Der Verfassungsrichter als Hobbypsychologe

4. August 2009, 20:45
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Adamovichs Äußerungen in Interviews enthalten Spekulationen, die unangemessen und schädlich für das Opfer Kampusch sind

Faktum ist: Die Möglichkeit, dass es im Fall Kampusch Mittäter gibt, die noch frei herumlaufen, ist nicht von der Hand zu weisen. Faktum ist ebenfalls, dass die Polizei seinerzeit bei den Ermittlungen schwer geschlampt hat. Der Täter Priklopil, auf den ein Polizeibeamter hingewiesen hatte, wurde oberflächlich befragt und laufen gelassen. Faktum ist schließlich, dass in der Polizei, im Innenministerium und bei der Justiz lange deutliche Zurückhaltung herrschte, den Fall nochmals genauer zu untersuchen.

Es ist daher verständlich, wenn der als Chef der "Evaluierungskommission" eingesetzte ehemalige Präsident der Verfassungsgerichtshofes, Ludwig Adamovich, immer wieder mit Interviews Druck macht, die Sache noch einmal genauer zu untersuchen. Die Taktik war auch offensichtlich erfolgreich. Adamovich hat dabei freilich an der Grenze des Opferschutzes operiert. Seine Äußerungen in zahlreichen Interviews enthalten Spekulationen, die unangemessen und schädlich für das Opfer Kampusch sind.

Frau Kampusch hat sich nach ihrer Selbstbefreiung von Profis eine (Öffentlichkeits-) Strategie schneidern lassen, die viele irritiert. Es ist eine Strategie des kontrollierten Zugangs. Sie spricht, aber nicht mit jedem und nicht über alles. Sie versucht, Herrin des Verfahrens zu bleiben. Sie ist nicht das typische Opfer, sie ist öffentlich nicht zusammengebrochen, sie ist ungewöhnlich artikuliert und kontrolliert.

Da kaunn was net stimmen, sagt der - in Leserbriefen ausgedrückte - Volksmund. Der is eh net so schlecht g'angen.

Leider macht Adamovich immer wieder Äußerungen, die ganz ähnlich klingen, wenn auch auf weit höherem Niveau.

Der Krone (der Krone!) sagte er: "Wenn sich jemand am früheren Tatort wohnlich einrichtet, dann beweist das, dass es offensichtlich da nicht nur Abschreckendes gegeben hat." Das beweist leider nur, dass ein brillanter Verfassungsrichter mit den Erkenntnissen der modernen Psychologie nicht vertraut sein muss. Natascha Kampusch hat (nach Angaben ihres Anwalts) nicht vor, in das Gefängnishaus in Strasshof einzuziehen. Sie hat dort allerdings herumgeräumt (und wurde dabei illegal fotografiert). Das ist mit größter Wahrscheinlichkeit nichts anderes als eine Bewältigungsstrategie. Sie konfrontiert sich nach einer gewissen Zeit selbst mit dem Ort ihrer Gefangenschaft. Das nennt man einen Verarbeitungsprozess, und das erfordert gewaltigen Mut und psychische Stärke.

"Nicht nur Abschreckendes" - seit Jahrzehnten weiß man, dass sich Entführungs- und Missbrauchsopfer bis zu einem gewissen Grad mit dem Täter arrangieren: als Überlebensstrategie, noch dazu, wenn sich die Tat über Jahre zieht. Völlig unerträglich sind die Mutmaßungen von Adamovich zur Krone, dass "die Gefangenschaft allemal besser war als das, was sie davor erlebt hat" (in ihrer schwer gestörten Familie). Und deswegen verschweigt sie einen möglichen Mittäter? Oder welchen Schluss soll man aus Adamovichs Sager sonst ziehen?

Aufgabe der Evaluierungskommission und ihres Präsidenten Adamovich ist es, eventuelle Fahndungsfehler aufzudecken und nicht, auf Mutmaßungen gestützte Hobbypsychologie zu betreiben. (DER STANDARD Printausgabe, 05.08.2009)

 

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