Das "Wohlfühlspital" ohne U-Bahn, Zeitplan und Budget

5. August 2009, 19:10
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Um den Bau des KH Nord rumort es, zuletzt wegen der angeblichen Bevorzugung des Architekten - Umstritten sind auch Ausstattung des Spitals und Vergabe-verfahren

Frage: Warum braucht Wien ein weiteres Krankenhaus?

Antwort: Im stetig wachsenden Norden der Stadt gibt es nur drei Spitalsbetten pro 1000 Einwohner, während der Westen Wiens mit neun Betten als überversorgt gilt. Bundesweit liegt der Schnitt bei 6,4 Betten pro 1000 Einwohner, Wien versorgt aber auch das Umland mit. Der Bettenschnitt der EU-15 liegt bei 3,8. Gesundheitsökonomen halten die hiesige, vergleichsweise hohe Dichte für problematisch, da sie möglicherweise zu mehr Aufnahmen führt als nötig.

Frage: Was bedeutet der Neubau für die Wiener Spitalslandschaft?

Antwort: Das Krankenhaus Floridsdorf, die Semmelweis-Frauenklinik und das orthopädische Krankenhaus Gersthof werden zur Gänze im Krankenhaus Nord aufgehen. Aus dem Hietzinger Krankenhaus übersiedeln Herzchirurgie, Kardiologie und Teile der Neurologie. Teile der Pulmologie und Psychiatrie sowie die gesamte Thoraxchirurgie wandern vom Otto-Wagner-Spital ins Krankenhaus Nord. Aus dem Wilhelminenspital zieht ein Teil der Kinder- und Jugendheilkunde gen Norden. Neu aufgebaut werden eine Unfallchirurgie und die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Kritiker attestieren den Gesundheitspolitikern mangelnden Reformmut; so hätte man etwa das Hanusch-Krankenhaus in Penzing zur Gänze übersiedeln können - das gehört aber der Wiener Gebietskrankenkasse und nicht dem Krankenanstaltenverbund (KAV).

Frage: Was kostet das alles?

Antwort: Dazu gibt es noch keine konkreten Angaben, kolportiert werden Errichtungskosten von 850 Millionen Euro. Fest steht, dass das neue Spital wesentlich teurer wird als ursprünglich angekündigt: 2005 sprach die damalige Gesundheitsstadträtin Renate Brauner (SP) von 250 bis 300 Millionen Euro. Im Endausbau soll es im Krankenhaus Nord 867 Betten auf 150.000 m² geben.

Frage: Warum least der KAV das Krankenhaus nur und baut es nicht selbst?

Antwort: Durch das "Private-Public-Partnership-Modell" fallen für die Stadt erst Kosten an, wenn der Spitalsbetrieb beginnt. Der private Partner musste laut Ausschreibung auch ein geeignetes Grundstück vorschlagen. Offiziell gibt es noch keinen Zuschlag, verhandelt wird aber mit dem Bieterkonsortium Porr-Siemens-Vamed. Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SP) hatte vergangenes Jahr schon eine entsprechende, wohl etwas voreilige Aussendung gemacht, denn die Einigung über die Kosten steht noch aus. Fix ist der Standort in der Brünner Straße. Das Areal, das den ÖBB gehört, wurde vom Konsortium vorgeschlagen. Einigt man sich nicht, gebe es "vertragliche Mechanismen", den Standort beizubehalten, versichert KAV-Direktor Wilhelm Marhold. Als Architekt des "Wohlfühlspitals" (Wehsely) wird Albert Wimmer fungieren, der auch den Hauptbahnhof plant.

Frage: Warum bekommt das Krankenhaus keinen U-Bahn-Anschluss?

Antwort: Eine Anbindung an die U6 würde die Diskussion über eine Verlängerung nach Niederösterreich neu entfachen, was der Stadtregierung gar nicht recht ist. Laut einer Untersuchung der Wiener Linien wohnen zu wenige Menschen an der U6. Offiziell heißt es, es werde eine Fläche für eine Station freigehalten, konkrete Planung gebe es aber keine. Erreichbar ist das Krankenhaus mit der S3, den Straßenbahnlinien 30 und 31 sowie mit den Bussen 228, 420 und 426.

Frage: Wann ist das Spital fertig?

Antwort: Die Fertigstellung, angekündigt für 2011 oder 2012, wird sich laut KAV nach hinten verschieben. Bisher wurde nicht einmal ein Spatenstich terminisiert.
So soll das neue Krankenhaus in Wien-Floridsdorf aussehen. Die Fertigstellung ist aber noch in weiter Ferne. (Andrea Heigl, DER STANDARD Printausgabe, 06.08.2009)

 

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