Russisch-türkisches Energieabkommen

6. August 2009, 18:55
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Die Türkei, Russland und Italien haben sich über den Verlauf der umstrittenen South-Stream-Pipeline geeinigt

Die Ministerpräsidenten von Russland, Italien und der Türkei, Wladimir Putin, Silvio Berlusconi und Tayyip Erdogan, haben am Donnerstag in Ankara eine Vereinbarung unterzeichnet, mit der die Trassenführung einer großen Gaspipeline festgelegt wird. Das unter dem Namen South Stream bekannte Konkurrenzprojekt zu dem ebenfalls vor kurzem vereinbarten Gaspipeline-Projekt Nabucco soll von Russland aus durch das Schwarze Meer nach Bulgarien und weiter nach Italien führen. Es soll vom russischen Gasmonopolisten Gasprom und dem italienischen Energiekonzern ENI gebaut werden.

Putin, der bereits vor Berlusconi in Ankara eintraf, hat nach Berichten in türkischen Medien mit seinem Kollegen Tayyip Erdogan ein ganzes Bündel energiepolitischer Vereinbarungen getroffen. Um zu verhindern, dass South Stream im Schwarzen Meer durch ukrainische Gewässer führt, lag den Russen sehr viel daran, dass die Türkei zustimmt, die Pipeline durch türkisches Meer zu verlegen.

Verhandlungen über Atomkraftwerke

Im Gegenzug soll Putin zugestimmt haben, sich an einer Ölpipeline vom türkischen Schwarzmeerhafen Samsun zu dem Ölterminal Ceyhan am Mittelmeer zu beteiligen, damit russisches Öl nicht mehr per Schiff durch den Bosporus befördert, sondern über die neue Pipeline gleich ans Mittelmeer gepumpt werden kann. Die Türkei und Russland verhandeln darüber hinaus noch über ein russisches Angebot für den Bau zweier Atomkraftwerke in der Nähe von Mersin, ebenfalls am Mittelmeer.

Die Türkei hatte bei einer Ausschreibung für ihr AKW-Projekt feststellen müssen, dass letztlich nur noch ein russischer Anbieter übrigblieb, weil den westlichen Konzernen die Bedingungen zu unvorteilhaft erschienen. Eigentlich sollen die AKWs aber gebaut werden, um die türkische Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu reduzieren.

Aus diesem Grund hat sich die Türkei auch nach langen Debatten an dem Gaspipeline-Projekt Nabucco beteiligt, das von Baku über Georgien durch die Türkei, Bulgarien und Rumänien bis nach Wien führen soll. Erklärtes Ziel dieser Pipeline ist ebenfalls, sich von russischen Gaslieferungen unabhängiger zu machen. Eine russische Offerte, sich an South Stream direkt zu beteiligen, hat die Türkei deshalb abgelehnt. Weil aber sowohl Italien wie auch Griechenland an South Stream beteiligt sind, sah Erdogan offenbar letztlich keinen Grund, Putin den Wunsch, die Trasse durch türkische Gewässer verlegen zu lassen, abzuschlagen.

Feierliche Unterzeichnung

Nachdem Putin und Erdogan bereits seit dem Vormittag verhandelt hatten, stieß Berlusconi dann am Nachmittag dazu, um an der feierlichen Unterzeichnung über die Trassenführung von South Stream auch persönlich mit dabei zu sein. Sobald die Unterschriften unter dem Dokument trocken sind, sollen die Erkundungsarbeiten im Schwarzen Meer beginnen.

Sowohl South Stream als auch Nabucco sind teure Milliardenprojekte, weshalb viele Experten davon ausgehen, dass beide Pipelines gleichzeitig kaum wirtschaftlich zu betreiben sind. Beide sollen West- und Südwesteuropa mit Gas versorgen, was Fragen nach dem Bedarf und den Erdgasquellen, aus denen die Pipelines gespeist werden sollen, aufwirft. Beide konkurrieren bereits jetzt um den Zuschlag für turkmenische Gaslager. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 7.8.2009)

 

 

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    Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan.

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