen Nebeneffekt der neuen Spaßgeneration einzugrenzen. Denn mit den Beats kamen auch die Pillen. 

    Die neue synthetische Droge Ecstasy schlug zum Ausklang der Achtziger ein wie eine Bombe. Im Gegensatz zu anderen Rauschmitteln wie LSD oder Heroin wussten die bunten Tabletten vor allem durch ihre Club-Tauglichkeit zu überzeugen. Schnell fanden die Raver heraus, dass es sich zu den mindestens 120 Beats pro Minute mit Ecstasy noch besser tanzen lässt. Die neue Droge etablierte sich schnell in der Szene, und die Partys fungierten immer mehr als Hauptbezugsquelle und Umschlagplatz für potenzielle Konsumenten und Dealer. Grund genug, die Aufmerksamkeit von Margaret Thatchers langem Arm auf sich zu ziehen. 

    Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der »Eisernen Lady« eine ganz andere Subkultur gehöriges Kopfzerbrechen bereitet, denn in und um Großbritanniens Fußballstadien war es nicht minder »laut« und »wild«. Die Blütezeit der »Football Casuals« zog eine Welle der Gewalt rund um den britischen Fußball nach sich und fand ihren Höhepunkt in der Tragödie im Heysel-Stadion 1985. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gingen die Behörden in rigoroser Weise gegen die Hooligans vor, um dem Problem Herr zu werden. Eine Katastrophe (Hillsborough) und einen Report (Taylor) später schienen die Pläne zur Umstrukturierung der britischen Fanlandschaft Früchte zu tragen. Mit der Abschaffung von Stehplätzen, der damit einhergehenden Erhöhung der Kartenpreise und einem mächtigen Videoüberwachungsapparat wurden die einstigen Probleme und ihre Protagonisten von der Bildfläche verdrängt.

    Der Widerstand der Alten

    Die Casuals der ersten Generation sind inzwischen erwachsen geworden, und manche von ihnen schreiben Bücher. Beim jeweiligen Verlag der Kategorie »Hard Men-Non Fiction« zugeordnet, bewegen sich die literarischen Aufarbeitungen der ehemaligen Hooligans zumeist irgendwo zwischen Legitimation und Verherrlichung der (eigenen) wilden Vergangenheit. Die Anzahl der Publikationen spricht für den Erfolg bei den Lesern. Abseits der verschiedenen Blickwinkel auf Straßenschlachten taucht in den Büchern im Hinblick auf den Niedergang der Casuals immer wieder eine Konstante auf: Neben der verschärften Gangart der Regierung Thatcher sei besonders der Einfluss der Rave-Kultur maßgeblich für den Rückgang der Gewalt gewesen. Das erscheint auf den ersten Blick unlogisch, ist doch die musikalische Untermalung der Rave-Partys alles andere als beruhigender Natur. Doch wer Rave sagt, meint auch Ecstasy.

