Der Obama von der Wolga

5. August 2009, 16:25
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Ursprünglich kommt er aus Guinea-Bissau, in einem Nest in der russischen Provinz verbreitet Joaquim Crima die Botschaft von Hoffnung und Wandel

Tausend Kilometer südöstlich von Moskau träumt Joaquim Crima vom großen Wandel. Was in der russischen Hauptstadt nach fast einer Dekade Putin gänzlich denkunmöglich scheint, soll in der Provinz Realität werden. Ein 37-jähriger Bauer aus dem westafrikanischen Guinea-Bissau macht in der Kleinstadt Srednaya Akhtuba einen auf Obama. Im Gegensatz zum Amerikaner will Joaquim Crima zwar nicht Präsident werden, sondern bloß Bürgermeister.

Seine Chancen auf Erfolg sind trotzdem nicht gerade groß. Aber ähnlich wie Obama hofft auch der Melonenbauer aus der russischen Tiefebene darauf, mit seiner Kandidatur den tiefsitzenden Rassismus in der Bevölkerung zu überwinden.

Gekommen um zu bleiben

Es war vor zwanzig Jahren, als Joaquim Crima zum ersten Mal den Boden seiner heutigen Heimat betrat. Wie so viele seiner Landsleute kam auch der damals 17-Jährige zum Studieren nach Osteuropa, genauer gesagt nach Moldawien, damals Sowjetrepublik. Die UdSSR war für Menschen aus Äthiopien, Angola und Guinea-Bissau in den Siebziger- und Achtzigerjahren eine logische Wahl, Moskau schickte den jungen, postkolonialen Staaten Geld, Expertise und Waffen. Nach einem Jahr wechselte Crima auf die Pädagogische Akademie von Wolgograd und spezialisierte sich auf Biochemie.

Und wie Heerscharen anderer afrikanischer Studenten kam auch Crima nach Russland, um zu bleiben. Da war einerseits die chronisch instabile Lage in der afrikanischen Heimat. Andererseits war da noch Anait, eine armenisch-stämmige Bauerstochter, in die Crima sich verliebte und die ihn überredete, sie nach der Hochzeit nach Srednaya Akhtuba zu begleiten. Er lernte Russisch und erlangte schnell die Staatsbürgerschaft. 

Er kennt die Probleme

Noch heute wohnen die beiden mit ihrem 10-jährigen Sohn in der 11.000-Einwohnerstadt einige Kilometer außerhalb Wolgograds, das früher als Stalingrad bekannt war. An der Straße dorthin hat Crima einen Stand, an dem er die Wassermelonen verkauft, die von zwei Dutzend Angestellten auf einem zwanzig Hektar großen Feld in der Nähe hochgezogen werden. Crima behauptet von sich, die Probleme der einfachen Leute in Srednaya Akhtuba zu kennen: es gibt weitgehend keine Kanalisation, keine Wasserleitungen, wenn es regnet, schwappt kniehoch der Schlamm über die unasphaltierten Straßen.

Er habe viel zu wenig politische Erfahrung, keine Kontakte, sei bloß eine Lachnummer, bestenfalls ein Alibikandidat, dem man seine Proteststimme geben kann, meinen Kritiker. Crima sieht das nicht so eng. Gerade seine Unabhängigkeit verschaffe ihm die nötige Distanz, um im Kampf gegen das seiner Meinung nach drastischste Übel seiner Heimatstadt zu reüssieren: die Korruption.

Bodyguard nur bei Ausflügen

Über noch etwas ist sich Crima, dessen Selbstbewusstsein im Dorf ebenso bewundert wie verlacht wird, sicher: man kenne ihn hier. Darum habe er, der Afrikaner an der Wolga, auch keine Angst, Opfer von Nazi-Skins zu werden, die in den vergangenen Jahren hunderte Afrikaner und Migranten aus dem Kaukasus verletzt oder getötet haben. Nur wenn er in die große Stadt, nach Wolgograd fährt, lässt er sich von seinem Schwager begleiten, einem muskelbepackten Hünen, der für Crima den Bodyguard macht.

Schließlich will Crima sich nicht verstecken in dem Land, das er für „eine große Macht" hält. Und dessen de-facto-Regenten Wladimir Putin er so sehr bewundert, dass er dessen Partei „Einiges Russland" beigetreten ist. 

Russland ist bereit

Seinen Wahlkampf bestreitet der 37-Jährige trotzdem ohne die Hilfe des mächtigen Putin-Apparats. Schließlich, ist er überzeugt, habe er eine Mission. Er wolle Dinge zum Besseren verändern. Und: „Früher oder später wird Russland bereit für schwarze Politiker sein." Ganz wie Obama, eigentlich. Nur dass der US-Präsident im Wahlkampf nicht so explizit auf seine ethnische Herkunft hingewiesen hat, wie Crima das tut. Auf einem Plakat verspricht er für den Fall seines Wahlsiegs: "Ich werde für euch schuften wie ein Neger." (flon/derStandard.at, 5.8.2009)

Link:

National Public Radio (Washington): Russia's Obama: No, he can't, at least not now

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    "Yes we can!": Bürgermeisterkandidat Crima auf Wahlkampf.

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    Man schätzt den Unternehmer hier.

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    Putin-Fan Crima fühlt sich in seiner Heimatstadt sicher.

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    Inzwischen haben auch internationale Zeitungen den "Obama aus Wolgograd" entdeckt.

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    Dass seine Chancen eher beschränkt sind, ist aber unstrittig.

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