"Geiselnahme lohnt sich"

5. August 2009, 10:14
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FAZ: USA haben sich erpressen lassen - Süddeutsche: Kriegsgefahr nach möglichem Tod Kim Jong Ils - Il Messaggero: Clinton als leuchtender Stern der amerikanischen Politik

Frankfurt - Der überraschende Nordkorea-Besuch des amerikanischen Ex-Präsidenten Bill Clinton steht am Mittwoch im Zentrum zahlreicher internationaler Pressekommentare:

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Geiselnahme lohnt sich. Nordkorea hält zwei amerikanische Journalistinnen fest. Diese sollen illegal die chinesisch-nordkoreanische Grenze überschritten haben. Das Urteil, zwölf Jahre Arbeitslager, war von Anfang an als Signal an Washington gedacht. Dass Amerika die beiden nicht in Nordkorea 'versauern' lassen würde, war klar. Dass es Pjöngjang gelungen ist, den politischen Preis für die Freilassung der Journalistinnen so weit in die Höhe zu treiben, darf man getrost als Erfolg Kim Jong-ils bezeichnen. Zwar ist Bill Clinton offiziell lediglich ein angesehener Privatmann. Aber allein die Tatsache, dass er von Kim Jong-il durch die Falschmeldung, er habe eine Botschaft Präsident Barack Obamas überbracht, vorgeführt wird, zeigt, dass die Supermacht sich von dem Kleinstaat hat erpressen lassen."

"Frankfurter Rundschau":

"Kim Jong-il kann sich wieder einmal als Sieger fühlen. Mit seiner Geiselnehmerpolitik ist es Nordkoreas Diktator gelungen, einen Besuch des ehemaligen US-Präsidenten Clinton zu erpressen. (...) So sehr sich Clinton bemühen wird, nicht unterwürfig zu erscheinen - bei den Nordkoreanern wird der Eindruck entstehen, der ehemalige US-Präsident begegne ihrem 'Geliebten Führer' mit Anerkennung und Dankbarkeit. (...) Obwohl er nicht in offizieller Mission kommt, dürfte Clinton Kim im Auftrag seiner Frau (US-Außenministerin Hillary Clinton) zur Rückkehr zu den Pekinger sechsseitigen Gesprächen oder zur Aufnahme bilateraler Verhandlungen mit Washington zu bewegen versuchen."

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Clintons Mission zeugt davon, für wie gefährlich die USA die Entwicklung in Nordkorea halten. Alleinherrscher Kim Jong-il ist sichtbar geschwächt, es häufen sich ernstzunehmende Berichte, wonach er unheilbar erkrankt sei. Sollte er abtreten müssen oder gar sterben, dann könnte das nordkoreanische Machtvakuum zu einem Krieg auf der Halbinsel führen, der wegen der Atombewaffnung unkalkulierbar sein würde. (...) Bill Clinton wird dem Regime kaum klarmachen können, in welch auswegloser Lage es steckt. Aber er kann den erstarrten politischen Prozess in Bewegung bringen, mit dessen Hilfe der Sturz des Staates vielleicht noch aufgefangen werden kann. Amerika schickt seine früheren Präsidenten üblicherweise auf die schwierigsten Missionen."

"Handelsblatt" (Düsseldorf):

"Der US-Regierung ist klar, was sich hinter den Minen und dem Stacheldraht der innerkoreanischen Grenze verbirgt: Nordkorea ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch instabil. Südkorea und die USA wollen nun in erster Linie einen plötzlichen Zusammenbruch verhindern. Die deutsche Einheit war schwer genug zu stemmen, doch Nordkorea ist größer, isolierter und unendlich viel ärmer, als es die DDR war..."

"Il Messaggero" (Rom):

"Mission erfüllt. Der Privatmann Bill Clinton ist am Dienstag also in Pjöngjang gelandet, und zwar ohne offizielle Botschaft des Weißen Hauses, um sich in einer humanitären Aktion um die Freilassung der beiden von dem nordkoreanischen Regime in Haft gehaltenen US-Journalistinnen zu bemühen. Er hat sein Ziel erreicht: Am Abend entschied Machthaber Kim Jong-il, die beiden gefangenen Frauen zu begnadigen. Angesichts dieser Entwicklung ist der Besuch des früheren Präsidenten in Nordkorea als die Rückkehr eines Mannes auf die internationale Bühne gewertet worden, der zu den am stärksten leuchtenden Sternen im Universum der amerikanischen Politik gehört..." (APA)

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