    Hauptbestandteil der bunten Pillen ist das Amphetamin MDMA (3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin), das beim Konsumenten neben Ausgelassenheit vor allem ein gesteigertes Sympathiegefühl gegenüber anderen verursacht und daher als Partydroge noch immer weit verbreitet ist. Was sich nach einem Patentrezept gegen das Hooligan-Gemüt anhört, begeisterte Studenten bildnerischer Künste gleichermaßen wie die Boxer aus der Kurve. Für die Subkultur-Hopper, die es am Wochenende nach dem obligatorischen Matchbesuch zu den Raves zog, war die Faszination des Neuen und Hippen zugleich Fluch und Segen. Denn Widerstand gab es vor allem aus den eigenen Reihen. »Als die Jungen der Firm anfingen zu den Partys zu gehen, runzelten die Älteren eher die Stirn. Die Hardcore-Hooligans der 70er Jahre hatten Angst, dass der Umgang mit der Rave-Szene die Jungen verweichlichen und das Ansehen der Firm darunter leiden würde«, weiß Cass Pennant von kurveninternen Streitigkeiten bei West Hams berüchtigter Hooligan-Firm ICF zu berichten. »Doch die Wachablöse hatte schon längst stattgefunden, und die Jungen waren gemeinsam mit den 80ies-Casuals die treibende Kraft bei der Inter City Firm. Die Älteren mussten wohl oder übel mitziehen.« Pennant war zu den Hochzeiten der Hooligan- und Casual-Bewegung eine zentrale Figur beim erlebnisorientierten Anhang der Hammers aus London. Nach seiner aktiven Zeit machte er seine damalige Leidenschaft zum Beruf und gilt heute als bekanntestes Aushängeschild der britischen »Hooliteraten«. Gegenüber dem ballesterer unterstreicht Pennant die überraschend schwierige Beziehung zwischen Hooligans und Drogen: »Die Fußballszene rühmte sich bis in die 80er damit, drogenfrei zu sein. Einmal abgesehen von Speed waren Drogen wie Cannabis oder Heroin lange ein absolutes No-Go unter den Fans. Wenn es in der Firm bekannt wurde, dass du Drogen nimmst, wurde sofort an deiner Zuverlässigkeit gezweifelt. Die Raves waren die erste große Überschneidung zwischen der Fußball- und der Drogenszene.«

    Casual-Alltag

    Vom Ausgangspunkt London verbreitete sich das Rave-Fieber schnell auf der ganzen Insel und zog immer mehr Lads zum Tanz in die ehemaligen Fabrikhallen. Und zur Party ging man üblicherweise mit anderen Mitgliedern der Firm. Nachdem sich die neue Spaßgesellschaft einen Status erarbeitet hatte und an Popularität gewann, bot sich dem neutralen Betrachter ein unglaubliches Bild: Mit von Ecstasy geweiteten Pupillen machten die ansonsten erbittertsten Feinde Arm in Arm die Nacht zum Tag. Die Rivalitäten wurden zumindest für den jeweiligen Abend zur Seite geschoben. So sprangen in London, laut Cass Pennant, die Firms von Arsenal und Chelsea als erste auf den »Rave Train«. Dass sich die Erzrivalen nicht auch am Abend nach den Spielen die Köpfe einschlugen, lag neben der harmonisierenden Wirkung der Pillen an den hierarchischen Strukturen der Hooligan-Gruppierungen. Wenn sich die einflussreichen »Top-Boys« die Hände gaben, zogen die anderen mit.
    Aus den Friedensabkommen wurden mit der Zeit Geschäftsbeziehungen. Die ursprünglichen Feinde erkannten das finanzielle Potenzial der jungen Bewegung, begannen gemeinsam Raves zu veranstalten und stellten kampferprobte Kollegen als Securities zu Verfügung. Andy Swallow von West Ham und Danny Harrison von Millwall verdienen noch heute ihr Geld als Co-Veranstalter von legalen Raves.

    Auch Englands zweitgrößte Stadt Birmingham musste nicht lange auf den »Rave Train« warten. Danny Brown, Autor von »Villains« und ehemaliger Aston-Villa-Hooligan, bestätigt den Mythos des harmonischen Zusammenfeierns: »Das war schon eine verrückte Situation. Unser Tagesablauf am Spieltag sah damals so aus: Du stehst in der Früh auf, ziehst dir deine Adidas-, Lacoste- oder Fila-Sachen an und triffst dich mit deinen Jungs. Du trinkst, singst und kämpfst. Dann geht es ins Stadion, wo du wieder trinkst, singst und kämpfst. In den Clubs am Abend schmeißt du ein bis zwei Pillen, und die ganze Aggression des Tages ist wie verflogen. Ich habe Kontrahenten von anderen Firms getroffen, und die Stimmung war wirklich gut.« Das typische Casual-Wochenende wurde so um einen Programmpunkt erweitert. Auf Auswärtsfahrt galt es neben den besten Treffpunkten mit gegnerischen Firms auch nach dem nächstgelegenen Rave Ausschau zu halten.

