"Gesundheit hat immer Konjunktur"

5. August 2009, 18:06
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Der Gesundheitskonzern Vamed will weiter expandieren. Warum die Krise Reformen beschleunigen wird, verriet Vorstandschef Ernst Wastler

Standard: Vamed ist in 50 Ländern tätig, künftig auch in Iran?

Wastler: Wir haben es einige Male versucht. Um eine Gesundheitsimmobilie oder ein Krankenhaus zu planen, zu errichten und gegebenenfalls zu betreiben, sind stabile Rahmenbedingungen notwendig. Sonst wird die Finanzierung schwierig. In Iran hat es bisher nicht geklappt.

Standard: Wie beurteilen Sie die Chancen, dass Vamed dort in vier, fünf Jahren etwas zustande bringt?

Wastler: Aus heutiger Sicht gut. Wir betrachten Iran und die dortige Gesundheitswirtschaft als Markt für uns.

Standard: Was ist neben der Finanzierung ausschlaggebend, damit Sie ein Projekt überhaupt angehen?

Wastler: Wir unterscheiden zwischen Ländern, die über ein bereits entwickeltes Gesundheitssystem verfügen, und solchen, die noch Bedarf an Basisinfrastruktur haben. In einem wenig entwickelten Land machen wir allein oder mit den Behörden Gesundheitsmasterpläne. Die erlauben uns, zu beurteilen, was benötigt wird. Anfangs geht es darum, den Menschen eine Erstversorgung zu bieten. Auch Einrichtungen zur Durchführung von Impfungen und für die Basishygiene gehören dazu. Der nächste Schritt sind kleine Standardkrankenhäuser, die aufgrund der modularen Bauweise fast beliebig entwickelbar sind.

Standard: Woher kommt das Geld?

Wastler: Wenn das Land über Bodenschätze oder sonstige Ressourcen verfügt, dann daraus. Häufig springen aber auch Regionalbanken, Entwicklungsinstitutionen oder die Weltbank ein.

Standard: Dort, wo es einen großen Nachholbedarf an Gesundheitseinrichtungen gibt, ist die Demokratie meist wenig gefestigt. Spielt das eine Rolle in Ihren Überlegungen?

Wastler: Wenn man in Märkte geht, die hinsichtlich der demokratischen oder kulturellen Entwicklung ganz anders sind, als es unserem Verständnis entspricht, sind die Herausforderungen enorm. Aber nur wer bereit ist, sich darauf einzulassen, hat eine Chance.

Standard: Tun Sie sich nicht schwer, Vamed als österreichisches Unternehmen zu verkaufen, wo die Mehrheit dem deutschen Gesundheitskonzern Fresenius gehört?

Wastler: Überhaupt nicht. Die Seele des Unternehmens sind die Mitarbeiter. Und die sind trotz unserer Internationalität zu einem Großteil Österreicher. Wir haben es geschafft, global zu denken, agieren dennoch in jedem Markt wie ein lokales Unternehmen.

Standard: Seit Jahren wird in Österreich über die Gesundheitsreform diskutiert, gefruchtet hat es wenig. Ein hoffnungsloses Unterfangen?

Wastler: Das sehe ich nicht so, die Gesundheitswirtschaft entwickelt sich auch bei uns weiter. 1992 haben wir begonnen, eine Zukunftsstudie zu schreiben mit dem Titel: "Das österreichische Gesundheitswesen im Jahr 2010" . Damals war das leistungsorientierte Krankenanstaltensystem erst eine Idee. Man diskutierte, ob die Zeit reif für einen Pilotversuch sei.

Heute ist diese Idee Realität. Was es aus meiner Sicht noch zu wenig gibt, sind PPP-Modelle im Gesundheitsbereich, Kooperationen zwischen öffentlichen und privaten Stellen.

Standard: Wird die Krise diese Entwicklung beschleunigen?

Wastler: Da bin ich mir ziemlich sicher. Man muss kein Prophet sein, um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die öffentlichen Haushalte abschätzen zu können. Wegen der enormen Defizite wird man sich überlegen müssen, in welchen Bereichen der Volkswirtschaft es entsprechende Kostensenkungspotenziale gibt - bei Aufrechterhaltung der Qualität. Die Gesundheitswirtschaft gehört sicher dazu.

Standard: Inwiefern ist Vamed von der Wirtschaftskrise betroffen?

Wastler: Bisher so gut wie nicht. Wir sind zu 100 Prozent auf den Gesundheitsbereich fokussiert und den Wirtschaftszyklen deshalb kaum unterworfen. Wenn jemand krank ist, benötigt er die Gesundheitsdienstleistung - egal, wie es der Wirtschaft gerade geht. Gesundheit hat immer Konjunktur.

Standard: Ihre Prognose für heuer?

Wastler: Wir haben eine hohe Latte, weil 2008 für uns ein Rekordjahr war mit einem Umsatz von 524 Millionen und einem Betriebsergebnis (Ebit; Anm.) von 30 Mio. Euro. Nach dem 1. Quartal liegen wir über dem Vorjahr. Erst vor wenigen Wochen haben wir den Auftrag für einen Neubau am Klinikum Köln-Merheim erhalten mit einer Gesamtinvestitionssumme von rund 70 Millionen Euro. Wir werden alles daransetzen, das Vorjahresergebnis zumindest zu bestätigen, wenn nicht zu übertreffen.

Standard: Die ÖIAG hält noch 13 Prozent an Vamed. Macht das Sinn?

Wastler: Auf vielen Märkten im Ausland ist es gut, wenn man sagen kann, dass die Republik Österreich über die Staatsholding ÖIAG zum Unternehmen steht. Das wird hoffentlich noch lange so bleiben.(Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.8.2009)

 

Zur Person: Ernst Wastler (50) ist seit 1. Juli 2001 Vorstandsvorsitzender der Vamed AG und gehört seit 1. Jänner 2008 auch dem Vorstand des Mutterkonzerns Fresenius SE an, der 77 Prozent der Anteile besitzt. Die mit der Errichtung des Wiener AKH groß gewordene Vamed ist inzwischen in 50 Ländern aktiv und beschäftigt rund 2800 Mitarbeiter. Die Staatsholding ÖIAG ist mit 13 Prozent an dem Unternehmen beteiligt.

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