Roma-Verfolgung: Ethnische Zeitbombe

5. August 2009, 19:39
102 Postings

Die fortgesetzte Verteufelung der Roma als Sündenböcke in den rechtsradikalen Medien lassen Schlimmeres befürchten

In einer Notiz berichtete der Standard am Montag von einer Veranstaltung im ehemaligen Vernichtungslager Birkenau zum Gedenken an die schätzungsweise 500.000 vom NS-Regime ermordeten Roma und Sinti. Unter diesen befanden sich auch 20.000 ungarische Zigeuner. Während über die Vorgeschichte und den Ablauf der "Endlösung", des Massenmordes an den ungarischen Juden (über 560.000 Opfer), groß angelegte Studien veröffentlicht wurden, fehlt es bisher leider an einer gründlichen Aufarbeitung des vom Himmler befohlenen Genozids an den Roma im von Hitler-Deutschland beherrschten Europa.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem unter den Verhältnissen der kommunistischen Parteidiktaturen hatte man fast alles aus der brisanten und schmerzhaft nahen Vergangenheit, vor allem was die nationalen Spannungen und somit auch die sogenannte "Zigeunerfrage" betrifft, unter den Teppich gekehrt. Die historischen Hass-, Neid- und Angstkomplexe wurden überall tabuisiert, und die rasante Industrialisierung brachte auch zeitweilig die scheinbare Vollbeschäftigung der arbeitsfähigen Roma und Romni (weibliche Roma). Nach dem Systemwechsel und dem Zusammenbruch der Großindustrie traf die Arbeitslosigkeit die unqualifizierten Roma besonders hart. Laut einer im Jahr 2000 herausgegebenen Studie waren zum Beispiel in Ungarn Ende der 90er-Jahre nur 29 Prozent der Roma und 15 Prozent der Romni berufstätig.

Die von der Europäischen Union im Jahr 2008 in Auftrag gegebenen Studien in neun Mitgliedsstaaten, darunter Rumänien, Tschechien, Ungarn und der Slowakei, über die Situation der aus verschiedenen Volksgruppen der ursprünglich ab dem 14. bis 16. Jahrhundert aus Nordindien eingewanderten Roma bestätigen eine weitverbreitete soziale, kulturelle und politische Diskriminierung dieser wirtschaftlich ärmsten europäischen Minderheit.

Die sozialen Spannungen infolge der Weltwirtschaftskrise verschärfen überall die Diskriminierung und führen auch zu Gewalttätigkeiten zwischen der Mehrheitsbevölkerung und den Roma - unter anderem auch in Tschechien (wo schätzungsweise 160. 000 bis 300.000 Roma leben) und in Rumänien (mit geschätzten 1 bis 1,5 Millionen Roma). Die tief verwurzelten Vorurteile der Mehrheitsgesellschaften hängen freilich auch mit den Folgen der gesellschaftlichen und schulischen Segregation der meisten Roma zusammen.

Die gezielte Mordserie in Ungarn, der bisher sieben Roma zum Opfer gefallen sind (vgl. Standard, 4. August), und andere Gewalttaten sind auch die Folgen der Hetze der rechtsextremistischen Gruppen - unter dem Motto "Zigeunerkriminalität" - gegen das willkommene Feindbild der Roma. Für die Chancenlosigkeit und elende Lage der über 600.000 Roma, deren Muttersprache nach eigenen Angaben Ungarisch ist, sind die sozial-liberalen Regierungen mitverantwortlich.

Die fortgesetzte Verteufelung der Roma als Sündenböcke in den rechtsradikalen Medien und die Unfähigkeit der Polizei, die Täter zu ergreifen, lassen allerdings noch Schlimmeres, nämlich bürgerkriegsähnliche Zustände in Stadtbezirken und Dörfern mit hohem Roma-Anteil befürchten. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2009)

Share if you care.