    Zu sechst in Coventry

    Hooligans und Rave hatten sich gefunden und passten offenbar zusammen wie die Faust aufs Auge. Doch die harmonische Beziehung hatte ein Ablaufdatum. Gegen Ende der 80er fanden sich nicht mehr wie anfänglich 200 sondern oft 2.000 Besucher bei den Events ein, und die Szene drohte aus dem Ruder zu laufen. Auch die enge Verbundenheit zu den erlebnisorientierten Fußballfans brachte nunmehr Probleme mit sich, weil oft mehrere große Firms denselben Rave frequentierten. Die Territorialkämpfe der Fußballstadien hatten die Clubs und Lagerhallen erreicht und mit ihnen kehrten wieder alte, rivalisierende Muster ein. Mark Chester, ehemaliger Stoke-City-Lad, erinnert sich: »Als später dann die Firms mit 50 bis 60 Leuten bei diesen Veranstaltungen aufkreuzten, war es mit dem Spaß vorbei.« Der Verlust der Exklusivität der frühen Jahre bewegte viele Casuals dazu, dem Rave endgültig den Rücken zu kehren. »Du konntest nicht mehr zu fünft oder sechst einfach so nach Coventry oder Birmingham auf einen Rave fahren. Wenn du den Fußball-Background hattest und dich die Leute dort kannten, dann konnte es richtig schmutzig werden«, erzählt Chester.
    Nach jahrelangem Beschnuppern und einer intensiven Kurzehe gingen die beiden Subkulturen also wieder getrennte Wege. Was blieb, waren die Drogen. In Hooligan-Kreisen wurde Ecstasy zwar durch zweckdienlichere Substanzen wie Kokain oder Speed schon bald der Rang abgelaufen, der Einfluss auf die Gewaltbereitschaft der Casual-Bewegung kann den bunten Pillen aber nicht abgestritten werden. Die heutige Situation in Sachen Fußballfans und Drogen in Großbritannien ist für Mark Chester bedrückend: »Die Situation im Moment ist wirklich, wirklich düster.« 

    In einem Punkt sind sich die drei ehemaligen Problemfans jedoch einig: Ecstasy hatte zwar die Haltung der Fans untereinander verändert, die Leidenschaft für den Fußball und den Verein blieb jedoch unangetastet. Keiner aus ihrem Umfeld sei durch die Rave-Kultur oder Ecstasy vom Fußball abgerückt. (Andreas Hagenauer & Clemens Zavarsky)

    • Inhalte des ballesterer Nr. 44 (August 2009) - Ab sofort österreichweit im Zeitschriftenhandel:

SCHWERPUNKT: FUSSBALL & DROGEN

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      foto: ballesterer

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    • Cass Pennant: »Als die Jungen der Firm anfingen zu den Partys zu gehen, runzelten die Älteren eher die Stirn.«
      foto: ballesterer

      Cass Pennant: »Als die Jungen der Firm anfingen zu den Partys zu gehen, runzelten die Älteren eher die Stirn.«

    • Danny Brown: »Du gehst ins Stadion, trinkst, singst und kämpfst. Am Abend schmeißt du ein bis zwei Pillen, und die ganze Aggression ist wie verflogen.«
      foto: ballesterer

      Danny Brown: »Du gehst ins Stadion, trinkst, singst und kämpfst. Am Abend schmeißt du ein bis zwei Pillen, und die ganze Aggression ist wie verflogen.«

    • Mark Chester: »Als später dann die Firms mit 50 bis 60 Leuten bei den Raves aufkreuzten, war es mit dem Spaß vorbei.«
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      Mark Chester: »Als später dann die Firms mit 50 bis 60 Leuten bei den Raves aufkreuzten, war es mit dem Spaß vorbei.«

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